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Full text of "[Collection of pamphlets by and about Adolf Stoecker, and antisemitism in Prussia]"

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9 


Das moderne Judenthum 


in Deutfhlaud, 


beſonders in Berlin. 





Bmwei Reden 
in der chriſtlich⸗ ſocialen Arbeiterpartei 
gehalten 


von 


Adolf Stöcer, 


Hof- und Domprebiger zu Berlin. 


Berlin. 
Berlag von Wiegandt und Grieben. 


1880. 


| 








— 


Skandal, wenn es keinen giebt; an den Predigten in unſeren 
Kirchen, wie an den Verhandlungen unſerer kirchlichen Ver⸗ 
ſammlungen wetzen ſie ihre giftigen Federn; aber die Judenfrage 
ſuchen ſie todt zu ſchweigen und vermeiden es durchaus, ihre 
Leſer von jenen unangenehmen Stimmen irgend Etwas hören zu 
laſſen. Sie hüllen ſich in den Schein, als verachteten ſie ihre 
Gegner, als hielten fie dieſelben feiner Antwort werth. Es wäre 
richtiger, von den Feinden zu lernen, bie eigenen Schäben zu 
erfennen und gemeinfam an ber focialen Verſöhnung zu arbeiten, 
die uns fo nothwendig ift. Im dieſer Abficht möchte ich bie 
Judenfrage behandeln, in voller chriftlicher Liebe, aber auch in 
voller focialer Wahrheit. 
Gelegentliche Aeußerungen über dies Thema find aus ben 
riftlich-focialen Berfammlungen oft aus Parteizweden in das 
große Publikum getragen; immer entftellt, übertrieben, vergiftet. 
Die Reporter gewifjer Blätter, eine Schande für die Stadt der 
Intelligenz, find ebenfo unwiſſend als unwahr; Vieles fälfchen 
fie aus Unverftand, dad Meifte aus Bosheit. Ein Vorgang, 
ber fih im vorigen Jahr zutrug, ift lehrreich und charakteriftifch. 
Während meiner Abweſenheit war in unferen Berfammlungen 
mehr als nöthig Über die Juden geredet; die Judenpreſſe fchrieb, 
die Chriftlich-Socialen feien vom Judenhaß befeelt und drängten 
zur Judenverfolgung. Ich kam zurüd und ergriff bie Gelegen- 
| Heit öffentlich und feierlich zu erklären: Wir Kaffen Niemand, 
wir haſſen auch die Juden nicht; wir achten fie als unfere Mit⸗ 
| bürger und lieben fie als das Volk ver Propheten und Apoftel, 
aus welchem unfer Erlöſer hervorgegangen ift, aber das darf uns 
nicht abhalten, wenn jübifche Blätter unferen Glauben antafteı 
paar jübifcher Mammonsgeiſt unfer Volt verdirbt, dieſe Gefahr 
zu kennzeichnen. Diefe Erklärung wurde von Neuem verbreht; 
das ganze Elend Deutfchlande — follte ich gefagt haben — 
komme von ben Juden. Eine Fluth von Zufchriften hagelte auf 
mich herniever. Ein Berliner Jude, deffen Namen ich kenne, 
ſchrieb an mich, fein Volt fei ver Favorit Gottes und wenn 





— —— 


deſſen Gedanken garnicht dem jüdiſchen Boden, ſondern einer 
aͤrmlichen Zeit ber chriſtlichen Kirche entſprungen und in ber 
Kirche ſelbſt überwunden find. Beide Parteien rühmen freilich, 
daß die Juden für die Welt und Menſchheit Träger ver höchſten 
religiöfen und fittlichen Ipeen feien, und baß die Miffton des 
Judenthums für jest und alle Zukunft darin beftehe, jene Ideen 
feftzußalten, weiter zu entwideln und auszubreiten. Die jüdiſche 
Preffe von rechts und links ift darin ganz einig; der Weihrauch, 
ber darüber aus den Synagogen beider Richtungen auffteigt, ift 
geradezu finnberaufchenn. ALS kürzlich die Säcularfeier des 
ebfen Moſes Menvelsfohn begangen wurde, ftand vor ber feft- 
lihen Verfammlung das Wort: „Von Mofes bis Mofes ift 
Niemand wie Dieſer.“ Eben auf dieſen liebenswürdigen Geift, 
ber aber doch auf die Entwidelung der Menfchheit gewiß feinen 
burchgreifenden Einfluß geübt hat, beruft man fich in befonderer 
Weife. Bei der Beier feines Tobestages im Jahre 1870 ſprach 
ber Landesrabbiner Dr. Adler vie begeifterten Worte: „Iſt 
auch der jübifche Staat untergegangen, das Judenthum lebt, feine 
Miffien befteht noch, fein Dafein ift noch ein wichtiger Factor 
in der Entwidelungsgefchichte des Menſchenthums, der fort - 
ſchreitenden Menfchenbilvung. Unſere Miffion war und ift und 
bleibt: der Sieg des fortfchreitenden Meenfchengeiftes, der Sieg 
de8 Menſchenthums. Auch der untergegangene jüdiſche Staat 
ift für uns fein todter. Das Untergegangene war aud) nur bie 
Hülle des unvergänglichen Lebens, eines mit einer großen welt 
geichichtlichen Miſſion betrauten Volksſtammes.“ Da fehen Sie 
zugleich, wie die Mienfchheit doch eigentlih nur das Poftament 
ift, um den unvergänglichen Volksſtamm ver Juden darauf zu 
ſtellen. So machen es faſt Alle, die als Israeliten über ihr 
Bolt Betrachtungen anftellen. Philippfon ſchreibt, indem er in 
ber Ausbreitung des Monotheismus, in der Vermittlung bes 
Weltverfehrs, in dem Erringen ber veligiöfen Gleichheit und 
Freiheit die große Miffion Israels erblidt, Folgendes: „Die 
Kämpfe auf allen Gebieten fichern dem Iudenthum eine bedeutende 
Zukunft fowohl für feine Bekenner wie für bie gefammte rin- 


— — 


— ſagt der eitle Mann zu ſeinen eitlen Zuhörern in einer 
Predigt — wie die Sterne zu leuchten der Geſammtheit eurer 
Mitmenſchen.“ Meint man, das ſeien Uebertreibungen Einzelner, 
ſo iſt dagegen auf die Reſolutionen der augsburgiſchen Synode 
vom Jahr 1871 hinzuweiſen; da heißt es: „Der Geiſt der 
wahren Gotteserkenntniß und der reinen Sittlichkeit erfüllt immer 
mehr das Geſammtbewußtſein ver Völker. Das Judenthum er⸗ 
kennt hierin mit Freuden eine Annäherung an die Ziele, die 
ihm auf ſeiner geſchichtlichen Bahn zu allen Zeiten vorgeleuchtet 
haben? 

Hier ftellen wir unfere erfte Forderung und bitten: ein 
Hein wenig beſcheidener! Wir leugnen nicht, daß Israel 
die Erkenntniß des perfönlichen, einigen Gottes durch das Alter- 
thum wie eine heilige Flamme getragen hat, bis Chriftus kam 
und ben vollfommeneren Glauben, ben reicheren Gotte&begriff 
und die höhere Wahrheit brachte. Aber e& ift doch eine hiftorifche 
Thatfache, daß das Volt Israel immer und immer in ben 
gröbften Gögendienft zurücfiel, daß Gott nur durch die Sendung 
gewaltiger Perfönlichkeiten ven Abfall auf kurze Zeit dämpfen 
konnte. Israels Verdienſt ift e8 wahrlich nicht, daß die Lehre 
von dem einigen Gott der Welt erhalten blieb, fondern Gottes 
Gnade. Ebenſo ift e8 unzweifelhaft, daß die Gedanken der Re⸗ 
ligionsfreiheit, der Toleranz in dem modernen Sinne nicht zu 
dem Charafter des Alten Teftaments gehören. Wer ven Sabbath 
brach, wurde gefteinigt; die Baalspriefter wurden gefchlachtet. 
Es gehörte dies zu der Eigenthümlichkeit der geſetzlichen Anftalt; 
wir find fern davon, dem Alten Teftament daraus einen Vor⸗ 
wurf zu machen. Aber e8 ift doch durchaus irrig, wenn bie 
Juden Ideen, bie ihrer Religion in ber Hiftorifchen Form gänz- 
lich unbefannt find, für fih in Anfpruch nehmen. Dabei wiffen 
fie, daß fie eine Prieſterkaſte hatten — gewiß das Gegentheil 
der Gleichheit —, daß fie die Sclaverei übten — gewiß bas 
Gegentheil ver Freiheit — daß fie die Vielweiberei pflegten — 
gewiß das Gegentheil idealen Familienlebens. Erſt das germa- 
nifch-chriftliche Leben Hat dieſen Mißſtänden abgeholfen. Es ift 





— 10 — 


Straße, als in den Straßen von Jeruſalem. Ein gläubiger 
Chrift bedauerte einmal einen jübifchen Bruder, weil verfelbe 
keinen Hohenpriefter und feinen Tempel habe. D, ward ihm 
zur Antwort, unfer Tempel ift bie Synagoge und unfer Hohe- 
priefter ber Herr Oberrabbiner. — Aber die altteftamentliche 
Religion erfordert Opfercultus und Tempeldienſt. Ohne viefe 
ift dies Judenthum ein trodener Brunnen und ein verborrter 
Baum. Und unfruchtbar ift es wirklich, überall nur ber 
Schatten der hriftlihen Kirche, in deren Bereich es fich findet: 
in Deutfchland aufgeflärt und in Parteien zerriffen, in ven 
romanifchen ändern zwiſchen dem ftrengften Talmubismus und 
dem Unglauben getheilt, bei den flavifchen Nationen in Formeln 
erftarrt, und wieber von wilder Begeiſterung ergriffen, unter dem 
Halbmond entgeiftet und verwefend wie ver Islam feldft. Das 
ift das Bild des Judenthums auf Erben. Ohne jeve veligiöfe 
Schöpferkraft lebt es nur feinen Einbilpungen. 

Zuweilen kommt ein Strahl ber Erkenntniß von der 
eigenen Mifere auch über die jüdiſchen Schriftfteller ſelbſt; es 
heißt dann wohl in ihren Zeitjchriften: „Die veligiöfe Be 
febung ift im gegenwärtigen und im aufwachjenden Gefchlecht 
im Abnehmen. Die Symptone thätigen Antheil® an ben 
SInterejfen der Iudenheit und des Judenthums bürfen uns hier- 
über nicht täufchen; denn es ift nicht immer gerabe bie religiöfe 
Ueberzeugung, welche die Männer antreibt, und man hat babei 
mehr äußere Dinge als die Steigerung des inneren Lebens im 
Auge. — Und aus Wien Hagt ein edler Jude: „Das moderne 
Creditweſen pflanzt eine tiefe Unruhe, ethifche Zrivolität, veligiöfe 
Gleichgültigkeit; die Lehrer und Sprecher unferer Religion find 
aber nicht muthig genug, diefe Dinge beim rechten Namen zu 
nennen?” Wenn fie einmal nüchtern werben, urtheilen auch 
folhe Leute wie Philippfon: „Eine Zweifelfucht Hat ſich der 
Tugend bemächtigt, daß die Wahrheit, daß eine fefte Ueberzeugung 
für den Menfchen beftehe und zu erreichen fei, geſchwunden ift, 
wo alles Ideale ſich verflüchtigt hat und nichts als greifbar und 
zuträglich erfcheint, al8 was einen materiellen Nuten und Reich- 





— 10 


werbet Juden haben in der Bebeutung, bie ber fanatifche Haß 
diefem Namen unterlegt.‘ 

Und troß biefer Wahrheit, troß jeder Abweſenheit religiöfer 
Produetivität die beftänbige Illuſion, daß man eine religiöfe 
Macht fei. Eine irreligidfe Macht ift das moderne Judenthum 
allerdings; eine Macht, welche überall das Chriftenthum Bitter 
befämpft, in den Völkern den chriftlichen Glauben ebenfo wie das 
nationale Gefühl entwurzelt und als Erfa nichts bietet als Die 
abgöttifche Verehrung des Judenthums fo wie es ift, das feinen 
anderen Inhalt hat als feine Schwärmerei für fich felbft. 
Berthold Auerbach fagt im Roman Walpfried ſehr richtig: 
„Die gebilveten Juden find nicht fowohl Juden als vielmehr 
Nichtehriften. Daher ſchwärmen fie für Confeſſionsloſigkeit; 
ihr Bekenntniß fteht auf dem leeren Blatte zwiſchen bem alten 
und neuen Teſtament. Aber fie denken nicht daran, einfach ihre 
Armuth zu befennen, fondern brapiren fich aus ven Bettellumpen 
des Unglaubens einen Königsmantel und wiffen damit der un- 
kritifchen Lefermaffe zu imponiren. Denn e8 kommt nun einmal 
darauf an, den Juden eine welthiftorifche Aufgabe auch heute 
noch zuzufchreiben. Auch der Tiberalfte Neformer will Jude 
bleiben. „Daß unfer Judenthum uns werde und unfern Kindern 
und Kindeskindern bleibe, was es ben Vätern war, ein liebes 
theures Kleinod; daß wir Tag für Tag uns begeiftert fühlen 
als Juden, al Anhänger einer Religion, die Ausgangspunkt und 
Enbziel der Humanität in fich vereinigt,‘ fchrieb vor Jahren ber 
Gemeindevorfteher in Dresden an bie jübifchen Gemeinden. 
Man will eben durchaus Jude bleiben. Aber es leuchtet ein, 
daß es nicht angeht, nichts Jüdiſches zu glauben, und doch Jude 
zu fein, Jude im engften Geift zu bleiben und dabei mit 
Menſchheitsbeglückungsideen um fich zu werfen. Es kann gar 
nicht fehlen, daß die Tächerlichkeit eines folchen Treibens für den 
Kunbigen überall fichtbar wird. Geradezu fomifch ift es, wenn 
ein Dr. Berliner in ven Jahren des franzöfifchen Krieges die 
Weltgeſchichte unter der jünifchen Brille fieht. „Als Ausgangs- 
punkt des Mittelalters gilt mir das letzte Viertel des 15. Iahr- 





— sa 


Beziehungen, durch ben milderen Geift der Zeit in der Synagoge 
der Chriſtenhaß mehr und mehr gewichen. 

Der officielle Haß hat aufgehört; die erfte jübifche Synode 
beſchloß fogar: „In den zu überarbeitenben und neuen Gebet» 
ftäden follen alle Yeußerungen, bie irgendwie als Ausdruck ber 
Erbitterung ober des Rachegeiſtes gedeutet werden könnten, ges 
mieden werben.” Aber in der Judenpreſſe athmet ein Haß gegen 
das Chriftliche, der ben tiefften Abfchen verdient. Da in unferen 
Zeitungen und Journalen die Artikel nicht unterzeichnet werben, 
fo Könnte man uns erwibern, es fei gar nicht zu conftatiren, Daß 
die chriftenthumsfeindlichen Auffäge von Juden herrühren. Wir 
wiffen fogar, daß genug getaufte Schreiber in den Nebactionen 
fi) finden, welche das traurige Amt üben, ihre Kirche zu ſchmähen. 
Aber es ift eine Thatfache, daß die fehlimmften Berliner Zeis 
tungen in ben Händen von Juden find und daß in dem Re⸗ 
dactionsperfonal das jüdiſche Element eine Alles beherrfchenve 
Rolle fpielt. Vollkommen beweifend aber ift der Umftand, daß 
die religiöfen Streitigkeiten ber jübifchen Parteien kaum je er- 
wähnt, die Härten ber jünifchen Altgläubigfeit nie berührt, bie 
literarifchen Angriffe gegen die Juden nie befprochen werben. 
Nie wird das orthobore Judenthum angegriffen; es kann bie 
confeffionslofe Schule verwerfen und den ungetrauten Chepaaren 
die Ercommunication androhen: — kein liberales Blatt nimmt 
davon Notiz. Kommt dergleichen in hriftlihen Verſammlungen 
vor, fo fällt die Preßmeute mit ſcheinbarem Wuthgeheul darüber 
ber. Unfere Heiligthümer werben beftändig in den Staub ge 
zogen, die Synagoge ift dur das file Einverſtändniß aller 
liberalen Zeitungsfchreiber gefhütt. Man zeige uns in ber libe⸗ 
ralen Breffe auch nur einen einzigen Artifel, der das Berföh- 
nungsfeft oder den Talmudverein in der unwürdigen Weife be- 
‘ handelte, wie das Tugeblatt den biesjührigen YBußtag, einen 
unſerer heifigften Tage, verfpottet, wie die Berliner Juden⸗Preſſe 
die Auguft-Conferenz heruntergeriffen hat. Nur das Chriftentfum 
muß fi die Nichtswürdigkeiten gefallen laſſen. Der jübifche 
‘ Stabtverorbnetenvorfteher von Berlin hat fich kürzlich über die 





ſchaft des femitifchen Geiftes Über uns nicht blos unfere geiftige, 
fondern auch unfere wirtbfchaftliche Verarmung bebeutet. Der 
Deutſche ift ein ftarker Idealiſt; eine Zeit lang erträgt er es 
Thon, daß man feinen Hang zu ben Ideen benußt, um dahinter 
ein Gefchäft zu machen. Aber zulegt wird doch die Figur Na- 
thans des Weifen, die Leffing in chriftlicher Menſchenliebe er- 
funden hat, Hinter ver Shylocks verſchwinden und das warnende 
Urtheil über das Judenthum, das unfere beiten Männer: Kant, 
Fichte, Herder, gehabt haben, feine Kraft beweifen. Die Juden 
find und bleiben ein Volt im Volle, ein Staat im Staate, ein 
Stamm für fih unter einer fremden Race. Alle Einwanderer 
gehen zulegt in dem Volke auf, unter welchem fie wohnen; bie 
Juden nicht. Dem germanifchen Wefen fegen fie ihr ungebroche- 
nes Semitenthum, dem Chriftentfum ihren ftarren Gefegescultus 
oder ihre Chriftusfeindfchaft entgegen. Wir Können fie darum 
nicht verurtheilen; fo lange fie Juden find, können fie gar nicht 
anders. Aber wir müſſen und mit Harer Erfenntniß vor ben 
Gefahren ſchützen, die in einer folhen Vermifchung liegen. Allein 
in Berlin wohnen 45,000 Juden, foviel wie in ganz Frankreich, 
wie in ganz England. Das ift zu viel. Wenn fie wirklich mit 
ung verbunden wären, hätte bie Zahl nichts Bedenkliches. Aber 
da jenes halbe Hunderttaufend eine in fich gejchloffene Gemein- 
ſchaft Bilbet, in guten Verhäftniffen, in fteigender Macht, mit 
einer ſehr profitabfen Verſtandedkraft ausgerüftet, ohne Theil- 
nahme für unfere chriftlich-germanifchen Intereffen, fo Liegt 
darin eine wirkliche Gefahr. Wir nähern und dem polnischen 
Mifhungsverhältnig. Nur daß die Berliner Juden viel reicher, 
klüger, einflußreicher find als bie polnifchen Israeliten. In ihrem 
Beſitz find die Gelvadern, Bank und Handel; in ihren Händen 
ift die Preffe und unverhäftnißmäßig drängen fie ſich zu ben 
höheren Bildungsanftalten. Das Letzte ift gewiß ein fehöner Zug; 
mir ift es oft rührend gewefen, wie arme Juden Hab und Gut 
bingaben, um ihren Kindern eine gute Bildung zu geben. Aber 
biefe Entwidelung ift doch durchaus unheilvoll. Wir find auf 
dem Wege, daß bie öffentliche Meinung von ven Juden völlig 





Zweite Rede. 


ur 


Gern Hätte ich die Aufregung einer zweiten Discuffion 
über die Iudenfrage vermieden, aber ich habe veriprochen, daß 
wir auf den wichtigen Gegenftand noch einmal zurückkommen 
würden; auch die Sfraeliten, welche an ber erften Verſammlung 
theilnahmen, haben eine Wieberholung der Verhandlung gewünfcht: 
fo fomme ich deun heute ihrem Wunfche und meinem Ber: 
fprechen nad. 

Was ich vorausgefehen und angelünbigt habe, die lügnerifche 
Entftellung unferer erften Verfammlung, ift natürlich eingetroffen. 
Die antihriftlihe Preſſe Berlins ift gar nicht mehr fähig, vie 
Wahrheit zu fagen. Auch ein Blatt wie die Nationalzeitung 
brachte einen wefentlich falfchen Bericht; und bis heute hat fie 
troß der Aufforderung des Reichsboten benfelben nicht berichtigt, 
obwohl es doch fo leicht war, aus der gebrudten Rede bie volle 
Wahrheit mitzutheilen. Bon manchen anderen Zeitungen erwartet 
man gar nichts anderes, als grobe Unmwahrheiten; diesmal hat 
ein aufrichtiger Ifraelit, der an ber erften Beſprechung thätigen 
Antheil genommen hatte, wenigſtens das Tageblatt in einem 
offenen Schreiben der Lüge geziehen! 

















ihm 

wird?“ Ich habe Briefe empfangen, bie rein 
ſchrieben find, Der eine verwünfcht mich als einen zweiten 
Mafjenmörder Haman und prophezeit mir ein gleiches Ende; 
ber anbere erklärt, in England oder Amerika würde ich an ben 
nächften Laternenpfahl gehängt werben; ein dritter vergleicht 
mich mit Moſt und bedroht mich mit Ausweifung; ein vierter, 
ber fich, um größeren Eindrud zu machen, Freund und Amts— 
genoffe nennt, ftellt mir die Schreden einer Disciplinarimter- 
ſuchung und Amtsentfegung vor Augen und dringt in mich, alles 
Geſagte zurückzunehmen. Daneben fehlt es nicht an unglaub- 
lichen Gemeinheiten, bie ich nicht wiebergeben kaun. Das find die 
Refultate der orbinären Zeitungsfügen. Aus der Höhe einer 
anftänbigen, friedlichen Discuffion wird die Judenfrage ohne 


erdichtet. Ich bin ber größte Gegner von Herrn Stöder, 
es gelang mir auch, bei der Berfammlung theilweite feine An- 
Ächten abzufhtwächen, und benmoc werde ich am Eude ge 
zwungen fein, Herrn Stöder Gerechtigkeit zulemmen zu laffen, 
als ex die Behauptung in feinem Vortrage aufftellte, „Daß 
die Neporter 26 Blätter eine Schande für 
die Stadt der Intelligenz find, daß fie eben fo un- 
wiffend als unwahr find. Bieles fäljhen fie aus 
Unverftand, das Meifte aus —— Was ſoll dieſer 
Popanz in Ihrer heutigen Zeitung? Es wurde nicht Theater 
efpielt; ed wurden Debatten geführt über die heiligften 
Kat zweier Olaubensgenoffen, umd die Verfanntlung 

oße8 Interefje an für und wider, fo daß fie ein- 
Kane beſchloß, in der nächiten Zeit noch einen Abend diefem 
Thema zu widmen. Was kümmert fih die Welt um Ihr 
Tageblatt? Sobald es aber ba iſt, jo muß die Nepaction 
rein fein wie Gold; und wie ein jeder Richter über 
jeder Partei fteht, 73 muß biefer Vertreter feiner 


Beiorng Be ee fie > i F 
—— orter haben, jo unter! 
Sie koch ven Veridt; Sie für 5. ven Vortrag 


baben, af der Mann die größten Autoritäten des Juden“ 
anführte, ſehr mäßig ſprach, ‘dadurch einem ſehr großen 
bei feinen Anhängern hervorbrachte; fünf ſprachen 








— 24 — 


verordnetenverſammlung aufzufordern „an maßgebender Stelle 
fofort Schritte einzuleiten, welche derartige Vorgänge in Zukunft 
unmöglich machen.‘ Ich wünfche von Herzen, daß bie Stadt⸗ 
verorbnetenverfammlung diefe Vorgänge unterſucht. Sie ift aller- 
dings mit jübifchen Elementen weit über das Verhältniß ber 
Bevölkerungszahl durchſetzt; aber ich traue ihr doch die Gerechtige 
keit zu, daß fie nach gefchehener Unterfuchung nur Dr. Straß 
mann, ihren eigenen Vorſteher, tadeln würde. Denn eben bie 
Auslaffungen dieſes Mannes, eines Juden, über unfere Firch- 
lichen Verhältniſſe haben es zur abfoluten Nothwendigkeit gemacht, 
den jübifchen Anmaßungen ein energifches Halt zuzurufen. In 
feiner Stellung als ver Präfident einer Körperfchaft, welche 
neben den 45,000 Juden doch auch eine Million Chriften zu 
vertreten hat, durfte er nicht jagen, was er gejagt hat. Ich habe 
aus Schonung in meiner vorigen Nebe nur das weniger DBeleis 
digende feiner Angriffe hervorgehoben, ich muß heute, um jedem 
Unpartheiifchen ein Urtheil zu ermöglichen, ven ganzen Abfchnitt 
citiren. Derſelbe lautet folgendermaßen: 

„Die kirchliche Reaction nimmt einen kühnen Anlauf. Schon 
erheben ſich nicht mehr die Dunkelmänner gewöhnlichen Schlages, 
fondern die wirklichen Ketzerrichter, die am Lichften die Anders⸗ 
gläubigen auf Scheiterhaufen verbrennen möchten, und in Er⸗ 
mangelung deſſen ftatt ber Liebe, zu der fie verpflichtet, nur 
Haß und Zwietradht prebigen. Gott möge fie nicht nad) ihren 
Thaten richten und noch weniger nad ihren Worten, denn 
ihre Zunge ift wie bie der giftigen Viper und ihr Athem ift 
wie der Hauch des Sumpfes, in veffen Miasmen das Leben 
hinſiecht.“ 

Nicht wahr, es würde einen ſeltſamen Eindruck machen, 
wenn Dr. Straßmann nach ſolchen feindſeligen, übrigens ge 
geſchmackloſen Aeußerungen gegen chriſtliche Parteien ſich darüber 
beſchweren wollte, daß man dergleichen Schmähungen höflich von 
ſich abweiſt? Darüber interpellirt, hat er ſich auf ſein Recht 
als Wahlcandidat berufen und erklärt, er meine damit nur bie- 
jenigen, welche Haß und Zwietracht fäen und den Frieden jtören. 





obwohl ich von vornherein überzeugt bin, daß es mir nicht 
glüden wird, zu jemer tiefen Zerknirſchung zu gelangen, wie 
fie die Donnerworte der Kanzel erheiſchen. Aber bei einigem 
guten Willen gelingt e8 mir vielleicht doch noch, mid) etlicher 
Sünden zu überführen... . 
Nun theilt es die Sünden in Begehrunge- und Unter: 
laſſungsſünden und ftellt in Beziehung auf erjtere folgende Be- 
trachtung an: 


Ad, von vornherein erhebt fich eine große Schwierigkeit: 
IH finne, finne — finne Tag und Nacht zurück und kann 
abfolut nicht finden, wo und wie ich gefüntigt hätte. Ich 
bin eben ein harmlofer Dienfch, ver mit aller Welt in Frieden 
lebt, des Tages feine ernfte Arbeit verrichtet, des Abends fein 
befcheivenes Schöpplein trinkt und nach dem zweiten, höchſtens 
dritten fromm nad Haufe geht... . Am beften wirb es 
ſchon fein, ih Hammere mich an einen beftimmten Tag an, 
und fo nehm’ ich denn ven geftrigen. Gleich nach dem Auf: 
ftehen hab’ id, zum Mofa die Zeitung gelefen — ja, aller- 
dinge, das war cine große Begehrungsfünde, daß ich durch 
die ewigen Zolltarifs-Artifel und “Debatten mir die Laune 
verberben ließ. Nun wird's ein Enve haben mit dem ftarten 
Molla und der Havanna-Cigarre wie auch mit dem Borbeaur- 
wein und allen andern Freuden, welche einen mitteljährigen 
Junggefellen über die Einfamteit feines Dafeins zu tröften 
vermögen. An Mehreinnahmen kann bei viefen Zeiten mur 
ein Bismard denken, und fo wird man denn ſchon die Zahl ver 
Schöpplein herunterfegen und zu Uckermärker mit Pfälzer Ded- 
blatt greifen müffen. In der ficheren Ausficht dieſer troftlofen 
Zuftände hab’ ich dann den Tag Über, ganz gegen meine Ge- 
wohnheit, mir noch einmal recht gütlich gethan in ten Ge- 
nüffen, die nächſtens unerſchwinglich theuer fein werden, und 
des Abends bin ich voll düfterer Bitterkeit in's Theater ge 
gangen. Wehe, welcher Berg von Begebrungsfünden fällt mir 
da ein! Ich bin ein Theaterfreund und laffe felten ein 
neues Stüd oder einen fremben Gaft aus, und wie ſchmählich 
hab' ich nun den vergangenen Winter hindurch in mehr als 20 
ſchlechten Stüden und mindeftens einem Dutzend graufamlicher 





3 — 


dringt ihr Glanz zu Dir, eine höhnende Lodung des Un⸗ 
möglichen, eine vorwurfsvolle Anklage unfühnbarer Schul.“ 

Alfo die Unterlaffung von Buhlereien, denn das bebeutet 
doch die Spielerei mit den ſchüchternen und trogigen Augen, ift 
die Unterlafjungsfünbe, welche ber frivole Schreiber als unfühn- 
bare Schuld bezeichnet. Und dieſer Bußtag war ber erfte nad) 
den Attentaten; ber erfte, nachdem in furchtbaren Freveln bie 
Wunde unſeres Volles aufgebrochen war. Iſt fol ein Artikel 
nicht felber ein Attentat auf die Sittlichfeit und Religion? 

Im Auguft d. I. war hier in Berlin die Iutherifche Con⸗ 
ferenz verfammelt; die Art, wie dad Berliner Tageblatt darüber 
rebete, war durchaus orbinär und gehäffig. 

„Nun faß die erlefene Streitfchaar des Himmels auf den 
Rohrftühlen — eine ftattliche Zahl, fie ging in die Hunderte. 
Welche Fülle falbungsvoller, ſcheindemüthiger, kampfluſtſprühen⸗ 
der theologifcher Gefichter! Neben ver ländlich zugefchnittenen 
Figur des fimplen Dorfpaftors der ſchlankgebaute „Streber” 
mit dem elegant geftutten Badenbart, neben dem corpulenten, 
gutmüthig dreinfchauenden Superintenbenten aus Hinterpommern 
der finfterblicdende Zelot vom „Generalſtabe,“ außerdem ein 
Heine Contingent von der heiligen Sache zugethanen Laien.‘ 

Noch dem „Driginalberiht des „Berliner Tage 
blatts“ fei hier ein Pla eingeräumt: 

„Dufter im Innern und bufter im Aeußern — das war 
die Signatur der Verhandlungen ver Auguft-Conferenz am 
Mittwod Nachmittag. Während des Tarmoyanten Bortrages 
des Paſtors Taufcher über „vie Iutherifche Kirche, ein Salz 
und Licht für die Zukunft unferes deutſchen Volles“ fenkte ſich 
eine ägyptifche Finfterniß auf die Häupter der frommen Herren, 
und es hatte etwas Gejpenfterhaftes, inmitten dieſer Finſterniß 
bie Umriſſe bes eifernden Paſtors von St. Yulas hervorragen 
zu fehen. Der ſchöne Saal ver Reichshallen, ver immer mehr 
einen interconfeffionellen Charakter annimmt und heute ver 
Dr. Kalthoffihen Gemeinde, morgen der Auguft>Conferenz 
und übermorgen den Juden Oelegenheit zur Andacht bietet, 
hatte nämlich die Eigenthümlichkeit, daß feine Lüſtres ven 





— 30 — 


Sommerſproſſen. Darüber, ob er ſchielt, find die Anſichten 
getheilt. Beſagter mofaifcher Iſraelitenknabe fcheint mehreren 
Älteren Gentlemen von mehr hebräiſchem als reſpectablem 
Aeußern irgend etwas zu erflären. Er bewegt die Hände — 
fo was man etwa im Berliner Iargon „er mauſchelt mit 
den Händen’ nennt. 

Man bat ferner den vagen Eindruck, als ob fie [nämlich 
die Umgebung bed Knaben, von der es heißt: „ver Geflchts- 
ausbrud der Herren in ven Rüden und Gehetmänteln ſchwankt 
zwifchen brei Jahren Zuchthaus bis zu vier Monaten Gefäng- 
niß] Schmeie, Ielend, Jizchek, Awrohim, Szimche und Leibel 
hießen, während ber Heine vothhaarige Knabe, der mm um 

" ein Weniges weniger fehlecht zu riechen ſcheint, al8 feine Um⸗ 
gebung fih ohne Frage in den officiellen Geburtsregiſtern 
„Leiſer“ nennt, in der holden Intimität des Privatlebens aber 
ficher „Leiſerche““, oder auch „Leiſerleben“ gerufen wird. Seine 
Beichäftigung auf dem Bilde ift erfichtlih vie, ven alten 
Gentlemen zu erflären, auf welche Art er, ver Heine Tauſend⸗ 
fafa mit ven rothen Haaren einen Profit zu machen gevente. 
Ein Theil ver alten Herren fcheint recht erfreut, während 
Einer augenjheinlih zu ſich felber fagt: „Mab, heißt e 
Marrifchkeit! und ein Anderer bie geflügelten Worte zu 
ſprechen ſcheint: „Will der Jung ſchon ſchmußen von’s Ges 
ſchäft!“ ..... 

Zu ſeiner Rechtfertigung ſagt dann der Maler, er ſei ein 

moderner Maler: 

„Chriſtus iſt der Sohn Joſephs, nicht wahr? Er iſt alſo 
ein jüdiſcher Knabe geweſen. Da wir modernen Menſchen 
an Wunder nicht glauben, kann ich mir nicht helfen, — er 
wird jüdiſch ausgeſehen haben. Jüdiſche Knaben haben häufig 
rothe Haare. Warum ſoll Chriſtus nicht rothe Haare gehabt 
haben? Iſraelitenknaben tragen manchmal etwas ſchmutzige 
Kittel. Warum ſoll Chriſtus einen ganz reinen angehabt 
haben? Iüudiſche Knaben mauſcheln häufig mit den Händen; 
warum foll Chriftus, als er im Tempel mit den Prieftern 
— die doch auch gewiß bie Hände nicht ſtill gehalten haben, 
nicht mit den vorderen Ertremitäten gemaufdelt haben? Hoher 





me en en s 


— 2 — 


Ehriften aber, bie für folche fchimpflichen Gegner ihrer Glaubens⸗ 
genoffen unter die Waffen treten, wiſſen nicht was fie thun. 
Die Blätter, die ich citirt habe, find in jüdiſchem Beſitz; bie 
Eigenthümer find für ben Inhalt derſelben moraliſch verant- 
wortlich. 

Ich bin von einem anſtändigen Juden gefragt, was ich 
eigentlich mit meinem Angriff gegen das moderne Judenthum 
bezwecke. Meine Antwort iſt die, daß ich in dem zügelloſen 
Capitalismus das Unheil unferer Epoche fehe und deshalb na- 
turgemäß auch durch meine focial=politifhen Anfchauungen ein 
Gegner bed modernen Judenthums bin, in welchem jene Richtung 
ihre hauptfächlichften Vertreter hat. Aber nie würde ich daran 
gedacht Haben, gegen Bloß volfswirthfchaftlihe Irrthümer auf- 
zutreten, wenn nicht mit denfelben biefe frivofe Hetzjagd gegen 
alle chriftlihen Elemente unſeres Volkslebens verbunten wäre. 
Der Iammer um mein Boll, das dabei ſittlich und religiös zu 
Grunde geht, treibt mich, dieſe Bosheit in die Deffentlichkeit zu 
ziehen und ven Kampf gegen viefelbe aufzunehmen. Was Hilft 
es, das Schlechte auf ver Kanzel zu befämpfen, unter welcher 
bie Schreiber und Leſer jener Preffe fich nicht verfammeln, ober 
in confervativen Zeitungen einen Schmerzensfchrei auszuftoßen, 
welchen jene Seelenmörber belachen, ihre Opfer nicht hören! 
Dagegen ift eine Volfverfammlung noch immer die geeignete 
Wahlſtatt, um den Kampf mit ven Vollöverberbern aufzunehmen. 
Daß ich dazu ein gutes Necht habe, fagt mir mein Gewiffen; 
daß es dazu die höchfte Zeit ift, vielleicht noch nicht zu fpät, 
aber wirklich die legte Stunde, jagt mir bie fittlich-veligiöfe 
Verwirrung der Gegenwart. Unrecht möchte ic Niemandem 
thun; bie, welche mir vorwerfen, daß ich als Geiftlicher, als 
Hofprebiger Zwietracht füe, möchte ich fragen, ob Abwehr ber 
Schande Ausfaat von Zwietracht ift. Jene Artilelfchreiber und 
Poſſenreißer find vie Säeleute des Haffes, nicht wir, bie wir 
ohne Haß im Herzen — das weiß Gott! — vor ihnen unfere 
Kirche ſchützen möchten. Das find entartete Juden — fagt man — 
und es ift ein Unrecht, da® ganze Judenthum für dieſen Ab⸗ 





— “ 


nicht ſchicke, die Heifigthümer einer Nation zu verachten, unter 
deren Flügeln fie Schuß und Recht genießen. Wenn ein Freund, 
der aus ifraelitifchem Blut ftammt und jest ein gläubiger Chrift 
ift, mir fchreibt, daß die Hanptfchuld an dieſem Ueberhand⸗ 
nehmen ber gottlofen Prefje der elende Zuſtand der Chriften- 
heit felbft trage, ihre Gott- und Kraftlofigkeit, ihr Aber- und 
Unglaube — fo ift das unzweifelhaft vichtig, und ich habe 
gerade dies oft genug in ben Verfammlungen ber chriftlich- 
fociafen Arbeiterpartei ausgeſprochen. 

Nur erleichtert dies das Schufpconto der jübifchen Zeitungs⸗ 
beſitzer nicht; es ift meines Erachtens ein fatanifcher Zug, auf 
den vorhandenen Mangel an kirchlichem Ehr- und Schamgefühl 
zu fpeeuliven, um unfer Volk noch tiefer in den Abgrund dee 
Nihilismus zu ftoßen. Ich finde dafür feine andere Erklärung 
als den wilden Haß gegen das Chriftenthfum, einen Haß, ber 
gewiß ein Ueberreft tafmmbifcher Grundſätze, und eine Frucht 
jahrhumdertlanger Unterdrüdung, durch welche ſich die Chriften 
an Israel verfündigt haben. in junger jüdiſcher Stubiofus 
ber ‘Theologie, der fich in einer vermeintlichen Wiberlegung meiner 
Rede die Sporen verdienen wollte, hat freilich die Stirn zu be- 
haupten, der Talmud enthalte feine einzige inhumane Stelle. 
Ich ſcheue mich aufrichtig, den Talmud in die Debatte zu ziehen, 
aber es ift doch eine Thatfache, daß berfelbe erflärt: „wie die 
Menfchen über den Thieven ftehen, fo die Juden über ven Völkern 
der Erde.” Ich mag bie einzelnen Thicrarten nicht wieberholen, 
mit denen der Talmud die nichtjüdifche Menfchheit zu vergleichen 
die Unart Hat; ih kann nur jagen, daß es nicht die edelſten 
Thiere find, welche zum Vergleich Herangezogen werden. Aber es 
fei der Gerechtigkeit wegen bemerkt, daß der Talmud auch wieder 
Worte der Nächſtenliebe enthält. 

Wie jene talmudiſtiſche Auffaffung fremder Völker an der 
Intoleranz der Inden umbeftrittenen Antheil hat, fo auch an 
ihrer Einbildung. Ein wenig befcheivener! Hatte ich gebeten und 
die Unbefcheidenheit mit einer Menge von unwiverlegbaren Aus- 
fprüchen der Juden bewiefen. Ich habe in den Zeitungsreferaten, 








— 38 — 


Handel find die Juden mit 55 Procent ihrer Bevölkerung, bie 
Proteftanten mit 12 Procent betheiligt. Diefe Zahlen find in- 
teveffant, fie beweifen das fociafe Uebergewicht. Daß daraus 
ein Mebergewicht der Bildung folgen muß, ift klar; es zeigt ſich 
in ftärkiter Weife. Auf den Berliner Gymuaſien find 1488 
Sfracliten bei 4764 proteftantifchen Schülern; alfo 5 Procent 
der Bevölkerung, aber 30 Procent der Beſucher höherer Schulen. 
Ein folder Trieb nad) focialer Bevorzugung, nad) höherer Aus- 
bildung verdient an ſich die Höchfte Anerkennung; nur bebeutet 
er für und einen Kampf um das Dafein in der intenfioften 
Form. Wächſt Ifrael in diefer Richtung weiter, fo wächſt es 
uns völlig über den Kopf. Denn man täufche ſich nicht; auf 
diefem Boden fteht Race gegen Race und führt, nicht im Sinne 
des Haffes, aber im Sinne des Wettbewerbes einen Racecſtreit. 
Dagegen verwahrt fich freilich da8 Judenthum mit allen Kräften; 
es will als völlig deutfch gelten und weift von alfen Gedanken 
meiner erften Rede am meiften den zurüd, daß es ein Volf im 
Volke, ein Staat im Staate, ein Stamm in einer freunden Race 
ſei. Dennoch iſt Dies der Ausdruck thatfächlicher Verhältniſſe. 
Iſt Iſrael durch die „Alliance Iſraelite“ auf der ganzen Erde 
zu ſocial-politiſchem Wirken verbunden, ſo iſt es ein Staat im 
Staate, international innerhalb der Nation. Iſt Iſrael in ſeinem 
Erwerbsleben iſolirt, nimmt es an unſerem Landbau gar nicht, 
an unſerem Handwerk wenig Antheil, fo iſt es ein Volk im Volfe, 
Israel hat noch heute religiöſe Satzungen, die es von den 
andern Völkern abſondern; die orthodoxen Israeliten glauben ſich 
zu verunreinigen, wenn ſie mit Chriſten zuſammen eſſen, ſie 
haben ihre beſonderen Schlächter und ihre Speiſegeſetze. Nun, 
"aber dann find fie doch gewiß eine fremde Race, wenn fie die 
chriſtlichen Deutfchen und ihre Mahlzeiten für unrein achten. 
Ich glaube, daß man bei der Judenfrage gerade biefen letzteren 
Bunkt all zu fehr überfieht; berjelbe beweift, daß Israel in ber 
That ein fremdes Volk ift und nie mit und eins werben Tann, 
außer wenn es fich zum Chriſtenthum befehrt. Die paar Mifch- 
eben von Reformjuden wollen dagegen nichts bedeuten. Und 


* 





— 39 — 


eben deßhalb liegt in der bevorzugten, glänzenden Stellung der 
Israeliten eine Gefahr. Es iſt unausbleiblich: der große, Alles 
beherrſchende Einfluß, der gegenwärtig mit dem Beſitz verbunden 
iſt, macht die Juden zu Herren in unſerer materiell gerichteten 
Zeit. Daß ſie vielfach unbarmherzige Herren ſind, offenbart der 
Wucher, daß fie leicht übermüthige Tyranııen werden, beweiſt ihre 
Preffe; daß daneben viel trefflihe Menfchen unter ihnen gefunden 
werben, ift felbftverftänpfich. 

Die große Frage ift, wie wir die Gefahr diefes modernen 
Judenthums befeitigen oder verfleinern. Die Gefeßgebung, wenn 
fie die Herrſchaft des Capitals einfchräuft und damit den Juden 
ihre ‘Domäne einengt, kann Einiges thun. Das Beſte muß 
aus dem Wiedererivachen des lebendigen Chriſtenthums kommen. 
Wenn das deutjche Volk wieder ein chriftfiches Volt wird, gläubig 
an Jeſum Chriftum, frei von Geldgier, voll Ehrfurcht für feine 
Kirche, dann wird das moderne Judenthum mit feinem Mam— 
mondgeift, feiner ſchnöden Preſſe, feinem Haß gegen die Kirche 
nichts ausrichten. Vielmehr wird das febendige Chriſtenthum 
eine mächtige und unwiderſtehliche Miſſion treiben an dem alt: 
gläubigen wie an dem modernen Judenthum. 


— IE — 


Drud von 3. Mindolf in Nerlin, Alte Jakobeſtraße 120. 





Die 


jociale Lage und Frage. 


Vortrag 
von 


bofprediger ‘A. Städker, 


gehalten in BiNingen, am 10. Oktober 1890. 


— — — 














6 


wieber geholt haben, das war ihnen nicht recht. Aber es 
muß ein elender Deutſcher fein, der den Mut bat, and- 
zuſprechen, man folle biele Provinzen ihren Räubern wieber 
zurüdgeben Gott fei Dank, wir haben fie wieder ımb 
wir wollen fie auch behalten! Eie können, meine Herren, 
anz Frankreich burchreifen nnd Sie werben feinen einzigen 
ee finden, dem e3 je in den Zinn füme, man 
fönne Nizza umd Savoyhen je wieber an Italien zurück⸗ 
ap Und da liegen doch die Sadıen ganz anders. 

13 Italien einig wurbe, mußte der König von Italien 
fein alte Heimatland Savoyen au Napoleon abtreten 
für die Hilfe, die diefer ihm geleiftet Hatte. Dem König 
mag das jauer genug geworden jein, aber bie Franzoſen 
haben dieje Provinzen, die noch dazu ganz italienisch find, 
nım einmal an fi) gebracht und e3 giebt feinen Franzoſen, 
nit einen, der ſich dazu herbeilaflen würde, vor ganz. 
Europa zu fagen, man ſolle jene Ränder wieder an Italien 
zurüdgeben. 

Daß e3 bei und fo ganz anders ift, das hängt noch 
mit ber alten Zeit zufammen, wo wir noch nicht einig waren, 
wo noch nidht das Bewußtſein, ein großes, einiges Vater: 
land zu Haben, in uns lebte. Sekt muß das anders 
werben! Denn fein eigene Baterland beichimpfen und 
veraditen, das follte fein Deutſcher thun! Aud fein 
Eocialdemofrat! Und ich Hoffe, daß auch dieſe Partei 
fih deifen noch bewußt wird, was unierm Volk vor 
allen not thut. Denn dad Erfle, worauf es ankommt, 
wenn wir und mit ihr verftändigen follen, das ift bie 
Siebe zum Baterland. Feſtſtehen müſſen wir auf dem 
Boden, den und Gott gegeben! Stets eingeben? ber 
mahnenden Worte unfered großen Dichters: 

An’s Vaterland, an's teure, ſchließ dich an, 
Das halte feft mit deinem ganzen Herzen: 
Da find die ftarfen Wurzeln deiner Krait. 

En haben unfere Borväter auch immer gedacht. Erft 
bei dem jungen Geſchlecht ift es ander geworben, dem 
find andere Ideen eingepflanzt. 

Tas Zweite, was unfer Bolt groß madt, ift 
die Monardie, Kaijertum und Königtum, mit ihm 
verbunden die deutſchen Fürften, wenn es aud Träumer 
giebt, die fagen, eine Nepublit wit einem gewählten 


D%5 















































24 


erfte abgehalten worden. Da hätte Bebel Iange rufen können, 
aber wenn der deutiche Sailer ruft, dann kommen bie 
Adgefandten ber Völker. Und tft bie ſociale Frage denn 
nicht beffer aufgehoben in der Hand der Monarden als 
in ber der Umftürzler? Das Vaterland muß 
man lieb haben, da3 Königtum hochhalten 
und das Ghriftentum nicht Leiden laſſen, wenn bie 
foctale Frage tim Frieden gelöft werden fol. — Wenn 
meine Worte dazır beigetragen haben, fo hat fid mein 
Beſuch reichlich gelohnt. 

Mit dem Hoch auf den Kaiſer und den Großherzog 
haben wir unſere Verſammlung eröffnet, laſſen Sie und zum 
Schluß unfere Gedanken richten auf unſer geliebtes 
teures deutſches Vaterland, unfer deutſches 
Baterland Iebe hoch, hoch hoch! 


Tr 























































































































































































































































































































































































































































































































































































































Yo Weser Hofbuchernderei in Berur 
itauicreiberitraſe 34. 35 





Die Iudendebatte 


im 


Preußiſchen Abaeordnetenbanie. 


Verden 


Sr. Ercellen; des Herrn Winters von Goßler 
und der Herren Abgeordneten Stöcker und Rickert 


antantich 
der zweiten Berathung des Kultusetats 
am 20. und 21. März 1890 
nach den 


jtenographijchen Parlamentsberichten. 


— 20ö — 


Berlin 1890. 
Drug und Verlag dev Attiengeiellichaft fir Druckerei u. Verlag. 


all 53h 


.... 


27 





Abgeordneter Stößer: Meine Herren. ich würde glauben, ein 
Unrecht zu begeben, wenn ich es nicht versuchte, für das viel angeroch- 
tene Gmunaſium auch von unſerer Zeite ein Wort zu jagen umd, jo: 
viel ich kann, den Zchild darüber zu balten. Die Antite it nun doch 
einmal die Grundlage der eigentbüntlichen deutſchen Bildung und wird 
das, mit dem Chriſtenthum verbunden. auch bleiben. Ich kam mir 
nicht denfen, daß es je gelingen wird. die Hafiiche und die realiſtiſche 
Bildung an einer Schule fo zu verichmelzen. daß beide zu ihrem Nechte 
tümen, und muß beiomders Herrn Dr. Arendt gegenüber. deſſen An— 
griñe am ſchäriſten geweſen find, meine Ueberzeugung dahin ausiprechen: 
aut dieſem Gebiete wird es immer bei der Doppelwährung bleiben. 
Heiterkeit. 

Er bat von der Ueberſchätzung der Gelehrſamkeit geiprochen. Das 
ii mikverniändlich. Die wahre Gelehriamkeit kann man nie hoch genug 
ichägen. Die Gielehriamfeit. welche die richtigen Theorien enwickelt 
und den vechten Uebergang in die Braris zeigt. iſt ganz michüßbar. 
fte wird and bei ums noch nicht hoch genug geachtet. Mur eine Faliche 
Welehriamteit, die jalſche Suſteme anftellt. oder ſich in Einzelheiten 
perkert, die eben nur gelehrt, aber Tomi zu nichts zu gebrauchen iſi, 
die tobt. glaube ich. in Deutichland in einen zu hoben Kurs, Die wahre 
und echte Selebrianttest nicht. 

Man tkann aber auch Dre gelehrte Bildung unterichätzen und das 
Wr got vielfach bei der te Der Fall. »Sehr richtig!“ Ich muß 
doch age: sch würde gerina ärmer ſein — und ſehr viele von den 
Herren hier mi Dede werden dasſelbe Geiühl haben wenn ich die 
griech:richen Klatiiter PHamer. Thutndider. Zerbotle, Demoſithenes und 
Plato wicht in: Der Urirrache geleien Ste. Dos Vrien allem macht 
es ga öreilebeunute Aber ich »rtutere meinxu eltern Schulireund, Den 
Herrn Abgeerd ir "or wir smwergesliche Vebrer 
baten. wehi VLiebe zur Matte at das 
Ser, vrägten. Damm Die alte Welt ums 
recht betrachte, A su erlangen. 
ii: nach immer hbr > Weitesleben 





















mit den Glementen der antiken Kultur durehzugen. Ich wilßte Ai 
wie man Theologie, Jura Philoſophie ſiudiren ſollte, ohne eine gründ⸗ 
liche Renntniß dev alten Sprachen. Mit dev Medizin iſt es ein wenig 
anders. 

Gewiß kann und muß in den Betrieb der Sprachſtudien viel ge— 
ändert werden. Ich verwerje die Versmacherei, wie die grammatikaliſche 
Haarſpalterei durchaus: ich gebe auch den lateinischen Aufſatz und das 
Uebermaß von Ererzitien preis. Aber daß es gleichgültig jei ob man 
die alten Zchriftiteller in der Uriprache oder in der lleberſetzung lieſt, 
das werde ich niemals zugeben. 

Was uns an der Antike fo durchaus wohl thut, iſt der Umſtand, 
da wir es bier mit einer abgeichlofienen Welt zu thun baben. in 
welcher wir von der Unruhe dev Gegenwart gleichijam ausruhen türen. 
Tiefe Welt zeigt uns zugleich das Höchſte, wozu Der Menſchengeiſt 
ohne Titenbaring auftteigen kann. Die Vergleichung derielben mir 
der Kultur, welche aus dem Chriftenthum ſtammit. it eine der frucht- 
barſten Aufgaben der Bildung, auf Die der Dienichengeitt ber ſeiner 
Ausbildung nicht verzichten farın. Wie dev Bildhauer immer und immer 
wieder zu Phidias ımd Praxiteles uriittehren wird, um die Schön— 
beit zu itudiren, ſo wird auch die Wiſſenſchaft immer wieder zu Der 
Tiefe Der Antite zurüchkehren müſſen. Hier ſind geniale Anlagen 
einer höheren Belt zum ſchönſten Ausdruch gekommen, die Gou 
ielbſt im die Völker gelegt hat. Das läßzt ſich durch nichts erietzen, 
das Ft in der Geritesgeichichte nur emmal vorhanden. bh wüßte 
wirklich nicht, wo anders man den Zauber und die ra't der antiten 
Welt von neuen fmden tollte: ich möchte Meielbe nuln enbekven. 

Ich glaube, daß man bei der Veurtheilung diener Dinge venta 
irrt, weil man die Maſie des angeeigneten Wüſene hetont. er cn des 
klaiſiſchen Stofi jet es der Realien. Em lebermars 92 aui beiden 
Gebieten gleich ichädlich. Aber, oſien gritanden. uh une Ueber. 
ichätzung des gelehrten Aliens viel wenzer ou Geberte der 
tlaſſiiſchen Litieratur als anf dem der walct Wüienicheinen. Wenn 
Sie fragen, was unſere moderne Genteniet: fc} Zutludten 
und Religioſität mehr zerrüttet ung quad 
der Ranmoiienkbatten | Ai) Arnnete ur di 
ichen hingenonmenen 
alien Sprachen. te beit 


































welt übergrin 
mehr geſchadet 
Füchern. 

Ber aller Gröse 
möchte ich es 





Wan 






Tom: 


— 
Inga Ston. Fin 
NEE lerntegterig 
aeichuckt wire 










* q. rieln iv 
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— 


Alm 














nun der Herr Minifter in jeinen Worten beides betont hat, das poſi—⸗ 
tive Wiſſen in den religiöſen Dingen und zugleich den kirchlichen Geiſt, 
jo bin ich darin ganz mit ihm einveritanden. Ich glaube, dak die Ver 
änderungen, die auf dieſem Gebiete vorzumehmen ſind, gewiß da liegen, 
daß man eben auch in den höheren Klaſſen — in den unteren geht 
man ſchon immer mehr auf den Natedismus und die kirchlichen · Bez 
dürfniſſe zurück — die MNeligion nicht als ein anmmaliales Fach ans 
fiebt, ſondern fortgejeßt die Schüler in Beziehung mit der Kirche, den 
kirchlichen Lehrbüchern und dem Ffirchlichen Bekenntniß zu balten und 
von da aus das ganze Wiſſen, beſonders das geichichtliche, das litte— 
rariſche und iprachliche mit chriſtlichem Beifte zu durchdringen Fucht. 
Dam, hoffe, ich, wird unſere Schule mehr leiten in der Erziebung der 
Perfönlichfeiten, die den großen Angaben der Gegenwart gewachien find. 
(Bravo! und jehr richtig!» Aber, meine Herren, nicht eigentlich zu divien all» 
gemeinen Bemerkungen hatte ich mir das Wort erbeten, ſondern zur Veto— 
numg eines beionderen Punktes, der aber mit den Angelegenbeiten, die, wir 
jeit einigen Tagen bier beiprocden, im engiten Zuſammenhang Ttcht. 
Ich wollte ein Wort jagen in Bezug auf die Neberlaftung einiger 
höheren Schulen mit jüdiſchen Elementen. (ba! und Heiterkeit links. 
— Echr richtig! vechts. Es ift außerordentlich merkwürdig, wie ſchon 
die Nennung dieſes Wortes gewiſſe Menſchenklaſſen in Aufregung ver— 
jegt. Große Heiterkeit rechts. Ich füge übrigens von vornherein 
hinzu. daß ich das, was ich ſagen erde, nicht blor jür meine Person 
zu Jagen habe, jondern in Ucbereinſtimmung mit meinen Freunden. 
tZchr richtig! vechts.ı Wir halten es fir eine politiiche Pilicht. daraufj 
aufmerfiam zu macen, daß an gewiſſen Punkten unſeres höberen Schul⸗ 
weſens unerträgliche Uebelſtände vorbanden Ind, Die der vollen ſittlich⸗ 
religiöien Ausbildung des Charakters, welde auf den Zehuten nöthig 
iſt, hindernd gegenüberstehen. Sehr richtig! 

Ich will damit begimien, einige Zahlen u verleien da Nic Somit 
Niemand cm Bild davon machen tann wie tet der Schaden bereits 
eingeirefien 1.  Zelbimertiändlih handelt ich nicht um Verbält— 
miſſe im ganzen Yande, Sondern um Zuſtände m gewiiſen Gegetden 
und Zrädten. unter welchen Berlin, Broslau m Tüerihlefien Koien. 
Frankfuri a. M. herrortreten. Ai Barlın will ab näher eaeben. 
Im Jahre 158% waren nach dem letzten Jabrbnch der 
allen Gmunaſien der Hauptitadt Dei ſtaatlichen un 
üdüche Schüler auf tet enangel.be US Sa 
dentuce. Hört“ 
road wu iel 
none \ 



















ich hoffe, dal; fie niemals zur praftifchen Ausführung kommen, £6 
mir dahin gelangen, dat es chriſtlichen Eltern garnicht mehr möglich 
wäre, ihre Töchter in rein chriſtlichen Privatſchulen unterzubringen, ein 
Zujtand, den wir alle ohne Ausnahme, die wir Chritten find, vers 
werfen müfjen. Ich würde dem Herrn Miniſter ſehr dankbar jein, 
wenn er uns jagte, daß er mit dieier Anſchauung des Provinzialſchul⸗ 
kollegiums nicht übereinſtimmt. 

Ich will noch ein ganz kurzes Wort über die Volksſchule ſagen, 
wo ja die Gefahr ſo groß nicht iſt. Doch haben wir bereits, obwohl 
die Nonfeifionalität der Volksſchulen in Preußen verfaſſungsmäßige 
Regel iſt, Gemeindeſchulen in Berlin, die mit dem jüdischen Element 
recht ſtart verieben find. So it x. B. in der Gipsſtraße, auch in ſo 
einem Dicht gedrängten Tuartier mit jüdiſcher Bevölferung, eine Ge= 
meindeichule, die jchon vor 3 Jahren 131 jüdische Nnaben, eine andere, 
die 151 jüdiſche Töchter hatte. Bier läge nun die Yölung ſehr nahe. 
Wenn in zwei dicht neben einander liegenden Gemeindeſchulen fi 131 
Knaben und 151 Töchter zuſammenfinden, jo müßte man, der Ver: 
faſſung und dem geieglichen Zustande gemäß. eine jüdiſche Elementar—⸗ 
ſchule einrichten. (Zchr richtig! rechts. ı 

Bier iſt die Zahl von Schülern vorbanden, welche nötbig ift, um 
mit Erfolg eine Schule zu begründen. Und es iſt mir völlig unver— 
ftändfich, warum man bier chrittliche Kinder mit jüdiſchen Mindern ge— 
meiniam unterrichtet. Die Geſetze vom \abre 1517 beitimmen ja. dat; 
Juden kein Recht haben, ın dev Schule eme Abſonderung ihrer Minder 
don den Ghrittentindern zu beamipruchen, daß aber die Zimagogen- 
oder Gemeindevorſtände bei genügender Zahl von mindern Die Errich— 
tung einer eigenen Schule beantragen tönen. Nun sche ich nicht ein, 
warum nieht auch Me Schulverwaltung. wenn Solche zzuftände hewors 








ireten. — und m der Hirtenſtraße ut auch eine Zehile, Die vor drei 
Jahren 144 Jüdumen, in der Reibelſtraße eine andere De 283 NE 
dinnen hatte. von Fb aus dazu übergehen könnte, ein jüdiiches 


Schnlömiem zu begründen. 

In Breſslau ſind Die 
Oberichleſien nd Ne ſchluumer. 

Sir werden mir mgeſtehen. 
ermnere meh. un vauſe Der \abye 
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Ich menigitens würde feinen Grund ſehen. der das 
machte. (Einige Schmierigfeiten find vorhanden, ımd war megen des 
Sabbaths. In Frankfurt a. M. wird am Sonnabend in den beiden 
genannten Schulen fein Unterricht gehalten, und da man in einem 
chriſtlichen Staat am Sonntag doch nicht Schule halten kann. auch 
Sonntags nicht. Tas ir unzweijelhait ein Uebelſtand. Aber werm 
in den franzöftichen 0 (Snmnaiten arundiügfich wöchentlich ein ganzer Tag 
frei bleibt, — der Tomeritag -- damit die Schüler ich an Privat- 
arbeiten gewöhnen, io liege darin cin beachtensmerther Vorgang. Ich 
würde den Vizttand von zwei auf einander folgenden freien Tagen 
immer noch nicht io buch veranichlagen, daß er die Beieitigung der von 
mir berührten Gejahren aufwiegen fönnte. Ich würde meinen, daß 
ein Schulweien, das weientlich jüdiſch iſt. Sonnabend und Sonntag 
den Unterricht ausſetzte und den Schülern Privatarbeiten fiir den 
Sonntag aufgeben könnte. Am Montag würden die Schüler über 
ihren Fleiß Rechenichaft geben müſſen: ich wiirde das für durchaus 
angängig halten. (Sehr wahr! vedts.ı 

Alto, to ernit der Schritt it, wenn mir dazu Äbergehen. fir Diele 
überhoben Zablen die Gründung jüdricher höherer Schulen anzuitreben, 
unmöglich iſt es nicht, wie das Vorbild Frankiurts zeigt. 

Vielleicht würde es auch bei uns geicheben. wie in Frantiurt a. M., 
dar bie und da eine chriftliche Familie ihre Ninder in die züdiſchen 
höheren Schulen ichick:?e: erwünicht ꝛw nicht, aber verbieten 
fünnte man v> auch nicht, da ja uniere höhern Zihnler br durmauns 
tonfeſionelle Sid. 

Nun baben Gelehrte, welche Über Deren Geg 
haben, ich nenne die Pradefloren De Yagarde gut aut 
mund in Wien, gemeint, der e S 
möglich ſei. „drehe Schulen von 
cr ent. Die Juden zahlen iin 2 
warum toll der Staat acht auch Fü 

Merne Herren. ib ber Aberzcint, 
weien. in welchent De Dart vorbenderen B 
ziöien Anregungen. obwehl Se wmiedriger 
dertichen Veben. richti 
Charatteren:twitſelurg 
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nöthigen? ch jehe darin kein Unrecht, feine Minderberechtigung 
iche darin nur etwas, was wir uns — find, wenn hir. 
Jugend im eigenen Geifte erziehen wollen. Das aber halte ich 
nur für unjer echt, ſondern ra unsere Pflicht (Bravo! 

Meine Herren, wenn jüdiſche Großlapitaliiten in Berlin fid 
die Spige der Sozialdeinofraten jtellen, wenn jüdiſche Rechtsanwälte 
in unglaublicher, ich möchte jagen, affenartiger Geſchwindigkeit ihren 
Uebergang von der Demokratie zur Zozialdemofratie vollziehen und 
nun die vothe Fahme nicht ihrem, ſondern unferem Volke vorantragen, 
jo finde ich das unerhört. Das it eine Gefahr, gegen bie wir 
reagiven haben -- ein Reagiren, das ich nicht unter den Begriff der 
Reaktion ftelle, jondern unter den einer erlaubten, beredjtigten und 
nothmendigen Aktion. Bei unjeren Verfaſſungszuſtänden können wir 
uns gegen jolche Thatſachen nicht anders ſchützen, als durch Pflege des 
deutichen Geijtes. Die Gleichberechtigung iſt ausgeiprochen. Viele, 
die ihr jeiner Zeit zugeltimmt haben, werden das heute bedauern. Aber 
fie ift num einmal da; was bleibt uns übrig, als daß wir auf unjerer 
Seite die Kräfte zur Bekämpfung des Umſtürzes und des Unglaubens 
ſoviel wie möglich ſtärken. Das iſt aber nur dadurch möglich, dag 
wir in der Weile, wie es in dieſen Lagen immer wieder jur Sprache 
gekommen ift, den fittlich veligiöien eilt, den das Chriſtenthum hat, 
mit dem nationalen Geiſte, wie er deutſcher Art und Natur it, auf 
unſern niederen und höheren Schulen fo img wie möglich verbinden 
und gegenüber der Propaganda des Umſturzes ein junges Dentjchland 
beranzieben, das fir Die Güter unſeres Vaterlandes bis zum legten 
Blutstropfen und bis zum legten Pfennig eintritt. (Bravo! vedirs.) 

Ich weiß fein anderes Mittel. Wiſſen Zie ein anderes, jo bin 
ich gerne erbötig, mit Ihnen Darüber u verbandeln, darauf zu hören. 
Zunächſt, glaube ich aber, bleibt nichts Anderes übrig. als das was 
üb vorzuichlagen mir erlaube. Ich bin mir ja bewußt, wie ichwierig 
die Sache iſt, die ich erörtere. Ich weit, wie ſchwer es iſt, in der ſo— 
genannten Judenirage die Punkte zu finden, welche politiſch zur Ber 
handlung rer ſind. Ich will auch bekennen, day ich bis jetzt nur 
wei Bunfte weis. die nach meiner Auffajſung vollkommen reif md: 
Der eine iſt die Arage der Juſtiz., beſonders Die ‚vage der freien 
Advotatur: Nie iſt völlig ſpruchreii. (Bravo! rechts. 

Die andere #1 die des Ueberwucherns des jüdiſchen Elements an 
uniern höhern Schulen. Ta kann man, Da muß man ewwas th, 
um immer deuntiches Volt zu ſchützen. Ich kann dem Herrn Miniſter 
nur zurnien: Vie eensules nel deteitnenti respobliea eapint. 
yebhatter Beiiall verbts.) 










Abgeordneier Vidert: Mene Daran sb haite guite eie Abſicht. 
wine Soezinlien De Ib au dieſe Materie auiilteten. iv Zprache 
ubringen. Indeß, ad gebe su da, nachdem Mer Herr Abgeordnete 
Ztöter Dre Debatte heute wieder ax em ſolches Aivent qebracht bat, 
ms Me Verrvilichtung auierlegt vr Die von Its te Frage Doc) 
Stab uniererieits noch eimmet n belenten und das Div übrigen Vunkte 
daneben zunächit im den Hintergrund neten. 




















einzulegen gegen eine derartige Rede, die in der That nur die Wirfung 
haben fan, daß die Minder in der Schule nicht mehr den friedlichen 
Verkehr mit einander haben können, den fie bisher gehabt haben. 
Meine Herren, der Herr Rultusminiſter ift der Wächter des Friedens, 
er iſt derjenige, dem die Zorge über die Schule, und namentlidy die 
Zorge Über den konfeſſionellen Frieden anvertraut it, ich lege ihm die 
Frage vor: war das cine Mede, zu der er ſchweigen konnte, jelbit wenn 
er mit den Zielen des Herrn Stöcker einverſtanden war? Ich glaube 
nicht. Und ich frage den Herrn Nultusiminifter — ich muß es ihm 
natürlich anheimſtellen. ob er mich einer Antwort würdigt oder nicht 
— erklärt er ſich eimwerltanden mit der Tendenz, die aus jeden 
orte jener Nede herauszuhören? erklärt er sich einverſtanden mit 
dem Ziel derielben? ent er cs dt möge er cs uns 
ganz offen jagen; es iſt gut, daß das Haus darüber aufgeklärt 
wird, dann werden Diejenigen, welche Dem nicht zuſtimmen wollen, 
wenigſtens willen, was ſie Dielen Beſtrebungen gegenüber zu thun 
haben. Ich glaube aber - vielleicht thut es der Herr Miniſter -- 
daß es lohnt, im dieſer Ztumde auch vom Megierungstiche ein Wort 
zu sagen, wie die Herren darüber deuten. 

Ras mm die Thatiache anbetrifft, meine Deren: Ihnen find die 
Zuſtände unerträglich. daß Ihre Minder mit den jüdischen Kindern auf 
emer Zchulbant ſitzen müſſen m den höheren Yebranitalten - - 3urufe: 
des iſt nicht geiagth Nicht? Was bar denn Die ganze Mede für 
einen zweck? Nur das iſt doch der Grund. „Unerträglicd”, 
„ent ſiulicher Schaden” bat Herr Ztöcer geĩagt. 

Es iſt winderbar, dar wei Zeelen in dieier Bruſt leben. Meine 
Herren, Zie md dach jene nicht jo ſehr gegen das die Mapital. 
Nseiterteit lints.n Wenn es ſich darum bamdelt, einen Mann aus der 
Junkerpartei unterzubringen. eine glänzende Yanfbabı ihm zu geben 
mit dient Napital, dann md De Juden aut genug, dann erhöht 
man Fe. dann Führt man Ar in De Geiellichaft ein. dann dr nam um 
tie beiorat. Sehr richtig! Lists. Und wenn gewiſſe jüdnehe Banfiers 
Geld geben zu polniichen weten. At Ihnen gerade dienen, dann tt 
der Jude ein ganz vormerlebev Diamm Im br wollen Sie 
ar Um nichte zu thun Daben amd madlen "eo Om ENDETE Der: 
ven. daß ſie nut den Ihrigen aut em 2 
JIch imde dieie unände sub tan. 


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Herr Stöcker will zunächſt diejenigen Punkte anfajien, die reif find 
nad) jeiner Meinung: die anderen ſind es noch nicht, fie werden es 
unter der Stöderihen Behandlung natürlich allmählid, werden. _ Er 
will die freie Advofatur aufheben da ſind, ihm die Juden zu ſiark 
eingedrungen: er will die jüdiſchen Kinder auch aus den jetzigen höheren 
Schulen hinausbringen — da ſind ſie ihm auch zuwider. 

Herr Stöcker hat auch weiter ſein Herz enthüllt, er jagte ganz 
often, die Öleichberechtigung set einmal durch die Verfaſſung gegeben, — 
man könnte das bedauern. Daß Sie es bedauern, Herr Stöcker, glaube 
ich, ſicher und dar Sie — natürlich auf getesmäßigem Wege - dahin 
kommen wollen, eine Reſorm Ihrem innerſten Wun'che gemäß Au er⸗ 
wirken, das glaube ich Ihnen auch. Darum fangen Sie mit den reiferen 
Früchten an, das andere joll nachfolgen. Ich babe aber das Zutrauen, 
dat, trotzdem Zie beinahe die Majorität in dieſem Hauſe baben 
bedauerlicherweiſe, Ihre Beltrebungen zu Schanden werden. Der 
Geiſt der Toleranz, welcher die Proteſtauten in Deutſchland und ins— 
beſondere in Preußen geleitet bat, und der dazu geführt hat, daß die 
proteſtantiſchen Rinder don je ber mit den Nindern der jlidiichen Mit— 
bürger auf einer Schulbank geſeſſen haben. von der Volksſchule an bis 
hinauf in die höheren Zchulen, — er wird nicht je Leicht vernichtet 
werden, ev har eine lange Geſchichte hinter ſich. Ich möchte Deren 
Stöcker einmal einladen, daß er feine Rede von heüte verleiht, mit 
dem Bert, der in den Schruten des großen preutzuchen Rönigs Fri 
richs 1I1. herricht. Das Volt iit durchdrungen vor een großen 
cite, Der in unierer Geſchichte unauslöſchliche ren hinterialien 
bat. ar das Der Geiſi, Dev heute aus der Reke des Herrn Stöcker 
wehrte? Wahrhaſtig nicht! Friedrich dev Großze tagte einmal in Dieer 
Beriebung: „Jeſus war ein Jude. und wir zerbrenmen die Juden: 



















Jeſus predigte Toleranz md Duldung und wir Jeſus 
vredigte eine qute Moral; und wir üben dit au« Rufe 
rechts: und to welter!) Ja. es ktommnm nur auf Die 
Ztelle am. Ich werde men noch eine andere Ztelle vorleien. Gerade 
Friedrich der Giroße —und darüber hat iduchte ns toitbare 
Beiipiele aufbewahrt betämpit auis entichiedennte die tonciionelle 


Engbersinteit”. wie er Das naunte, den „rabschen Eher Den „Fanga—- 
smus“, wie er zum Beupiel heute in de Mepe der Herrn Stöcter 
dach tundgegeben Dat. Vachen rate In der erchichne Hauſes 
























OA hat er die Spuren gein jener ariherag weitgehen; 
Sen Duldung und Toleranz. weiche zur Zierde der! aereich!. und 
er schluckt die Betrachtung iber die Wehbknte Br gs mit fol. 
enden Worten., die ich Herrn Zioler au ich RUN emviehlen 
e: Der satshe eher one ra er er ent 
die Toleran; und 

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wohnen, daß man alſo Diele Stinder innerhalb eines, Üiberiehbe 
Raumes fonfeifionell horbert fam. Tas iſt aber unmöglich in Bezug 
auf die höheren Schulen: denn der aum, den in einer Stadt wie 
Berlin zum Beijpiel Kinder zurücklegen müßten. wenn wir bier ſpeziell 
katholiſche und ſpeziell jüdüche Gyjimngſien hätten, wäre unter uͤm⸗ 
ſtänden ein nicht zu überwindender. In anderen Städten, wie beis 
ſpielsweiſe in Breslau, hat es ich von vornherein ſehr leicht machen 
fajjen, datz fich die Katholiken und Bvangelitchen getrennt haben, denn 
da wohnten in einem verhältnißmäßig engen Bezirk zahlreiche evans 
geliſche und fatholiihe Schüler. 

Nun iſt es gar feine Frage, wenn Sie die Entwidelung des 
höheren Unterrichtsweſens verfolgen, in Betreff der fonfeilionellen Be— 
völferumg dev höheren Schulen, daß da sehr merkwürdige Verichiebungen 
und Veränderungen eintreten. 

‘sch darf am meine Nede, die ich neulich gehalten habe über 
die Berichiebung der Konfeſſionen, vielleicht anfnüpfen. Das Material 
habe ich Leider heute nicht mir: aber es Mt interefjant, Ich habe eine 
Dieunpiane fegen laſſen über dieie Frage im Januar 1583, wo id) für 
jedes Gymnaſium genan habe fertitellen Taifen, welche Schüler umd 
welche Yebrer den verſchiedenen Nonfeſſionen angehören. Sie werden 
aus dieſen Zahlen, die vor mir liegen und von denen id) vielleicht noch 
einige verloien werde, erſehen. wie Ichiwierig die Ztellimg der Schul— 
verwaltungen m. Wenn Sie beiipielsweiſe Schleſien nebmen wie 
geſagt, es ſind zahlen don 1883, mac einigen Jahren toll eine neue 
Statiſtit auigenommen werden to ſinden wir m Beuthen SO evan— 
aeliiche, 141 farboliiche und 171 jüdiſche under: an dem Johannis- 
anameikin zu Breslau 351 evangelsiche, 60 tatboliiche und s5 jüdiſche; 
an dem „Ariedrichsannrmaftun dort 125 evangelische, 12 fatholiſche und 

50 züdiche: in Gleiwitz 8evangeliiche 235 tathnliiche. 162 jüdiſche; 
hart! rechtsy m Rattöwit ST eraigelute, 2 tatbaliihe, 124 

auf dem Ehigherlen zrium u Breslau 232 erangeliſche, 
elle zn! mr Es iind em Beier und andere 
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bin, aber fie gab ein ſehr intereffantes Bild von der Verſchieb 
Konfeſſionen und erklärt mehr oder weniger it jehr intereffanter 
vieles, wie die Konfeilionen wirken auf die Befiedelung der Orte,‘ 
ich jo tagen joll, und auf die ganze Erwerbs: und Gewerbsthätigkeit. 
Man hat aljo den Eindrud, dag die chriftlichen Konfeſſionen die großen 
Arbeitermafjen, die eigentlichen ländlichen Arbeiter und die ‚ländlichen 
Grundbeſitzer liefern, während ein großer Theil der jüdijchen Mitbiirger 
auf dem platten Yande fich nicht anſiedeln will, jondern größere Stüdte 
auficht. Daher das verhältnißmäßig ſtarke Weberbandnehmen des 
jüdiichen Elements in unſeren höheren Bildungsanitalten bezw. Unis 
veriitäten. 

Alſo, meine Herren, daß hier Probleme vorliegen, die man 
ſich geitalten fan, wie man will, liegt ja aut der flachen 
Hand. Abgeordneter Ridert: Hört! hört! — Große Heiterfeit rechts.) 
— Meine Herren, ich weiß aber gar nicht, welche Noniequenzen Sie 
wünschen, daß ich daraus ziebe. Es ift die Frage an und für ſich 
wichtig, daß man ſich darüber klar wird, wie gruppiven ſich die Kon— 
feſſionen eines Staates, wie geſtalten fie ſich. wie verichteben ſie ſich, 
und wie ſuchen fie ihre Kräfte zu bethätigen, ſei es in körperlicher, ſei 
es im geiftiger Arbeit. Es iſt doch eine große, bedeutende Sache, day 
ein Bevölkerungstheil, der nur etwas Über ein Prozent der Geſammt-— 
beit ausmacht, ungefähr zjehm Prozent der akademiſch Gebildeten ſtellt. 
Sehr richtig! vechts.) Ich komme darauf zurück, wovon ich ausgegangen 
bin. Dieſe Frage ſieht bei mir nicht im Nopie ſo feit. daß ich bereits 
irgend eine Schlußiolgerung daraus ziehe: ich kann mw wiederholen, 
fir eine verſtändige Unterrichtsverwaltung it die Frage nach der kon— 
teifionelten Miſchung der höheren Rildungsanitalten eme ſehr wichtige. 
Die Auswahl des Vehrerperſonals. meine Deren, iſt eine ganz außer— 
ordentlich mißliche: ich muß für derartige Anſtalten Doch ſchon ganz 
beſonders bevorzugte Yebrer baben. Die Lehrer ſind auch Menſchen. 
tie haben alſo auch gewiſſe überlieſerie Anſchauungen. Nun denken 
Zie ſich alio ſolche Gmnnaſien, wie ich Nie genammt habe, wo jede Kon— 
jeiſion ein Drittel liefert: wie Sollen die Yebrer dort ihre Yehrmerbode 
mir Zicherbeit einrichten? Es giebt doch eine ganze Maſſe ragen, 
wo wirtlich auch ein einfacher Yehrer. der nicht gerade Neligionstchrer 
Sr, feinen veligiöien Empfindungen gend einen Ausdruck giebt. Wie 
sch den Boltsichullebrern gegenüberttebe, babe ich geſagt: Ach bulte feinen 
Hr einen richtigen Voltsichullehrer, der in ſeiner ganzen Perſönlichkeit 
sicht durchdrungen und erfüllt mt won emem religiöeen Bett. Denn 

darm tann ich emer vorhin gehörten Aenßerung beitreten wenn 
man Se Meligten auf De emzelnen vieligionsſtunden magnzmiren will, 
ie gt das Sehr wenig, Tondern Die Haurnache vr die edle Berfönlichkeit, 
zon der ich wüniche. Dda% der Yebrev fie den Minden vortiiitt: Jedes 
strD Ber en Bares Emriinden Datin: der Memm tet Böben, weil er 
zu ement gereintgtien religtöien Standpuntte ſteln. 

ah tann wirderhalen meine Derien es imd da: ragen, — 
st Biete deine Abnurm. daß ſie augeinutten vürden ich vatte auch 
AHSSHSE, gar den: Intereiſe das Fe oangehbanten wurden — welche, 
u jenge De Unterrichcsverwalimmg arme daeſelbe beſchäftigt haben 
ad beichaitigen müſſien. Mehr tann ich ſa sn dieiem Augenblick nicht 
ger. Ich Dart am 

























J 


ae. m Frantiurt a. M. haben die Juden fi 








Ministers iſt es micht mehr nöthig. jo zu fragen. Es wird mm 
Jeder, der fir das öffentliche Yeben überhaupt. Verſtändniß hat, bes 
greifen, zu welchem Zwecke man eine tolche Frage an die Staats⸗ 
regierung richtet. Sehr richtig‘) 

Ich babe nichts weiter gewollt, als meinen Finger auf cine 
Wunde des Ztaatslebens legen. Dazu aber ſind wir Abgeordnete 
biev. Ich weils mohl, daß mir auf der äußerſten Yinfen das Nedjt 
beitritten wird, irgend eine Frage, die das Judenthum berührt. in die 
Debatte zu ziehen. Wir werden ums daran nicht hindern lafien, und 
ic) darf den Aniprud) macıen, Dan ich das heut in der aflerınatvolliten, 
objektivſten Weiſe gerhan habe. Schr richtig! vechts.) Was miv von 
jener Seite vorgeworfen wird, find lediglich eigene Zuthaten. 

Der Abgeordnete Dr. Enneccerus tagt, daß die Gründung jüdiſcher 
Schulen kein Vortheil iſt. Ja, davon bin ich ja ausgegangen. aber 
der gegenwärtige Zuſtand iſt ein ungeheurer Nachtheil. Das habe ich 
bewieſen, das hat der Herr Miniſter beſtätigt. Weiter babe ich zu— 
nächſt nichts gewollt. Die wage iſt ſo ſchwierig, daß es nicht meine 
Aufgabe ſein kann, ſoiort mit formulirten Borichlägen vorzutreten. 
Nur das beſtreite ich Herrn Dr. Enneccerus, daß er aus ſeinen hohen 
akademiſchen Kreiſen ſich ein Bild macht von den zuſtänden wie von 
der Abhilfe. Die Volksnoth, auch die Noth in den höheren Schulen, 
it eine ganz andere als die in den höchſten Spitzen der Bildung. 
Wenn Herr Dr. Emmereerus tagt. er babe Mollegen, die er in feiner 
Weiſe unter die Chriſten Stelle, ja. meine Derren. auch ich kenne Juden, 
die ich hoch ichätze. Es giebt unter den Jiraeliten veditichaffene. be— 
icheidene, patriotüche vVeute, wer ſie angreift, thu: ein Unrecht. Aber 
das iſt Doch nicht politijſch, aus emiaen Erfahrungen auf das Ganze 
zu schlieken: polittich it es dar man das Judenthum als cin Nollefz 
tivum betrachtet. Und da wird mir Herr Pr. Enneccerus Die Sue 
ſtiimmung nicht verweigern w ich tage: Das Judenthum als Ganzes 
vr in der That ein beden ebenio Hr unier Erwerbs- 
leben. wie ii zier genſtig Pig der Preſie mer mm Der 
Umſiturzbewegung. Das ar der ich nicht zweifeln 
läßzt. Mo Dar wir davon en NMirperkbaft reden Das 
mus er ' db mache Abrigens 
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4. 








Wenn er nun emphatiſch fragt: wohin mit den Juden? mo 
das Unerträglihe? — dann jehe ich daraus, daß Her Knörcke meine 
Rede gar nicht vernommen hat. ch kann mir aud) denken, daß jede 
Berührung dieſes Gegenftandes Die Herren von der äußeriten Linken 
in einen Sufanb verjeßt, daß fie nichts mehr jehen und hören; — 
jeine Rede wenigftens hatte ganz und gar dieien Gharafter. 

Wenn ſich die Herren über den Gedanfen jüdiſcher Schulen fo 
ereifern, — die Thatjahen und Zahlen des Herrn Miniſters aeigen, 
daß wir bereits Schulen haben, welche, wenn man die Zahl der 
Schüler, die Feier des Sabbath und des Oſterſeſtes bedenkt, jlidiiche 
Gumnaſien genannt werden können. Sind die Zuſtände jo, dann 
thun wir am beſten, um unſere chriſtlichen Knaben vor dem Ausfall 
der Schule am Sonnabend und vor der Mitfeier jüdiſcher Feſte zu 
ſchützen, wenn wir Schulen mit jüdiſchem Charakter errichten. Dort 
würden die Juden ihren Bildungstrieb befriedigen fünnen. Die That⸗ 
tache aber, daß Frankfurt a. M. mit einem jo reichen, alten Juden⸗ 
thum dieſen Ausweg genommen hat, ſollte mich doch gegen jeden Vor⸗ 
wurf ſchützen, daß ich etwas Intolerantes vorgeichlagen hätte. (Schr 
wahr! vedjts.) 

Herr Abgeordneier Knörcke kommt nun mit dem hochgeftellten 
Juden, der ſeinen Sohn hätte evangeliſch werden laſſen, aber dies be⸗ 
dauere, nachdem ich im öffentlichen Yeben erſchienen ſei, und nennt ibm 
einen eruſten fittlicben Mann. Ich weiß auch, was sittlich und ernſt 
it; aber wenn man mit der Meligion to ipielt, daß man jagt. ich 
möchte meinen Sohn criftlich werden Laffen, aber wenn ein Mann 
wie Ztörfer kommt. will ich ibn wieder zum Juden machen, Weiter— 
tein, So it das cine Auffaſſung von Religion. von der ich mm sagen 
kann, Herr Mnörde bat den leisten Buüchſtaben feines eviten Rolle— 
gienbeftes vergeſſen müſſen, um iolche Zuchen zu Tagen. Zehr que! 
rechts.) 

Ich gebe mu zu Deren Rickert über. Er nannte meine Rede 
eine Hetzrede und da der Herr Präſident ihm Das bat Durchgeben 
laſſen. Dart uch über dieies Wort auch eiwas Tagen. Herr Rickert, das 
Dr die Tattit. Die Zie und Die Juden, Die Juden und Ze, (Heiterkeit) 
a ichönyten Verein seit zwölj Jahren gegen mich veriolgen. Ich bin 
Mann Wachen Into Sehr wahr! vehtsr ein be: 
eher dieier Frage. md ich alanbe daß chen heute 
ac Inden nielleichr ſind Sie ints ie mit ſolchen 
ngetommen iKgroize Heilerteitera der Meinung üind. 
de minen biberdenen und hen ‚ben hläügen an Aniang 

— winde co wirllei I Leiter Stehen. 
merogiin utirde unterblirben ſein. 





MAT: oller 


er Be 





























3 . \ wir 
Aermittet De, Breite 













WMienichen 
danu 

daß 
idee. Ulrmten 


raach betaı 











!inzen. versafter Beifall vedts. Dho! Ints) An der Beriier 
er zielet: Beichend wiiten. 2a er Beriger einer Zeitung vr: in der 

aaldeme? rar:c unbewa Meine Herren, 

narr ut ter Te oria!:den MOSER N Kr der Ngitator 
!er Zorialematraı s hi en gar Time Zozialdemotrarue in der 
gegenmärtigen —* wenn Diele beiden Nuten wären. ı Zchr 
rihrig! rechts. Cha! Inte. - Herr Micer: das ı do Bar! (Abe 
geordneter hıdert: Frantreich! 

An Frankreich vr cs ja ichlimm lange mine. ı Schr 
richtig! rvedrs.ı Ich habe das menlih entwidelt. Zie baben nicht 
miderrprodyen. NRennen Ze mir ırgend em vand der Welt. wo 114 
Mıllionen iozialdemokratiicher Stimmen hätten abgrgeben werden tönnen! 
Tas ilt nur möglich dadurch, Dat; bei uns das Außdenebum Se ‚sahne 
voranträgt, dar das \udenthum m der Preiĩe ſich euꝛe Macht geicham̃en 
bat, um unier Volk zu ruiniren: und ich kann nur Tagen. dar ıdı bes 
dauere von tiefttem Herzen, wenn ſich deutiche Menſchen dazu here 
geben, zu dieser Yerwirmmg ihres Vaterlandes und Volkes Bravo zu 
Ichreien. Ich werde, iolange em Blutstrorien in mermem Seren iſt, 
dagegen proteitren bier und Überall. Taranf farm ſich Der Ridert 
verlaiien. ıYebhaites Bravo reits, Unruhe Ente. Erneutes lebhaites 
Bravo rechts. 


















mie bern 








Abgeordneter Wikert: Meine Herren, ich werde mich aui die von 
dem Deren Vorredner angeregte Frage heute nicht näher einlaiſen. da 





fie ja mehr auf dem Gebiet des Volksichulweſens beat ih meine 
die Frage des Zimmltanichuhoeiens als auf dieſem. Ich giaube in 


Ueberemiſtimmung mit meinen Freunden zu örrechen. went ıd der 
MWKemung Ansdrück gebe, daß die konieſſionell gerrennten Schulen als 
eine gute Einrichtung yon uns nuctt anertatuut wer and auch nicht 
Die gute Wirtung derielben.  Tieogeimige A des Herrn 
Multüsminiſters bat mich von dem G— act heil nett über:eugt. 

Meine Herren, im Vlebrigen b! zuirieden dan es mir qeitern 
gelungen m, den Herrn Kultusmintiter zu bewengen Sat er ieine 
Memumng öffentlich zum Ausdruck gebracht bat. : Der Haupt⸗ 
el memer geitrigen Benerbimgen werner 3 Dsthede 
des Herrn Ziiter. Dem op Samy ner wall v nprebrten 
Herrn femmen wir ge— Au wis dev Geichuente Da ichen 

























































Bewegmig und an aber i 
van een mm N dentt md 
2a heben mn geriern webäger, 

° Der Bert SIEB Smaner dr danke 
Un Hrorn di Sim 
emmen a3 . Wenn 
er rielleicht saroalf 
ER dr letter 1853 

riaminel: acht 





galt, fertig guter 
vr mir veiltumute 
Herrn Rulige mintier 


nen Antiülwringen 
"tb dante ale dem 
eriren: aber bin ich 












wohlwollende Form der Diskuffion, — eine Begrlindung, nie“ 
Herr Kultusminifter fie dargeitellt hat. 

Nun weiter. Herr Störfer — und das ſcheint der Herr Kultus— 
miniſter auch nicht gehört zu haben --- hat geingt, daß das jüdiiche 
höhere Schulweſen auf die Charakter- und Volksbildung der jüdiſchen 
Mitbürger beijer wirfen würde, als eine Bildung ohne rechtes Fun—⸗ 
dament. 

„Wenn das junge Judenthum — jagt er — jo unvermittelt in die 
chriſtliche Schule hineinfommt, ohne ſich das Chriſtenthum aneignen 
zu Eönnen, jo wird dadurch vielfach der Zweifel, der frivole Geiſt 
erzeugt, der eine jittliche Gefahr von der größten Tragweite ijt.” 

Das iſt jo janft, jo objektiv! Natürlich, Herr Stöcer iit ja liber- 
baupt nur ein Yanım, ein Yamım der Yiebe, (Heiterkeit) er flieht über 
non Zärtlichkeit und Sanftmuth gegen jeine jüdiichen Mitbürger; 
es ift rührend, wenn man das hören muß. 

Der Herr Kultusminiſter findet jelbit eine Rede, wie die geſtern 
gehaltene, ganz objektiv, er findet gar Feinen Grund, von jeiner Stellung 
aus zu proteltiven gegen derartige Schilderungen. Herr Stöcker hat 
ausdrüdlic) erklärt, daß die chrittliche nationale Bildung durch das 
Beiuchen der jüdiſchen Ninder auf den höheren Schulen erſchwert 
merde. Scheint das dem Herrn Kultusminiſter aud) jo ſehr harmlos? 
und wenn er wirklich der Meinung wäre: wäre es denn nicht teine 
richt, endlich einzugreifen und die Zchlußfolgerungen aus feinem 
Material zu chen? 

Aber weiter umd auch dies ſcheint der Herr Kultusminiſter 
überbört zu baben: und das iſt es gerade, was mich dazu brachte zu 
erwidern —- am Zchluß der Stöckerſchen Rede, worin Herr Stöcker es 
wagte, ohne irgend welche weitere Begründung, zu bebauten, Das 
Großkapital in Berlin Stände an der Spitze der Umſturzbewegung. 
emige jüdische Nechtsamwälte, Die früher der Yinfen angebört hätten. 
wären jest in das ſozialdemokratiſche Yager übergegangen! Er vier 
dem Herrn Rultusminiſter zu, Die Frage des höheren Schulweſens jet 
ipruchreif: da müſſen wir daran denten, uns vor dem Umſturz zu 
ichützen. Wie dentt denn der Herr Nultusminiſter darüber? das Toll 
’ı harmlos ſein. weun man unern jüdiſchen Mitbürgern in dieſer 
Wene ia uentlich in Bauich und Bogen geradezu Umſturztendenzen 
anterlegt? Zieht denn das nicht mit glatien Worten darm? Tas toll 
a eben der warneude Ruf an den Herrn Rultusminiſter ſein. Ich 
alaube m Uebrigen. dar alle Parteien auch Zi meine Derren, 
!a drüben erechtez eine andere Auinſiung von dev Störterichen Rede 
gelubt haben wie der Herr Kultusminiter. Das war der erite Mir. 

vor; die Zube ioll weiter iorigeietzt werden. 

Mer Herren mir war nur aumallend, dar Herr Stürter gerade 
den gritrigen Tag, an welchemeim unſerem umeren Sicateweren großze 
veitzragende Keränderungen zur Thatigche geworden mad. Th greignert 
le das vi. das er ISO begonnen und welcher in High ges 
beitetoom an dem Willen der deutſchen Natiön. wieder aufmelhmen. 
tvwiaub: Herr Stätber Ba ſeit geitern ſeine zeingetommen 1117 
An glaube. De Herren nen eh Darin gerade So wie Sie öſich geirrt' 
aren in Bezug auf die agratz. Keinionsbewegung welche im Jahre 1880 
ringeleitet wurde. 






























Miniſter, obne daß er ſebl ſchon eine beſſimmte Schlußfolgerung 
dem ſiatiſtiſchen Material gezogen hatte, doch vielleicht nicht abgeneigt 
wäre. uns zu führen. 

Run. meine Herren, ich hoffe, das preußziiche Volk wird es nich 
erleben, daß es dem Herrn Kultusminiſter v. Goßler gelingt, eine ders 
artige Aenderung des geteelichen Zuſtandes berbeiqufiihren. Möge er 
weiter Material jammeln, möge er fich mit dieiem schwierigen Problem 
weiter beichäftigen. ich hoffe, wir werden nicht dazu kommen, daß der 
Wunich und Wille des Herrn Stöcker erfüllt wird. 

Meine Herren, ıd weit nicht, ob der Herr Nultusminitter nach 
der zweiten Ztüderichen Rede heute noch jo denkt, dar fie objektiv, 
harmlos wäre, nur unterrichtstechniich. und daß keinerlei Antiſemitismus 
darin vorbanden wäre, fteinerlei Verurtheilung des Judenthums als 
iolchen. Die zweite Stöderiche Rede lärt dem doch ın der That jeden 
Zweifel fallen, tie läßt, obwohl Herr Ztüder den Deren Abgeordneten 
Enneccerus gegenüber jagte. da er in der allermaswolliten Weiſe die 
Sache vorgebracht hätte, aan, klar erkennen, wohin er will. „ine 
politische Aufgabe it es” jagt er, dar „man das \udenthum als 
ntolleftivum betrachtet. weldies iowohl auf unſer gewerblicdes als 
auf mer geiſtiges Yeben einen schädlichen Eintr ausübt.” Tas nennt 
man wohl teen Sntienitisuns' Ich dente: der ſchönſten Zorte! 
Und wenn Herr Stöcker ment, dar Die Rose ng .Hetzrede“ eines 
volitiſchen Mannes richt würdig te dene uch ihinn die Frage vor: 
iit es würdig., in einer jolchen Were über einen großen Theil unſerer 
Bevölkerung abznurtheilen? iſt es würdig. dar em ehrlicher, ein rer 
Diger der Yiebe, der Humanität, dev Menichenbebe. mit solchen An. 
Hagen fonmmt? Unruhe vedts. 

Wie Nerv Stöcker es mu den Thatiachen vält, das zeigt Teine 
Vergangenheit. Großze Unruhe rechts und Ruie: 

Herr Stöcker ment, wir brächten mar Ptiraie 
erlegen wir vr Flugblätter. Nun. der Ihn 
nor. aber ich weis nicht. ob es Jemand bo 
Ztöder paſſirt Dr im dem detannten Bäder 

zeitelli Pt Dan die Thatſachen, Me cv hier and 













wie es — 
vosernht feit- 
vorachradt 



















Er mt Dev Wahrhen diret; m Widerir 2; Unruhe 
rate. re reits: Neht wabr!:; 

Ich wer: richt mer erpoomtoomeo nisse Re— 

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— 31 — 


mit ein paar Bemerkungen ihm aus der Hand gewunden. Wo bleibt 
Ihr ganzes Argument in Bezug auf Frankfurt a. M.? (Zurufe.) 
Ich wei nicht, vb Zie bier waren und Herrn Metler zugebört haben, 
Henn Stöcker. Ich empichle Ihnen, leſen Sie den ſtenographiſchen 
Bericht, dann werden Sie von einem ſachkundigen Mitglied hören, was 
an Ihren Behauptungen wahr iſt. 

Meine Herren, Herr Stöcker hat dann ferner — und dieſer letzte 
Ausfall in ſeiner Rede iſt das Glänzendite ums augeſchuldigt. dat 
wir als Deutsche uns dazu hergeben, zu dieſer Verwüſtung des Volkes 
durch das Judenthum Bravo zu rufen. Tas iſt auch jo ſanft, — 
meine Nerven, das veine vVamm der Yiebe, der Mientchenliebe!  (Yachen 
rechts.) Und vorber batte er erflärt, dar eine Nation, die wir als 
Gäſte aufgenommen, der wir das Bürgerrecht gegeben haben, ſich nicht 
herausnehmen jolle, die Grundlagen des Volkes zu unterwühlen. 
Ja, meine Herren, ich möchte den Herrn Kultusminiſter fragen, iſt das 
wirklich) die Methode, mit der man einen ſolchen angeblich unterrichts: 
techniichen Antrag begriinder? Ich meine, nein! Das iſt wirklich 
Aufhetzung der Gemüther, das iſt genan dieielbe Richtung, im welcher 
Hear Stöcker in den Soer und Ende der der Jahre die antiiemitiiche 
Bewegung unterſtützt bat. Wie Vieles Herr Siöcker darin Leiftet, das 
wiljen wir Alle, aber was er geſiern geleitet bat, das trönt das Ge: 
bäude. Er jagre in aller Ruhe und mit faltem Blute: Der große 
König Friedrich Dachte ebenſo über die Judenfrage wie id der Herr 
Stöcker. Meine Herren, das iſt wirklich eine famoſe Entdeckung, Die 
Herr Stöcker da gemacht bat! Ich möchte ibm empiehlen, daß er die 
Werke des alten Fritz einer näheren Einſicht unterzieht. Herr Stöcker 
hat uns geſtern eine Thatiache angeblich von dem alten Fritz mit: 
getheilt, day er den Zuzug der Juden nach Breslau verboten babe, 
meil ſonſt daraus ein neues Jeruſalem würde Meine Herren, don 

eſtern auf heute babe ich noch nicht die Zeit gehabt. dieſe Behauptung 
es Herrn Ztöder auf ihre hiſtoriſche Nichtigkeit zu prüfen, ich weiß 
es nicht, ich will_teine zzweifel daran ausdrüden: nach der Bergangen: 
heit des Herrn Stöcker wäre ein ſolcher ganz berechtigt; wir wollen 
den Beweis dev Wahrheit abwarten. Meine Derren, was will den 
nun aber dieſe anefdotenhafte Mittheilung über den alten Fritz in 
einem Blatt oder Buch. das ich nicht tee  - was will die bedeuten 
gegen die andere herrliche Fundgrube, Me wir im den Schriften des 
Königs ſelbſt haben. Es wäre Deren Stöcker wirklich ſehr dienlich, 
went cr die Werke Des alten Fritz einmal genauer ſurdiren möchte. 
Friedrich II. bare den Grundigatz, „Dat es feine Neligion giebt, welche 
in Betreſi der Sttienlelxe von der anderen Sehr abweiche.“ Er bat 
den Unterricht in der Zittentebre immer als Dauptiache betrachtet. 
Zoldie Worte wir .crifttah germmammiher Ziuat” was Die bedeute, 
das hat der betarnte Itwolone Bümagarten in termer Schrijt „Wider 
den Hoſprediger zu Weiie aus Nendergeickt, das 
Herrn Ziheer die van Aunwort zu geben, wie Ne 
Herr Stöcker poll gegehen "ü cv das Material dazu gebabt 
hätte. Ich glanuse, ſcire Des Herrn Raum— 
garten gegen ven Dat der ſeiner Sen an hoher 
Stelle geiagt munde sale zeitgemäße Ericheinung Tel Ta 

“5 Zeer den chrötlichen Ztant” Ziabls, 
























wird er and Et 





” 





son dem herr Stöder mir geſtern nachweiſen wollte, Dak das‘ 
che richtig ſei. Wie Zrabl über den chrirlichen Ztaat dachte. das 
wutzte ich. Ich habe es netten gerade als ronie bezeichnet cob! oh! 
redhtsı, dar der Betämpier des Judenthums auf dem Boden tteht, den 
ein Inde aufgebaut hat. der frübere Nude Zrahl. Gerade dieie Auss 
iührungen von dem dhrittlich = germaniichen Staat find seine Muse 
Führungen. Wär den Erifindungen eines Juden ſichmücken Sie ſich! 
tLachen recns. Ja, meine Herren. das müſſen Zw nachbeten: von 
einem Juden, der allerdings. weil er vom Judenthum zum GChriltens 
thum überamg, um jo schlimmer gegen Seme alten Bundesgenomſen 
war. ber Zie, die Zie Broteitanten md, tollten Doch anders denken 
- mir anderen Protettianten haben fülteres Blur. wir folgen ſolchen 
Renegaten nicht, wenn sie uns auch mir Dugen wie . christlicher Zraat” 
amd to wener kommen. Ich Hörde Herrn Stöcker auch emwichlen. 
daR er einmal den „sürteniviegel“ des alter Fruz durchiieht. Alles 
will ich nicht worleien, was er von den tindiſchen Brieitergäntereien” 
tagt, welchen er „nicht geng Slam enutgegen bringen” könne: 
jerner was er von dem Aberglauben und dem Fanatismus dicier 
Brieſter ipricht, die nur Kerderben fir den Staat öeien. 

sch will aus dem Fürſitenipiegel un eine Ztelle vorleſen. wo er 
iagt: „hr id das Haurt dev Bihraer! Algo Eures Landes. 
Ziecie beiteht m Mechelichteit md Es nt 
Eure Pilicht. fie ber zui fallen welches 
die Haupfttugend dentenden \ che Neligion 
überlazt Dem höchſten Selen. Wir ſind Ulle in dieier Beziehung 
Blinde, durch verichtedene Irrthümer irre gele:iet. Wer ven uns 
möchte io dreiſt ſein, über Dem richtigen Weg abzunriheilen. Hütet 
Euch alle vor Riligionsiſanatismus, welcher Verioigungen erzeugt,. 
Wenn die armen Sterblichen dem hächiten Weien geigilen können, ſo 
tann es nur durch Wohlthaten geichehen. Die ſite an Menichen üben. 
mehr aber durch Gewaltthätigkeit gegen Eigenſinmge Durch 
Duldung erweitert Ihr die allgemeine vnebe. 3 macht Euch 
um Abſcheu.“ Sehen Zie, das it das. mas ber Große. 
Ser nach Bern Stöcker ebenſo aedacht haben ioll Über die Judenfrage. 
pie der Herr Höoiprediger Stöcker beit. dariiber iagt. Ich denke. Herr 
Ztücker würde ſich doch Febr winner, wenn unter Semi Namen Der- 
atige Artikel in Dre Welt gingen. Das var micht 2 emander. 

Ich babe schon hervorgehoben. vs würde nir ont ge!ab haben, 
m Herrn Stöcker geitern No viel zu reden wenn vh nichr Sen Herrn 
Rultueninuſter hätte beiragen wollen. danu: das arapsihe Volt weiß. 
vas dieſer neue antiſemitüche Felding Hi wie Wet Die 
Arußiiche Regierung eine Unternürumg vinge beret St. 

Ich habe schen hengewreirn auf Den 
ISO, Herr Stücker bat damals ebenie ram 
der Yiebe, der \hanamtär im ; 
ern een Dohen Hauie heir 
Sa im Mampie geltende Bub 


Kede des Seren Stückter von 











































ger 
> ch 
mt 
H se rRenau Der 
Kerner Isa, Ich batte Damals 

Selb die Freude Beerbei mit Herrn Ziöder zuiiammenigeratlen. Damals 
sein De Bewegung em auderes zZziel. Mar glaubte. mt ner Pe— 
zoomen Milben Unterichrüten se Duoeo wide eo chen 




































um das goldene Kalb alleräings wicht mitgemadit. Und & 

nit einer jolchen Vergangenheit fühlt fich beveditigt (Machen. TEE 
einem solchen Ausfall gegen einen großen, fleißigen, patriotiichen Un 
unferer Mitbürger. Da Sie feine Ahnung davon haben, dag um 
jüdischen Mitbürger völlig gleichberechtigt find mit uns, und daß 


für das Vaterland im Kriege und im Frieden ebenſo ihre Schuldigteit‘ 


gethan haben, wie wir Chriſten, begreite ich. Zie verdienen es nicht, 
dag man im dieier gebälligen, fleinlihen Weiſe gegen fie als Kaffe im 
Ganzen, wie Dar Stöcker früher gerban bat, losgeht. Ich babe aber 
die Doffnung, dag dieſer Standpunkt, dieſer engberzige, armielige 
Standpunkt, wie ich ihn nicht anders bezeichnen kann, feinen Widerhall 
im deutichen Volke finden wird, und daß dieſer ymeite antiiemitiiche 
Feldzug ebenſo kläglich endigen wird, wie der erſte. Dieie jeſte Zu— 
verſicht, dieſes Zutrauen babe ich zu dem deutſchen Volt. Dasſelbe 
wird feſthalten an den Traditionen des großen Münigs Friedrich, — 
wenn auch Herr Stöcker ſich geſtern wir ibm identifizirt — es wird 
feſthalten an dem ewigen Grundſatz, day die Menſchenliebe, die To— 
leranz, die Humanität die Pieiler nd, auf denen ein Staatsweien 
für die Dauer ficher vuben famı. ilnd Diele Grundlage wollen wir 
erhalten willen, und wir werden alle derartigen antiſemitichen Hetze⸗ 
reien a liminé“ zurückweiſen. «Bravo! links. Ziſchen rechts.) 


Kultusminiſter Dr. 9. Goßler: Meine Herren, ich mußs meine Rede 
mit der Bitte um Entſchuldigung beginnen daß ich Me Erwederung auf 
Die eben gehörten Worte mit derielben Obiektirität uud Rube ertheile. 
wie ich es geſtern zu thum vertucbt habe, wie ich überhaurteun Sachen 
meines MReſſorts. wenn es irgend wöglich Hr. obletures Handeln u 
meiner Gewohnheit mache. Richt daß ich die Fährgtei: nicht beiäße, in 
ähnlicher Weiſe zu ſprechen, wie wir eben gehör: haben. Ich kann 
verſichern, als ich ſelbſit noch im Parlament war war es mir jehr viel 
beauemer. mit einer gewüſen leidenichaitlaben Verrenun De Distuiſion 
emzutreten. als mir dieſes Mar ton zzurückkaltüung und Beichräntung 
auizuerlegen: das ich, glaube ich gerade als Unterriismuniter zu Der 
wahren verpvilichtet bin. 

Wenn der Herr Abgeordnete Nicder: ieine Mess Dam 
bar. day er iemer Verwunder: ab wie 
uweiſen önnen, daß er ur 
S:öcker ar etner Weiſe auigeiaßt 
zabe, Io dari nn daran ermrern 
Arui aiſtnrg Dev: 
harien und ichrotien Werie 
or: nach Herru Zrößer 


3 "beit 


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* 














ER „armen 
ui hütte 








































vie nachzu— 
en Abgeord⸗ 
Boeihen euung“. 
ie!bit aus Worteireden 








nv. 






u — 


habe Ihnen geſtern gejagt: man kann der Auffaſſing huldigen, 
unter Umſtänden wünſchenswerth iſt, ſelbſt in den höheren 


eine konfeſſionelle Sonderung der Schliler eintreten zu laſſen ich he be 


aber gleich hinzugefügt: geſetzlich liegt es ſo, — der Herr Abgeordnete 
Rickert bat die richtige Stelle heute vorgeführt. Ich habe dann auch 
gelagt, daß eben der Raum und die Fülle dev Kinder maßgebend iſt 
für die Konſtruktion unſerer höheren Schulen. Es iſt unmöglich, beis 
tvielsweiie bier in Berlin zwei fatholiiche Gmnnaſien einzurichten und 
die Kinder vielleicht zu ywoingen, im Durdjjehmitt einen Weg von 10 
Rilometer dahin zurückzulegen. Man muß mit den gegebenen That— 
ſachen rechnen. Es liegen ſa auch noch andere Geſichtspunkte vor; ich 
babe das nur jo eingeſtreut. Alto nach dieſer Richtung bar der Herr 
Abgeordnete vieles geſehen, was eben nicht da iſt. Ich kann mich auch 
gar nicht darauf einlaſſen, hier vor dem Hauſe und dem preuziſchen 
Volke zu erklären, wie ich über eine Reihe von Fragen denke, die hier 
vorgekommen ſind; ich bin weder Zenit noch Antiſemit: die Königliche 
Staatsregiernng iſt es. ſo viel ich weiß, auch nicht. Ich habe mich 
niemals in dieſe Streitigkeiten eingemiſcht, werde es auch nicht thun; 
aber ich darf mir doch das Recht aumaßen, bei Sachen, welche meine 
Unterrichtsverwaltung betreffen, in einer tlaren, möglichit allgemein 
verständlichen Weiſe mich auszudrücken. Sehr richtig! vecdts.) 

Nun jagt Herr Midert, Herr Metzler ber wieder Alles über den 
Haufen gewoöorſen. Ich babe mein Sienogramm nicht durchgeleſen, 
ich forrinive es auch nicht, weil ich feine zzeit dazu habe; ich babe mehr 
Geſchäfte noch außerdem wahrzunehmen: ich habe ausdrücklich geiagt: 
in Frankfurt if das Zchulmeien der jidiichen Bevölkerung gegenüber 
fonfeifiwnell getheilt: aber ich weis wohl. daß Dies nicht durchweg der 
Fall iſt: ich alaube, das babe ich ganz deutlich geſagt. Nun war cv 
mir ja sehr wohl befanmt. daß die eigentlichen Gmnnaſien wicht kon— 
jeſſionell getheilt Id, wohl aber it das höhere Schulweſen in Frank— 
jurt a. DM. -— ich will einmal sagen - zu Gunſten der \denichait 
fonfeittenell in anderer Beziehumg getheili. Wir haben dort ſogenannte 
Realſchulen, wir baben m Frantfurt eine Mealichele. welche Die ijrae— 
Liriiche Meligionsgeiellichaftt unterhäli, in welcher um Januar 1883 184 
Schüler waren und zwar waren dieſelben iämmtlich dieier Religions— 
genieinichait angehörig. In Der Vorſchultlaiſe waren iämmtliche 86 
Schüler ebenfalls der jüdiſchen Gemeinichait angehörig. Darm vr Dort 
eine Realichule der ürgelitiſchen Gemeinde. welche 335 Schüler hatte 
und davon waren 329 Juden: chört!“ in der Vorſchule 149 Schüler. 
davon 195 Juden. Es geht alle in Frantiare wie wir Sehen, ſo 
wer, daß Die Juden unter ſich nach Maßgabe ihrer veimiöten GGrund— 
iätze geichieden ſind, und wenn es Die Juden in Frant'iurt jertig 
bringen. ſich unter einander zu icheiden, jo braucht man Sich nicht au 
verwundern, wenn unter Umſtänden Sich einmal die Ebriſiten  Iheiden 
wollen von den Juden. Webhaſter Berrall verbta. 

Unter den höheren Anſtalten m Franutfurt a. Mi. st die Wöhlerſche 
als dieiemge bekannt Be am mepten von Juden bericht wird. es fir 
ein Realgyennaſium, wo ſich 107 Juden mier cnva don Zchüleri bes 
fanden. md auf dent damals allein beitehenden Humannnichen Gun- 
naſium waren 1334 jüdüche Zebitler. Ich erkenne alle an, daß in den 
eigentlichen Gmmnaiien eine konieſſionelle oder veligtöie Zonderung nicht 













geichritten. Ich nlaube mid; zu entſinnen, daß da ficben 
inmden erma gegeben wurden. Das geht eben nicht; es m | 
liche Arbeit md mas die Religionsgejellichaften ertra neben, ei 
maßen den Anforderungen ber Schule anpajjen. . 

Ich kann, meine Herren, damit schließen. ch kann mid) 
möglich auf den Standpunkt ftellen, dar id; mich auf das große 
gemeine politiiche Gebiet hinaufdrängen laſſe; aber ich glaube, jobiel 
geht hevvor, — id) Fünnte ja noch mehr Material beibringen — — 
die Unterrichtöverwaltung ein großes praftiiches Intereſſe hat, bi 
ragen zu verfolgen, und daß unter Umftänden aud,) Wünſche eis 
ftchen, die Darauf gerichtet find, wie gewiſſe Unguträglichkeiten leichter” 
vermieden werden fünnten. Bor einigen Jahren fam eine Deputation 
der hieſigen altgläubigen Mabbiner zu mir und verlangte von min, ich 
tolfte ein schriftliches Abinwienteneramen verlegen. Ich bin in diejea 
Dingen ſehr gefällig, meine Herren, ganz egal, welder Ronfeſſion die : 
Herren angehören. Ich schrieb ſaſort an das Provinzialfollegium mit 
eigener Hand, vb es aud) möglich wäre, ich glaube, es waren fünf 
oder ſechs jiidiiche Abiturienten im Frage eine Verlegung eintreren 
zu lajien. Das betreffende Provinzialſchulkollegium reichte jojort Den 
Reiieplan des Schulraths ein, es ergab ſich daraus, daß es unmöglich 
war, den Termin zu verlegen. Darauf erflärten damı die Rabbiner, 
dann wiirden die Schüler eben iruſtriren. Ich Tante, das thüte mir 
tehr leid, dann würden fie das Examen nicht machen können und nad) 
ts Jahr warten. Darauf haben die Abiturienten neichrieben und haben 
das Eramen gemacht. (Dörr! bört! rechts.) 

Ich will nur sagen: es ſtoßen ſich im Raum die Sachen. Ich 
bin in Ddieiem Fall darüber hinweggekommen. Dieſe altgläubigen 
Rabbiner haben mir ja auch dabei geholfen. Aber denken Sie fich in 
die Yage eines Lehrerkollegiums und eines Tiveltors: amd es treten 
nun, wie die Praris zeigt, fortwährend neue Anorderungen  bevan. 
Dann wirt eme gewiſſe Unruhe in einer tolden Anſtalt em, welche ich 
fir die Eriüllung dev Aufgabe eines ergiebigen Unterrichtsbetriebes 
unerwünſcht balte. Leider kann ich nur Tagen: ich Nude die Sachen. 
und ſuche in einsehen Fällen, ijoweit es geht, Ordnung u Ichaffen. 
Aber ich tann mich unmöglich auf den Standpuntt Ttellen. daß id) 
Semiten vder Antiſemiten unterſtütze, oder ich mut Retrimmationen auf— 
trete, für welche für De Rönigliche Staatsregierung gar tem Intereſie 
und gar keine Röthigung vorliegt. (Bravo! rechts. 


Abgeordueter Stöcker: Ich widerſtehe dev Verinchung ebenio wie 
geiteru, dieſe Frage auf das allgemeine Gebiet zu erren Wenn ich 
weitergeſührt wurde, als ich wollte, To verdautt das Dans. ab Das 
Audentbum. Dielen Gang der Sache jedtgleh Den Herren Rnörcke und ! 
Rickert. ehr richtig! rechts Die im übertriebener und von temerle Ber: 
Hand; zerigender Wehe rein aus agitator:ichen Mürichten Me Dinge — 
un ihrer Weiſe vorgebracht baben. Sehr richtig! rechts.“ Ich muß 
aber einiges richtg ſtellen, was geiagt wi. 

Herr Nickert Sagt. day; wir Den eriten Tag einer neuen Periode 
im unſeren Regierungsverhältniſſen dazu benutzen, um von der \uden« 





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genoſſen nie eine größere Unwahrheit jagen bei einer ähnlichen Sache, 
wie ih bei diejer! «Beifall vechta.) 

Nm, der Hexentanz ums goldene Kalb! (Zuruf des Abgeordneten 
Ridert.) -- Herr Rickert, ich babe damals die Namen der betreffenden 
Herren genannt, ich habe die volle Zahl genannt. a, id) habe mic) 
lange dagegen geſträubt, aber ich habe tie zuletzt auf dem Tiid) des 
Dauies niedergelegt, to daß fie jeder leien Forte, - - Zuruf links ja, 
ich habe die volle Zahl genannt! Aber das verstehen die Herren eben 
nicht, daß man aus Rückſicht periönliche Angrifte hier nicht machen will. 
In der Sache babe ich nichts verichen, Herr Rickert. 

Was aber ein Gerichtshof Für wahr annimmt, dafür kann ich nicht. 
Denten Sie mw an den Torigenden dietes Gerichtshofes, dev den 
Prozeß Bäder leitete: erfumdigen Zie ih, wie man in Juriſtenkreiſen 
die Verhandlungen dieſes Präſidenten nannte. Ich will cs Ihnen 
nachher im Vertrauen ſagen. Vergleichen Sie das erſte Erkenntniß 
mit dem zweiten, wie da die Thatiachen verändert ſind: bemerken Sie, 
wie auch im zweiten Erkenntniß noch cine game Menge von 
Sachen aufgeführt waren, die der Wahrheit nicht entſprechen. Damit 
können Zie ſich wahrhaftig nicht hinſtellen und verſuchen, meinen 
Ruf anzıtaiten. Wenn Sie nichts Berferes wiiſen. werden Sie weder 
nich. noch irgend einen memer erde beimrubigen.  Yallın Sie end: 
lich das Weichäft. vs kommt nichts Daber heraus. Es bar mir in den 
zchn Jahren nichts geichade: auch heute wird es mir nichts 
ſchaden. Jeder Menich wer; Das man der Preiſe aut Ihrer Zeite, 
vieliach auch den Aeußerungen das Mar der Wahrbeit nicht beimeſſen 
fan. das im Öffentlichen Yeben nörtzg it. u: Jemand u beglaubigen. 

In der Zeche ielbit babe dh nichts hinkun Sachuch wi 
von jener Zelte nichts —— et. Alles. was ab geiag: babe, iſt 
durchaus beĩtäti — richlan_ den ich gemzent habe. sr als 
möglich aner! aui jener — das rechte Men der Er— 
teuntzuß m radage ngen nicht zur handen W fh tann 

























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ve 












ich nicht. Ich bi i A te ER ii iich 
mb handelt san ra waron dev Juden : tendern 
am Emanzivation der Criten ven Dim Jud ur reden 
werde ich mir dinch teine Bar! sverrand!ung ein Du be: 






reten Aalen, 











Kin eigenes Urteil über Stöders polirifche und Firdhen- 
politifhe Wirffamfeit ermöglichen feine VDeröffentlihungen: 


J. Ebriftlich-Sosial. Geb. M. 4,—. 
2. Wach auf, evangeliſches Volk! Geb. M.4,—. 
3. Dreizehn Jahre Hofprediger und Politiker. 17.—,50. 


+. Deutfche Evangelifcdye Rirchenzeirung. Wochenſchrift 
viertelj. M. 2,50. 


Sämmtlid im Verlage 
der Buchhandlung der Berliner Stadrmiffion. 

















Mofl, ber mütende fozialiftiige Agitator und Reihätagsabgesrbneie, 
fagte: „Leit nur bie Bibel — vorausgeſetzt, daß ihr den Etel überwindet, 
ber euch ergreifen muß, wenn ihr das infamfte aller Schanbbüder auf: 
ſchlagt — und ihr könnt bald merken, baf ber Gott, ben man ba euch 
aufſchwatzt, ein millionenföpfiger, feuerfpeienber, radef$nauben: 
ber wüjter Drade iſt.“ 

Hafenclever erklärte: „Wenn für unſere Beftrebungen Nuten bar- 
aus entjtünde, würden mir getroft bie Hanb be& Teufels annehmen,“ 

Bebel bekannte offen: „Wir erfireben auf politiichem Gebiete Die 
Republit, auf bem dfonomijdhen Gebicte den Sozialismus, und auf bem, 
was man heute bas religiöfe Gebiet nennt, den Atheismus“ (Gotiröleug- 
nung, Gotilofigfeit). 

Us öfterreihifhe Arbeiter in ber „Vollsftimme“ erflärten, fie wollten 
„für bie rubige Kortentwidelung des Staatölebens wirken“, nannte bas 
ber „Volls ſtaat“ „offenen Verrat an der Sache der Arbeiter,“ 

Der fozialbemokratifche Kongreß in Eiſenach wurde geidloffen mit 
den Worten: „Wir find entichloffen bie golbenen Früchte zu genießen und 
die Schlange zu verſcheuchen. Sollte das nicht gelingen auf gütlichem 
Wege, wohlan, dann find wir als Männer, die vor der That nicht zurüd: 
beben, bereit den alten Baum zu fällen, und an feiner Stelle einen neuen 
kräftigen Baum erftehen zu laſſen.“ 

Furchtbarer no klingt es in Form der Dichtung. Der „Brauns 
ſchweiger Volksfreund“ ſchrieb 1872: 
„3a, ja mein Freundchen Bourgeois (Bürger), 
Daß Unheil ift die immer nah. 
Du dauerft mid, du armer Wiät, 
Auch fiehft du ein, 's iſt unfere Pflicht, 
Um Beltverfhönerung zu feh'n 
Und nad Laternenfhmudf zu Ipäh'n.“ 


Am Proletarierliederbug finden wir „Der Menſchheit Kriegsgeſang“ 
nad) bee Melodie: „Ein feite Burg“: 
„Bei feht, bie Throne fallen ein, 
Die heil’gen Stühle zittern! 
Nun, brave Männer, drauf und brein!“ 






































4. Stadtmiffion und Politik. Weil wir nun einmal bet dem Miber- 
fprud find, im ben fi Stöder mit den Thatſachen gefegt haben ſoll, fo 
mollen wir Bebel zu Hilfe fommen, und ihn an noch einen ſolchen Wiber- 
ſpruch erinnern, mit dem fogar ein Gerichtshof (1885) Stöder hat belaften 
mollen, 

Stöder Hatte auf einer Berliner PaftoralsKonferenz die Mitteilung 
gemacht, daß es einem Stadtmiſſionar gelungen fei, in einer (oder einigen?) 
Familie das „Berliner Tageblatt“ durd den „Reichsboten“ zu verdrängen. 
Daraufhin Hatte Profeffor Beyfhlag Stöder den Vorwurf gemacht, 
baß er Politik mit Religion verquide, indem er feinerjeitS durch Die für 
bie innere Miffion thätigen Boten das Parteiblatt, den „Reichsboten“ 
folportieren liege. (Übrigens ein merkwürdiger Vorwurf nad) dem, 
was Beyſchlag über die jüdiſche Prefje gejagt hat; ſ. S. 12.) Stöder hat 
dieſe Thatſache in Abrede geftellt, Der Präfident des Gerichtshofs (1885) 
aber behauptete als von Stöder zugegeben: „1. daß allerdings ein 
Bote der inneren Mijfion das ‚Tageblatt‘ aus einem Haufe entfernt, 
und dafür ben ‚Reichsboten‘ hineingeſchoben hat, und 2. daß er die 
Boten der inneren Miffion beauftragt und angemiefen, nichts anderes zu thun, 
als bie Betreibung der inneren Miffion. Wenn num der Zeuge Stöder zugiebt, 
daß einer feiner Boten nicht bloß die innere Miffion, jondern Kolportage 
in der Form der erwähnten Journal-Unterfchtebung betrieben, jo war es 
einerſeits feine Aufgabe, biefem Verfahren entgegenzutreten und anberers 
feits befand er ſich nad) der Auffaſſung des Gerichtähofes mit feiner Bes 
bauptung, daß jenes in feinem Auftrage nicht geichehen fei, Halb und Halb (!) 
mit ben ermittelten Thatfahen im Widerſpruch.“ 

Dian kann ohne meitereß daraus fehen, daß ber Gerichtshof von 
bem Betrieb der Stabtmiffion feine Ahnung gehabt hat. Für die Kundigen 
war es nicht nötig, für die Döswilligen vergeblich, aber für den nicht Heinen 
Kreis der unmifjenden, aber doch der Belehrung nod zugänglichen Leute 
immerhin gut, daß der Vorftand der Berliner Stabtmiffion jhon am 
19. November 1881 eine Erklärung erlaffen hatte: „In ber politifchen 
unb kirchlichen Prefje, ſowie auf den Provinzial-Synoden der Provinzen 
Brandenburg und Preußen ift neuerlih die Berliner Stabtmiffion der 
Gegenſtand mannigfacher Mißverftändniffe geweſen. Es ift ihr der Vor— 
murf gemacht, daß fie der Politik dienftbar gemacht werde; insbefondere 
ift Herrn Hofprebiger Stöder, dem Vorſitzenden bes Komitees der Berliner 
Stabtmiffion, nahgefagt, daß er durch die Stadtmijfionare den ‚Reichs— 
boten‘ habe vertreiben laſſen. 


















































Tg 


chen, feiner Wgitatise ja entfagem, er Hätte Bad 

feiner e Amen wegen feine Anſichten nit aufgeben 
follen!” BWahrgaftig es if zum Baden! Stöder Hat bu jeim 
unbeugfameb Eintreten für feine Übergeugumg fit bie Feindihaft unb bem 
Haß der Halden Welt zugezogen, er bat aus bemielhen Grunde fi alle 
Ansfigten auf eine glänzende Laufbahn im offiziellen Kirhendienft zerflört. 
Unb dann ſagt man, er habe um einer fetten Pfründe willen jeine Un- 
fichten geopfert. 

Singer Bat firmer aelagt: „Über feine fpätere Ent: 
lajfung erzählt man ji aud jehr erbauliche Dinge Es 
war eine zw jchr auf bie Spike gefricbene Imtimität gegen jeher babe 
Beriomen, die ba oben jehr mißlichig bemertt murbe.” Ginger beuiet 
ſchon felber an, daß bas weiter michts ift als ber im ber Reichshauptſtadt 
reihlih vorhandene und immer men ſich erzeugende laſch 

Etwas von biefem Klatſch aus bem Fahre 1858, ber freilich mide 
harmloſen Uriprungs if, erzahlt Stöder ſelbſt.) 

„IH füge noch Hinzu, daß ber Artikel bes ‚Figaro‘ vom umjerer 
Kaiferin ſchrieb, fie bürfe kein Buch lefen, das ich ihr nit erlaube. Bon 
mir ſchrieb damals bie Fortfcgrittäpreffe die plumpe Lüge, ich hätte Ihre 
Majeftät die Kaiferin meine liebe Freundin genannt unb mir bie Rolle 
als guter Onkel ber Faiferlihen Kinder angemaßt. 

„Damit die Lejer einmal erfahren, wie jolde Lügen gemadt werben, 
will ih von dem Urfprung bes thörichten Geſchwätzes berichten. — Ich 
war in Oftpreußen zu einem Stabtmiffionsfeft und nannte Ihre Majeftät 
die Kaiferin eine Freundin ber firhlihen Arbeit und ber Berliner Stabt: 
miffion. Nah einigen Wochen wurde mir ein Fortſchrittsblatt von dort 
zugeſchickt, das jene Verbrehung enthielt. Die Sache war fo kindiſch, daß 
ih felbfiverftänbli eine Berichtigung unterließ. IH Tonnte nicht denken, 
daß irgend ein vernünftiger Menſch die Lüge glauben würde, — Was 
die Beziehung zu ben kaiſerlichen Prinzen betrifft, fo verhält fi das 
folgendermaßen. Ih hatte in Schmaltalden eine Rede gehalten. Jtgend 
einer flug dann vor, nad dem nahegelegenen Oberhof zu fahren, wo 
die Prinzen ihre Sommerfrifhe hielten. Died geſchah, und als ein 
höflicher Menſch machte ih dem anweſenden Hofmarſchall wie ber Hofbame 
meinen Beſuch. Zufällig fah ich dabei zwei ber Prinzen. Mit biefer 
Thatſache vergleihe man bie Entſtellung ber Fortfchrittspreffe und man 


!) Dreizehn Jahre ıc. S. 22f. 

































































- 8 — 


Gebiet der Öffentlichkeit, auch im wirtſchaftlichen und politifhen Leben zu: 
vollbringen bat, dann wirb auch Stöder die Ehre wiberfahren, bie ihm 
gebührt: Die Anerkennung, ber ofi einfame, aber troß. 
aller Anfehtungen in Treue gegen feinen Heiland 
bewährte Vorkämpfer bafür gemefen zu fein. 

Und wer biefe Blätter zu Ende gelefen und mit uns bie Überzeugung, 
gewonnen bat, daß Abolf Stöder bisher feine Ehre unbefledt erhalten Hat, 
ber helfe mit, daß auch anbere dies Urteil fi) aneignen. 

Dann wird über ben Reichstagsverhandlungen vom %. März 1901 
die Inſchrift Teuchten: „Ihr gebachtet es böfe zu machen, aber Gott ge— 
dachte es gut zu machen.“ 





Drud von Hereof6 & Biemfen in Wiktenderg. m 











LETTRE PUBLIQUE 


A L’ADRESSE DE M. STOECKER. 


Vouloir guerir M. Stoecker de son antisemitisme 
estunetäche aussi ingrate que de tenter de blanchir 
la tete d’un negre ! Aussi cette lettre ne tend-elle 
pas à opérer ce miracle. 

Elle se propose modestement d'etablir quelques 
points de verite. Le triomphe de certaines de 
vos manoeuvres, M. Stoecker, pourrait vous faire 
oublier que ces attaques contre les faibles et ces 
persecutions contre des innocents, sont autant de 
crimes. Peut-&tre m&me prendrez-vous la joie que 
vous ressentez de ces succ&s pour le bonheur 
qu’am£ne avec soi toute bonne action. 

Quelle tristesse et aussi quelle humiliation pour 
toute conscience droite, de voir un homme de votre 
instruction et de votre rang se fourvoyer aussi mise- 
rablement. Une route s’ouvrait devant vous, dans 
laquelle semblaient vous pousser votre caract&re de 
pasteur et votre intelligence et oü tout honnete 
homme eüt aime à vous voir marcher......... et 
vousprenez sans hesiter le chemin diametralement 





Devant une telle aberration, on se 
y.-ı _ douter et ä desesperer de Thomme. Aquc 
sert !’education ? 

Quand le progr&es semble rendre !’homme à la 
lumiere. n’y a-t-il pas comme une fatalite myste- 
rieuse qui le repousse dans sa fangeet sestenebres ? 

Que le loup dechire lagneau, son instinct I’y 
pousse. Ou’il veuille persuader en outre à l’agneau 
qu'il fait ceuvre pie, cela se comprend, Interrogez 
des forcgats, le bagne vous paraitra rempli d’hom- 
mes de bien. Mais quelle bonne raison vous don- 
neront les mangeurs de juifs? D’oü vient cette 
ferocite, cette rage à s'acharner sur leur proie ? 
Serait-ce par hasard d’un autre inter&t que de celui 
du ciel, d'une legere envie d’or ? Mais alors MM. 
les antis&mites ne persecuteraient dans les juifs 
que leurs propres defauts, ils ne hairaient en eux 
que des concurrents heureux. Les juifs auraient- 
ils excit€ la jalousie par leur soi-disant influence 
dans toutes les aflaires publiques et sociales ? 

O ministre de l’eglise evangelique, le Christ 
n’etait jaloux que de sa mission, il ne connut ni 
honneurs, ni honoraires, il ne brigua jamais qu’un 
titre, celui d’ami de la verite et de la justice. 
D’ailleurs, serviteur du Dieu de verite, avouez que 
cette influence si vantee, n’existe, avec beaucoup 
d’autres belles choses, que dans votre fertile ima- 
gination. Et füt-elle reelle : elle serait legitime 
et certainement moins funeste au monde que 
la vötre. Elle ne pourrait &tre que le resultat du 
















Em 
dem m — u m 2 mm. 
anatigue un mul me m ee 
que 3 Pur se Sure 
24 jugement derer — — 
Ce — — zz iur — 
de ws smuons, zms me sur les ms mi les 
pruduisent_ = allem meinmemant Tan 
et Fautıe, mus aller sppemte a me de 
votre condaite, je vertahle moiule de wes — 
mission Äımıne Ermmutez et — 
et amender vous | 

Vous zvez #x£ dlewe dans zne &oole ou le som 
de juif et de Cain out symomimes. On mus ya 
enseigrd que les juis sont des etres charwes de 
maleiictionm qui, depuis que le christianisme s’est 
galatitse aı judaisze. Do2ı mus aemira Texis- 
tencæ. Mais ıa Bibie Hsız UT Jue ie juirn Deni de 
Dieu, meme daasie chaümenT ne sera jamais 
abandonne. fJer.xıvi, 23, Sam.xır, 22.Ps.xcıv, 1234). 
D’oü vient cette enntradiction ? Deja un doute se 
glıas: dans votre creur, un doute qui se chanrera 
pour vous en une certitude poignante. Le juif, 
sana (roit ala vie, vit pourtant. Bien plus. jamais 
on n'observa pareille vitalite ni dans aucun climat, 
ni dans aucun pays. Quelle cause a ce phenomene? 
Iyoü vient cette exhuberance de qualites physi- 












Lese ne 2 
x ennemis des juifs. (Isafe xLıx 22 ; Lı 23; 
Jeremie ırı ; Esth, vır 10, etc.) 

En continuant votre examen de conscience, et 
en fouillant jusqu’au dernier repli de votre caur, 
vous trouverez une autre cause de votre haine du 
juif, et cette decouverte vous sera d’autant plus 
penible que vous souflrirez de vous l’avouer à vous- 
meme. Permettez que je vous dise franchement 
ce que vous craignez de lire en vous-möme, Quel 
depit, quel chagrin pour vous à l’idee, que tout ce 
que vous honorez, tout ce que vous vendrez, 
admirez, adorez, vous vient de cette race dont 
vous avez jur& la perte! O fureur, penser que 
sans elle vous ne seriez rien, un simple barbare, 
un mécréant paien, et que c'est d’elle que vous 
„vient votre foi et votre civilisation. Quel redou- 
blement de rage contre ceux qu'on hait, parce 
qu’on se trouve quelque motif de les venerer, eux, 
et leurs grands hommes, surtout quand ces grands 
hommes sont les patriarches, &ternels modeles de 
toute vertu, et leur posterite benie, puis les pro- 
phetes, heros sacr&s qui savaient €egalement bien 
mourir pour leur patrie terrestre et c&leste, et tous 
les grands noms de l’Evangile, Jesus en tete dont 
le seul sang juif faisait battre le coeur juif. 

Ah! sile juif andanti, disparu avec toutes les 
preuves de son antique croyance, ne pouvait plus, 
aujourd’hui absolument comme autrefois du temps 
de ses prophetes, se glorifier de l’alliance de Dieu, 









n’ayant pas de motif, elle n'a pas de remäde. Elle 
est la resultante de ces instincts pervers qui ont 
noms : orgueil, ingratitude, envie et jalousie. 

L’antis&mitisme ne gu6rira pas plus que le negre 
blanchira. Ce changement psychologique parait 
aussi impossible que ce changement physique. 

Ni les avertissements, ni les chätiments ne pu- 
rent detourner Pharaon de ses pers&cutions contre 
Isra@l. Pourquoi ses imitateurs, les antis&mites en 
general et M. Stoecker en particulier, preteraient- 
ils plus d’attention à la voix de la conscience ? 
(pas cette conscience &troite et mesquine de secta- 
teurs, mais la conscience large et impressionnable 
des gens que n’a pas encore infectes lamaladieä la 
mode, la haine des races.) Leur impunite dans le 
passe, les encouragements et les secours qu/ils 
semblent trouver dans le present, non seulement 
aupres des envieux ou dans les bas-fonds de la 
societe, mais encore aupres de fanatiques ou d’illu- 
mines appartenant aux classes superieures, tous 
ces triomphes apparents, leur ferment les yeux et 
endurecissent leurs coeurs. Ils n’ont ni le calme, ni 
le loisir necessaires pour rentrer en eux-me&mes par 
un examen de conscience serieux et attentif: leur 
aveuglement leur cache jusqu’au piege oü ils sont 
tombes. Aussi Pharaon n’a-t-il pu que mourir 
dans l’impenitence: Le vice tue le mechant. 
(Psaumes xxxıv, 22.) Car apres tout, reprend la 
conscience, 6 antis&mites, que reprochez-vous au 
juif? Quel est son crime, soit d’homme, soit de 











patriote ? En quoi est-il inferieur à ses freres des 
autres croyances ? 

Il est commercant, dites-vous, à qui la faute ? 
Et puis quel mal peut causeräun pays le developpe- 
ment de son commerce ? Le juif apporte-t-il moins 
de loyaut€ et d’honnetete dans ses transactions 
que le commergant non israelite ? La preuve en 
reste & faire et pour nous on ne le fera jamais. 
D’ailleurs à qui doit-on reprocher de voir le juif 
se jeter de preference dans la carriere du com- 
merce ? N’est-ce pas aux gouvernements, ou pour 
parler franc, à la societe chretienne, qui l'y a 
pouss& et l'y a maintenu impitoyablement pendant 
de longs siecles ? Il serait plaisant qu’apres avoir 
jete un homme à l’eau et l'y avoir maintenu, on 
lui fit un crime de s’etre mouill& ou d’avoir un 
peu appris & nager. D’ailleurs votreinconsequence 
et votre injustice ne lui Epargnent pas ce reproche 
me&me, s’il est cultivateur où artisan et dans bien 
des pays il est l'un et l’autre. 

Enfin s’il se destine aux carrieres liberales (et de- 
puis la creation des Ecoles des prophetes en Israel, 
les etudes y sont en grande faveur,) les criailleries 
antis&emitiques ne retentissent-elles pas cent fois 
plus fort ? Non, la faute est moins aux juifs qu’a 
vous, leurs persecuteurs presents et passes. 

Convenez-en donc, theologiens tenebreux et 
fanatiques, Stoecker et consorts, la gratitude vous 
est un trop pesant fardcau ; la haine avec tous ses 
exces vous est bien plus legere. Antisemites de 





— — 


haute et basse volee, le fanatisme religieux, la 
convoitise, l’envie et la jalousie nous expliquent 
toutes vos exceitations et vos pers&cutions. 

Avez-vous au moins quelque conscience du but 
de vos sentiments et de vos actes ? Vous &tes-vous 
parfois demande ce que vous enviez, jalousez et 
convoitez si ardemment ? Le doute est permis. 
Les juifs sont-ils done tous riches et gorges de 
biens ? Il est ä peine necessaire de dire non, 
et la proportion entre riches et pauvres est la 
me&me chez les juifs que chez les non juifs. Mais 
supposons (supposition toute gratuite) que la 
balance penche legerement en leur faveur, l’acti- 
vite honnete, n’aurait-elle plus permission par 
hasard, de se deployer à son aise et de jouir 
paisiblement du fruit de son travail ? La pers&- 
verante poursuite d’un but social, le developpement 
naturel d'une force morale ou physique, la so- 
briete, l’&conomie, seront-ils proscrits et poursui- 
vis comme crimes ? 

Le juif est-il jamais resté etranger dans son 
pays, & quelque manifestation de patriotisme ? 
N’accomplit-il pas consciencieusement ses devoirs 
d’homme et de citoyen ? Manque-t-il jamais de 
prendre partaux joies, aux triomphes et aux gloires 
de sa patrie? Ne contribue-t-il pas selon ses moyens 
à la grandeur et à la puissance de son pays ? Dans 
les mauvais jours ne souffre-t-il pas lui aussi du 
malheur commun, des peines, des angoisses et des 
humiliations ? quelle manifestation nationale le 











— 13 — 


trouva jamais froid ou indifferent ? A-t-il jamais 
refuse son obole A l’infortune ou à la mis£re pri- 
vee ou publique ? 

On ne nie rien de tout cela, on ne le peut pas. 
Mais il est de toute necessite de trouverdes defauts 
aux juifs. Alors on croit avoir trouve dans son 
patriotisme, le defaut de sa cuirasse, patriotisme 
d’un nouveau genre. On croit observer qu’il ne 
s'identifie pas avec la nation dans toutes les mani- 
festations de sa vie sociale, qu’il ne s’absorbe pas 
entierement dans l’äme du peuple ; et, comme 
comble de crime, on lui reproche son amour des 
siens et de sa race, et encore sa croyance indera- 
cinable à un ideal, son Messie et son Jerusalem, 
croyance qui n’est autre que l’attente d’un etat de 
grande perfection morale dans la societe, l’arrivee 
d’une Ere de paix generale et de progres universel. 

Ce reproche pourrait paraitre fondé, si par le 
mot peuple on entendait non l’ensemble de toutes 
les parties qui le composent, mais l’unit€ d’ordi- 
naire la plus remuante. 

Mais envisages serieusement, ces reproches ont- 
ils quelque apparence de justesse ? Pour &tre pa- 
triote est-il necessaire de s’absorber dans lanation, 
d’accepter sans discussions toutes les idees de la 
majorite, d’en approuver jusqu’aux écarts, jus- 
qu’aux erreurs et defauts ? Mais & ce compte-lä 
on ne trouverait pas de patriotisme dans n’importe 
quel parti politique ou religieux, et tous merite- 
raient de disparaitre sans retard. Avec l’association 








haut la pire tyrannie et en bas le sk dissolvant 


communisme, La barbarie reviendrait au galop, 
voire möme la sauvagerie. 

Catholiques, rallumez les büchers de I’Inquisi- 
tion, protestants, revenez sans tarder ä la barbarie 
des iconoclastes, orthodoxes grecs, reprenez sans 
hesiter vos sublimes persecutions du moyen äge. 
Conservateurs et liberaux, qu’attendez vous, allons 
sus les uns aux autres, progressistes et radicaux, 
pas de pitie, devorez-vous ! 

Poetes et artistes, pour vous surtout voilä la 
derniere heure. La societ@€ moderne n’a plus de 
place pour vous. Arriere | vous qui osez encore 
croire A lideal, qui l’encensez, quile prönez et 
cherchez ä saisir par quelque endroit cet insaisis- 
sable Protee. 

Erreur ou verite, vice ou vertu, personne ne 
pourra plus choisir entre les deux. Humble indi- 
vidu d’une grande nationalite, l’idee qui domine 
en elle doit &tre la vötre. Ses mœurs seront vos 
mozurs, ses travers vos travers et ses vices les 
vötres, sous peine d’etre coupable de crime de 
lese-nation. Le peuple hante le cabaret, donc per- 
sonne ne restera sobre; tu fais partie du peuple 
et tu te saouleras avec lui, et quand il insultera, 
que ta voix hurle avec la sienne ! 

Ici on se borne à hausser les &paules. L’histoire 
nous montre des progres, en toutes choses, long- 















Mais court sera votre : triomphe IE. j 11 
pourrez voir, et ce sera votre rege — * 
mal que vous aurez seme, germer pour eux en 
moisson de benedictions. M&me amoindris en 
apparence vous les trouverez toujours grandis en 
force morale. 

L’histoire du peuple juif nous montre en maint 
endroit que la Providence choisit des voies myste- · 
rieuses pour amener son peuple ä la grande e 
sainte mission quelle lui a confiee, suivant la 
parole de Moise et des prophetes, 

Linstrument du mal sera andanti, voue aux 
maledictionsfutures, mais l’euvre dela Providence 
rayonnera jusque dans l'eternite pour la gloire de 

Dieu et le bonheur des peuples. 






Imp, Vre Michel Van Dantzig, à Bruxelles, 








Der 


Apofel Stöcker, feine Jünger 


and 


der deutfhe Kürgerkrieg. 


Ein Beitrag zur Entwickelungsgeſchichte der 
antifemitifden Bewegung. 





Verlin 1881. 
Stußbr'ide Buchhandlung. 





“on 
ah 

















.-. 











IK} 

















14 























Ser Stöcker wollte allerdings weder von der Yiga noch 
von der Unterzeichnung der Petition etwas willen: aber «> 
wurde ihm nachgewicien, daß er mit feinem Namen für die Be: 
itrebungen der Peienten cingetreien sei. Zein Gedächtniß wer 
in dem Angenblid, als ev im Abgeordnetenhauie bei einer G. 
legenheit wegen Unterzeichnung der Petition interpeflirt wird. 
doppelt ſchwach geworden. Gr hatie vergejlen, daß er die Pe— 
tition unterſchrieben und „ was für emen Geiftlichen vir. 
schlimmer it, das achte Gebot: „Du jollit nicht lügen.” 

Dieſe grobe Unmwahrbeit, bei welcher der Hoiprediger ertavpt 
wurde, war richt die erſte, Die er geiprochen. Zeine Anhänge: 
hätten, wenn fie denken konnten oder wollten, ſich tagen müiſer, 
daß ein Geiitlicher, ielbſt als pelitiicher Agitator, viel penible: 
mit der Wahrbeit nugehen muß, als andere Menichen. Aber 
die blinde und taube Menge zeigte Fich über derartige Sins 
erhaben. 

Nach wie vor jauchzte fie in den Briammlungen Dual of. 
zu, und kein Menich durite wagen, br lern. San 
dennoch Jemand, der ſich von Seiner beſtrifenden Med Wr 
micht Fangen Fick. Den Muh, gegen th aufzurreten. dann 
erx gar baid ven den wackeren Mannen entweder mundtad: 
Jemacht, var mit träitigen Jänſten als guter Ehriit unte: der 
"nf „Jude wei" in's Freice Dfärdern Nah Selen zwiichen 
item prlexie man Me Veriſammtung, nachdem üch der 
aclegt, zu ichneßen. nud in wiider Beubtrima riente so YO 
.Dentichlaud, Teutichland uber Aites! 

u den Veriammlungen und it andere:: 
war Seid erierderlich und wie die writeren 
gannen, wurde ein Eintriusgeld erheven 
neren den Unteritützungen md Zuichiien die von Dekan. 


und unbekannter Seite yuflofer, recht beirächtluh angerwadit ° 











7 















feat mußte, denn Me Agitaten: wurde Tanner zreütennur: 
Ute. 

Stöcker und Heurie: giugen aui Wellen: Giterer Shih! 
nachdem cv die Brandiacke! unter Me Studenten der Barkreı 
Univerfität geworfen, ander Univerfiteiditadte. i 
dentiche Jugend Fir ſich zu gewimien am cd 











Vorgänge, immer größer wurde die Gefahr für die Ortſchaften 
ielbft. Die Negierung erlich endlich eine Verfügung, daß Polizei 
und Gendarmerie im Verein mit den Schliengilden vorfommende 
Nevolten unterdrücken jollten. in Stettin mußte ſogar das 
Militär in Waffen treten und einichreiten: hier und dort jedoch 
richtete fih die Wuth des Pöbels gegen Diejenigen, welche den 
Beiehl hatten, Nude und Ordnung wieder herzuftellen, ein Br 
weiß für die anferordentliche Gefahr, welche die revolutivnäre 
Bewequng in fi birgt. 

Der jo ansgebrochene Nrieg im eigenen Vaterlaude fand nicht 
einmal durch dieſe Vorkehrungen feinen Abſchluß. iondern der Ver- 
kehr der Bürger untereinander wurde erit daun wieder etır ficherer, 
als die Rädelsiührer in's Gefängniß geſteckt waren. 

Die Verheißungen der Volksbeglücker batten ſich ſchlecht er: 
iüllt. Auſtatt Heil war großes Unglück über die Veriührten 
getomnien: He wurden ihren Familien entrüfen, Die, von Not 
und Elend beimaeincht, baut ibre im Kerker befindlichen Ernährer 
defaaen und die Veriührer derielben verdammen! 

Die Unterſuchung gegen die Verirrten ſchwebt noch, arer Die 
welche Die Verirrung erzeugt, nd nicht nur nicht demſelben G 
id veriallen, Tondern ſie treiben ihr geſährliches Gewerbe in 
dev Reſidenz noch inmmer fort. 

Aus Pommern nd Die revoritionären Reiſeprediger veriagit 
worden. Wollie Ah cm Henrici, Stöcker, Föriter over 
Viebermann dert medigirer, fie würden undedingt. wenn Tre 
nicht irciwillig vom Schauplatz abıräten, an: den Schub gebrach: 
werden. 

Tagegen bat Förſter jüugſt in einer in Berlin gebaltenen 
RNede wieder Unerhörtes geleiſtet: ev hat fen Groul, weil er 
fir ſein unpaſſendes Betragen gegen einen Nude vüentlich 
m einem Pierdebahnwagen md fir die Stockhiebe, welche 
er don emem urdeutichen Geſinnungsgenoſſen empiangen, den 
Abrichied als Oifizier nehmen mußte, io recht Yırft gemacht. Und 
am feiner Brandrede Die rechte Würze zu verleiben, erllarte er 
am einer Stelle, daß dir Reichskanzler der eifrigite Alnarfemit Ser. 
- Mau darf wohlenwarten, Daß Towohl der Reichskanzler gegen 
Herrn Körfter wegen dieier kühnen Behauntung den Straiantrag 











16 


durchaus nicht für rein halten kann, wenn er fich auch nicht 
direkt an die Tete von Revolutionären jtellt und ihnen ver: 
nehmlich Fommandirt: „Plündert und vanbt und jchlagt 
die Auden todt!“ 

Für die Reinheit des Stöcker' ſchen Gewiſſens find aud) 
noch andere Beweiſe als die Vorgänge in Pommern vorhanden. 
(Fine treffliche Illuſtration liefert ein Brief, welchen ein Herr 
Sillner aus Schrimm an Stöder, an feinen Verführer, wie 
v ihn ausdrücklich nennt, gerichtet hat. Derſelbe lautet; 

„Shrimm, 25. Anguit. 
Herr Hofprediger Stüder! 

Durch Ihre Brandreden gegen die Juden habe auch ich mid) 
verleiten lajjen, Erzeſſe gegen die jüdiichen Einwohner Schrimms, 
mit denen ich ftets im beiten Einvernehmen gelebt, zu begeben! 
Tas Ende vom Yiede war, dat ich ein Jahr drei Monate drei 
Tage ins VYoch mußte und mein Ani, welches ich pwanzig 
Sabre inne hatte, verlor und meine Franfe Ayan währen? meiner 
Sant mit Notb und Elend kämpfen mußte! 

Tpihon Zie mich bricilich vorher mit den Worten: „Muthig 
vmwärts! Wir kämpien für eine gute Zache!” augeiruert 
deantworteten Zie meinen Hilierui aus dem Geiäugniß mir den 
jibungsdollen Werten: „Verlaſſen Sie ih auf Gott!" Dazu 
gebrauche ich Sie nicht, das habe ih Herz, auch obne Jören 
Rath gethan! 

So wird es ach den Begenauern, Reuſfteunern, Schive 
zelnen, welche nuter Hochrnien auf „Stöcher und Nonorten' 
die abichenlichen Erzeſie gegen Die Inden unternahmen, ergeben! 
Tieie von Ihnen auigewiegelten, TDummen“ müſien wegen Yand 
iriedensbruchs er. ins Gefängniß, and Frauen und Kinder müſſen 
netteln geben! 

Sie werden ſich um dieiſe armen Opier nicht lümmern. id) 
in« Fäuſtchen lachen und sagen: „Ter we heiligt Die 
Mittel!“ Denn was Ihr unſinniges Treiben bezweckt, das 
durchichauen wir Liberale längſt! Sie wiiien ganz aut. daß 
ir gerade die Hauptſtütze amter den intelligenten Juden fir 
unteren Liberalismus baben! 

Mir Rückſicht darani, daß Zie mich und meine grau, 











an 


noflten die anmwefenden Arbeiter nicht nur nicht begreifen, jondern 
fie erflärten diefelben fogar für Thrafen und — Blech. Dieſer 
unbegründete Vorwurf ergrimmte Herrn Ruppel gemaltig. 
Erregt und grollend bejtieg er noch einmal bie Rebnertribüne 
und donnerte mit lauter Stimme in den Zaal: „Meine Herren, 


Sie fagen, ich hätte Phraſen gemadt, — geben Sie mir die 
Macht und Sie werden Ihaten fehen.* Tiefem gewaltigen 
Rathos folgte eine mächtige Heiterkeit. — Herr Rupnel hatte 


in feiner Erregung bei dieiem bedeutungsvollen Ausinruch ſich 
unbedingt geirrt: er verwedjielte, da dic Entgegnung in feinem 
Manuifript nicht vermerkt war, die Begriffe „Macht und Geld“, 
denn Geld ipielt bei ihm, den Antifemiten, die Hauptrolle. Das 
weiß jein Hergog und einige weniger mächtige Gelbmänner ber 
Partei. — 

Die folgenden und neueſten Kandidaten = Vorleiungen des 
Seren Ruppel haben einen jo überwältigen humoriſtiſchen Gin- 
druck auf die anweſenden Wähler gemadt, dab dem Randidaten 


der glänzendite — Turchiall gefichert war. Ruppel it 
in der neuciten Zeit nun Telbit zu dieſer Ueberzeugung ac 
fommen und bat feine Randidatur, um eine — — Stimmen 


jerfplitterung zu verhiten, zu Guniten der konierrativen 
Kandidatur niedergelegt. 

Ter zweite, Tr. Henrici, cin Mann ven tiefer Einiicht und iehr 
klarem --- -WBeritande bat noch rechtzeitig die Situation in Berlin 
erfannt. In einer feiner Kandidaten: Reden hat er zum Troit 
für die Yiberalen die feierliche Erklärung abgegeben. daß er 
feinen Kopi aufd Sviel fege, gerade um dieien KRort würden 
Phyſiologen ftreiten: wenn in Berlin ein Nonfervativer durch 
käme, ern müſſe er liberal fein. Henrict weiß alle. was ein 
Reichstags > Nandidar im aceigneten Monien: zu ibhun bat. 
Sat er Austicht als Konfervativer -- Denrict war nach feiner 
crjten Fortichrittlihen Wandlung ein ächt Ariitlicher Reaktionär 

gemäblt zu werden, dann Ipricht er tonſervativ: verlangt Der 
Moment einen liberalen Mann, dann winß er mich Hen— 
rici unbedingt liberal fein, ja nam kann dann iogar in vielen 
Punkien mit der Sozialdemokraten übereimitimmen. Nach ſolchen 
Ausführungen wird Niemand mehr an dem flaren Tenkvermögen 


nn. - 








beiten und brapjien Seite kennen zu fernen. ($r zeigte ſich auch 
dankbar, indem er das ſchamloſe Treiben der Antifemiten ur- 
iprünglich auf das Schärfite tadelte. Plötzlich erfolate, da anch 
der „Halleſche Thorbote“ lebendfähiger werden ſollte, als cs 
bis dahin der Kalt, die Umwandlung der Nolda ſchen Sefinmung 
und feines Organs — Beide wurden verbittert antiſemitiſch 

jo recht aus innerer Meberzeugung. -- Ten größten Autheil an 
diefer Umwandlung hatte der Redaktenr des Blattes, Herr 
Waſinsky, ein Manu, der fo liberal und duldiam war, daß er 
itets mit der Fülle jeiner Geiſtes- uud Mörperkraft für den 
Liberalismus und gegen die antiſemitiſchen Umtriebe eintrat. 
Mit feinen geiftigen Vorzügen kämpfte er in feinem Plättchen, 
mit jeinen körperlihen war er am Bieriiſch itets bereit, jenen 
Widerfachern, wenn es nothmendig geweien, entgegenzutreten. 
Man wird fich fragen, wie dann eine ſolche Umwandlung mög 
lich iſt? Nun es giebt Biedermäuner, Die beit fo und moracı 
anders denken, die bet dem Liberalismus hiidigen nnd morgen 
der Reaktion uinbeln, ganz wie es Die Sitnation erheiſcht. 

Ter „Halleſche Thorbote“ genügte den bochgebenden Plänen 
des Herrn Waftnstn nicht. ans dem Blättchen follte ent viel 
genanntes Blatt werden, ein Beſtreben Das ev von jeher ver 
tolate, das cr jedoch Durch Seiner Seittes Krait nicht verwirk 
lichen fonme. Ta kam ihm der Gedanke, eine große Semiten 
geltimma aus ſeinem Organ zu Schaffen. Hierzn fehlte ea wieder an 
Mitteln. Er beablichtigte. ſich an den jüdiſchen Rrediger Tr. 
Ungerleider yu wenden, der ibm einige reiche Lente im Inier 
ciſe eines treiflichen Norbabens zuiühren ſollte. Von ver 
ichiedenen Zeiten wurde ihm die Ausächtsloiigkeit ſemes Vor 
habend auseinandergeſetzt und iiche nach Fünf Tagen 
lagen jich Rolda,. Waſinsty und Heurici in Den Armen und 
beſiegelten ihren Ireundſhaitebund mit der Umwandelung De» 
„Bullefchen Thorboten“ in ein Leiborgau der Antiſemiten. 

Tie geringe Ahonnentenzahl des „Hallcichen Thorboten“ mt 
wenig oder gar nicht geitieaen, Dar Nolde pt durchaus kein 
reicher Mann und Dennoch erscheint ven 1. Oktober ar der 
Rote unter iolgender Ankündigung taglich: 

„Allen Anhängern einer chriſtlich-iozialen Staatsidee, allen 








2 


temung ehrlicher Männer jüdiſcher Konfeffion aus den öffentlichen 
Aemtern, vornämlih aus dem Richterſtande; ſie wollen Die 
Juden, welche alle Pflichten eines Staatsbürgers gern und treu 
erfüllen, zurüddrängen in mittelalterliche Verhältniſſe und wo— 
möglid) einer Frohnarbeit überlicfern! -- Gemad, Ahr Herren, 
‘Ihr werdet weder mit Euren Sehen noch mit Kuren Organen 
Etwas erreichen! Reformiret Euch ſelbſt, dann könnt Ihr, 
wenn es eriorderlich ſein ſollte, als ordentliche Staatsbürger 
reformiren helfen! Zeigt Euch würdig und brauchbar, dann 
werden Eure Mitbürger keinen Augenblick zögern, auch Euch 
(Fhrenänter zu übertragen. Mit Eitelkeit und Neid, mit Hetzerei 
und Sonderintereſſen werdet Ihr im Yeben nichts weiter erreichen, 
als dag Euch jpäter Die erkennen und richtig beurtbeilen werden, 
die Ihr vorlänfig noch bethört. 

Tie Motive, welde Herrn Störfer u den Hevereien gegen 
das Judenthum mit acleitet haben, md, das gebe ch zu, anderer 
Art wie Die jener Männer geweſen. Tas orthodore Piaifen 
thum Firchter den Liberalismus, der durch Bildung und Auf 
klärung immer mehr un erſtarken veripricht. Ten oribodoren 
Herren iſt bekaunt, daß die meiſten Juden für cine tuchtige Aus 
bildung ihrer Kinder Sorge tragen, dat durch die Verbreitung 
der Bildnug unter den Inden Me Kuiklarung, altv uch der 
viheralismus, immer weitere Prlanytatten findet. Und gegen 
dieien ihren Hanptfeind waren, wir Ach bald beransitellte, Die 
Wnurigeſchoſſe gerichtet. Wer Der bethörten Menge wird heute 
noch das Judenthum beichimpft, um fie gegen Die Aortichritts 
vartei auizureigen. 

Tieie Kampiesweije iſt in glenben Waage verachilich wie 
verderblich. Tas planvolle Vergeben gegen den in Berlin bis 
ber für unerichütterlich gehaltenen Fortichriit mußte Te tal 
ausgedacht, e> mußte ein Sprenggeihbon in denielben hinein. 
gewworien werden, Das Krait genug batte, oie Raben ya leder. 
Tesbalb inchte Stöcker dar von rise Unzuiriedenen angerent 
dete Indenthum mt dem AKortichritt zu identtiiciren 

Nachdem gegen das Judenthum dange genug die ungerechte 
ſten Angriife geichleudert waren, da wurden die Geietze gegeißelt, 
welche durch den jüdvichen vLiberansmus aeichaften Sein sollen. 











— 


Trud ven Gempel u. Co., Vertin. 


> 





























— — 


geiſtliche Polypragmoſyne, auf der anderen Seite ein ungeheures 
Defizit an Glaubensmuth. 

Den ſchwerſten Vorwurf aber trifft denjenigen, der Deutſch⸗ 
land und die Schweiz bereiſt, um eine Reform der chriſtlichen 
Geſellſchaft ins Daſein zu rufen, daneben aber das eine 
jener beiden beilfamen Reichsgeſetze leidenjchaftlid) verbächtigt, 
den anderen auf Befragen nur eine laue Zuftimmung ertheilt, 
alſo den kirchlichen Segen dieſer Geſetze theils verfennt, theils 
zerſtört. Wahrlich, es iſt nicht chriſtlich, wenn ein ſolcher Reife: 
prediger für chriſtliche Reform an dem öffentlichen Zeugniß über 
jenen ſchmählichen Bankerott des chriſtlichen Staates ſtumpf 
und ſtumm vorübergebt; es iſt noch weniger chriſtlich, wenn ein 
jolder die Hinweiſung zweier Reichsgeſetze auf den urkund: 
lichen Adel und die weltüberwindenne Grundfraft des Chriſten⸗ 
thums in geiſtlichem Unverſtand auszulöichen ſich beeitert. Ich 
weiß jebr wohl, daß Stoder dann und wann ſagt: „Niemand 
verlangt Stasteswang sur Taufe und zur Trauung“, er Terict 
aud gern von Mirchenfreibeit. Aber mit jolchen oteriaiichen 
Redendarten sit der gahnende Adarımd des 10V jährigen Mik: 
brands nicht zuzudecken. Wer jest endlich Das Unchrritlche alles 


Kirchenzwanges einſteht. dev Seil vor allen Dinge 








und an ſeinem Getite vorubergeben baten ad Mei 
den Miſſerbaten und Grauel. 





Dieter uubr: u.. 

* one ĩ TE * 9—. 1 . 

zwang im dauie von 00 Jehren uni 
H 


zhums verbrochen Dat 







e 
























































Bert Adolf Stürker, 


riftliche Liebe und Wahrhaftigkeit 


von 


Bermann T. Strack, 
ber Theologie u. Philofophie Doktor, a.o. Prof. ber Theol. in Berlin. 


Smeite, durchgeſehene Auflage. 


„(Ber Reinertrag ift zur Förderung von Darlehenstaffen 
in Berlin beftimmt.) 


Rarlsruhe umd Leipzig. 
Verlag von 9 Reuther. 
1886. 





apa su ht! YH 


































































































TE® 


6. No. 46, Beilage ©. 2: 


„Ein Gruß von Paris nad Bielefelbl 


Der Parifer Korrefpondent des ‚Reich3boten‘ hat an die Wahlmänne 
von Bielefelb-Herforb-Halle, bie Herrn Hofprebiger Stöder am 5. Movembe 
gewählt haben, folgenden poetifhen Gruß gerichtet: 


Dreimal geläutert in des Wahlgangs Feuer, 

Der Trene und des Glaubens echtes Gold, 

Der Liige Feind, der Wahrheit eine Steuer — 
Standet ihr feft: — brum war dad Schidfal Hold. 
Wer aljo fümpft, fteht in bes Geiftes Solb, 

Der und.ber Menfchheit Biel treibt zu erreichen 
Und Iehrt zu fiegen in des Kreuzes Beichen. 


Nun laßt den Mann ums auf den Schilb erheben; 

Der glaubensſtark bleib’ unfrer Reihen Hort! 

Der Sieg ber Wahrheit wird fein Schwert umſchweben, 
Dad Schwert bed Geiſtes — das ift Gottes Wort; — 
Weltbildend wirkt's in deutfchen Herzen fort, 

Die neue Erde, die verheiß'ne bringend 

Und um fein würb’ges Haupt die Krone Ächlingenb. 





Ausdrüdlich fei noch darauf hingemwiefen, daß die vorſtehender 
Äußerungen nur aus ben Nummern 18—46 bes „Ch.S. E.-BL“ 
entnommen find und nur einen Zeil deffen enthalten, was unter 
den’ bier gemachten fünf Rubrifen hätte angeführt werden können 

Wegen der Verantwortlicleit des Herrn Hofpredigerd Stöden 
ür das Ch.-S. C.-Bl. vgl. auch hernach Kap. IV 9. 10. 














42 I, 4,5. 


Herr Engel las nun meine Ermwiderung, erkannte an, daB 
„ganz ruhig“ geſchrieben fei umd verfpradh fie bald abzubruden; ob’ 
ſchon in die (Sonnabend erjdeinende) Sonntagsnummer aufge 
nommen werben fünne, vermöge er mir allerdings noch 
zu jagen. 

An at ih aus der „N. Pr. Ztg.“ 10 


boten“ No. 106 —— faſt —* wiederholt = Dara 
309 ich den (jpäter als richtig erwiejenen) Schluß, daß diejer „ 
May” der Verfaffer der Einjendung jei. 

In der Sonntagsnummer des „Reichsboten“ fand me 
Berichtigung nicht; die Dienstagsnummer (No. 109, 2. Beilag 
wiederholte in einem ausführlichen Referat über die Red 
Stöders und Mays die von leterem gegen mich begangenen E 
ftellungen der Wahrheit, ohne daß meine Widerlegung erwah 
worden wäre; auch in den beiden folgenden Nummern löſte & 
Engel jein Wort nicht ein, obwohl die Wiederholung des, m 
er mußte, unmwahren Angriffs gegen mich ihm ein mächtig 
Antrieb zur Erfüllung feines Wortes hätte fern müſſen. I 
ließ ih mir am Mittwod (13. Mai), abends gegen 9 Uhr, naı 
dem id) die Donnerätagsnummer eingejehen, mein Mamuftript a 
holen und veranlaßte nun Klarftellung in zwei anderen derjenig 
Blätter, welde über Mays Nede berichtet hatten. Da ih i 
zwiſchen von Mays Verhältnis zum „NReichsboten“ gehört, 
mir das Benehmen des Hrn. Engel zwar nicht entjhuldigt, 
doch begreiflich geworden. 

5. Erftens forgte ich für Abdrud eines jhon am 11. M 
(Montag) für die „N. Pr. Ztg.“* gefchriebenen Artikels (No. 11 


Schrift, aus welcher feine beiden Eitate gefchöpft find, unzuverläſſig 
unfanter ift. Ihr Verfaſſer hat ohne Kenntnis der jüdiſchen Pittera! 
Einzelne aus dem Zuſammenhange des Mc Caul'ſchen Werkes geri 
und dadurch einen faft entgegengefeiten Sinn herausgebracht.” — — ® 
bie hier friebliebend voramögefegte Schrift nicht eriftiert, betrachte ich 
als gewiß. j 























W,1,2 


und Schwüre, die fie im dem kommenden Jaıre leiften m 
des Judentums ihrer zu leiftenden Eide zu enfbinden.‘ 

Die von dem Borbeter vor- und von ber Gemeinde machgebetete 
Abſolution lautet zu deutſch wörtlid: .. - * 

‚Diefe Abfolutionsformel‘ — erklärt der jüdiiche Thalmudiſt weiter — 
‚trägt ber Worbeter drei Mal mit immer erhöhter Stimme vor. mei 
Rabbiner ober zwei jüdiſche Gelehrte poftieren fich bei ihm, einer zur Rechten, 
einer zur Linlen, bamit ihrer drei feien, welche Zahl bei einer Abfolutiom 
notwendig ift. Hierauf wirb ein Vers recitiert, welcher lautet: ‚Unb e8 
iu rd der ganzen Gemeinde der Kinder Isſsraels vergeben werben.‘ — 

So der jüdifhe Gewährsmann, anf welchen jih Herr Hofprebiger 
Stöder berufen bat. Eine einfahe Gegenbebauptung tann dieſe 
fo beſſtimmt aufgeftellte Angabe nicht entkräften, es bebürfte dazu ſchon 
unzweifelbafter Gegenbemweile. Einitweilen ftebt Behauptung gegen 
Behauptung. und wir find, wie gelagt, im biefem Falle eher dem Juden, 
als dem Epriften zu glauben geneigt, menn letterer fich zweifellos ſelbſt 
auch im guten Glauben befindet. Wäre der Souagogengemeinbe 
vielleicht eine diesbezügliche unmißverftändliche officielle Erflärung gefällig? 
Eine ſolche wäre doch viel beffer am Plate, als das elende Gemaufchel der 
Judenpreſſe über ‚eine neue Unmahrheit Hofprebiger Stöders. 

2. Zeils diefer Artikel, teils die in demſelben Blatte ſtehende 
Ankündigung, daß Herr Hofprediger Stöder am 8. Mai abends 
einen Vortrag: „Der Eid der Juden und der Ehriften” halten 
werde, veranlaßte mid am 8. Mai an genannten Herrn folgendes 
Schreiben zu richten, welches er vor feinem Vortrage empfangen 
jollte und aud thatjählicd) empfangen hat (zwei durch Punkte be= 
zeichnete Auslaffungen zur Vermeidung unndtiger Wiederholungen): 

„Hochehrwürdiger Herr Hofprediger! 

Ein gegen mich gerichteter, von Ihnen felbft oder doch in Ihrem 
Auftrage gnefchriebener Artikel in der Beilage zu No. 19 des ‚Chriftlich- 
focialen Correfpondenzblattes‘ 1885 veranlaßt mich zu folgenden Bemerkungen: 

1) Es ift nicht wahr, daß ich ‚eine einfache Gegenbehauptung‘ aufge 
ftellt habe. Ich habe in (Mo. 99) der ‚Kreugzeitung‘ folgende Begründung 
gegeben: ‚Erfiens nämlich .. hergenommen werden.‘ [S. oben Kap. III 2). 

Außerdem habe ich behufs gemauerer Belehrung auf meinen Artikel 
»Kol Nidre« . . verwielen. 

2) Der Artikel in dem ‚Chr.-foc. Corrbl.‘ erwedt in den Leſern des⸗ 
felben ben irrigen Glauben, daß der Wortlaut der Formel von mir ver⸗ 


— (Den Wortlaut ſ. oben ©. 37). 





IV, 4. 





sine Antwort: 
„Berlin W., 95. 1885. [Sonmab. Nachm 
Sehr geehrter Herr Hofprediger! 

Gern habe ich Kenntnis genommen von Ihrer Berficherumg, baf der 
Artikel nicht von Ihnen gefchrieben noch veranlaft ift umd daß die nächite 
No. des ‚Corr.-Bl.' die Berichtigung unverändert bringen ſoll. 

Infolge deffen glaube ich heute folgendes hinzufügen zu follen. In der 
No. 99 der Kreuzzeitung babe ich nicht den mindeften Angriff auf Ihre Perfon 
gemacht, ſondern vorfichtig nefant: ‚Nach dem Berichte ber Kreuzta... Toll 
Hr. ©. gefagt haben‘, wonach fich meine Ausführung nur gegen das Be— 
richtete wendete. In No. 18 des ‚Ehrifil,-Soc. Eorr.‘, melde mir erft fpät zu⸗ 
nänglich wurde, iſſ über ben Vortrag nicht wefentlich anders berichtet; denn das 
mit ‚freilich fant man‘ Eingeführte wird durch ‚den leifeften Anfprüchen an 
Redlichkeit nicht genligenb‘ für unglaubwürdig erHärt. Somit fcheint auch 
diefer Bericht nicht nenau.* Ich bemerle noch freiwillig, daß ich, che ich 


die denen des Hrn. Prof. Strad nicht konform, zum teil fogar enigegen- 
geſetzt find, bei unferer Meinung verharren, daß die Sache noch nicht ge: 
nügend aufgeflärt iſt. Zugeben können wir, daß Sr. Prof. Strad nicht 
eine einfache Gegenbehauptung aufgeftellt, ſondern feine Auffaſſung begründet 
bat, eine Begründung aber, die und [!) nicht genügen konnte. ad 2) mülfen 
wir eriwidern, daß ber Artikel bes ‚Ehrifil.:Soc. Corr-BL. in feiner Welſe 
den Glauben erweden kann [?], jedenfalls nicht hat erwecken wollen, als ob 
Hr. Prof. Dr. Etrad den Wortlaut der formel verſchwiegen habe. 

Die Sache ſelbſt bleibt ftreitig [!) und wir behalten uns vor in einem 
befonderen Artikel darauf zurüd zu fonımen. D. Red.“] 

* Gegenwärtig zweifle ich durchaus nicht an der Genauigkeit. — Der 
betreffende Paſſus Iautet wörtlich: „Wie groß die Gefahr, wie grundver- 
fehieden die jittlichen Anſchauungen der Juden von den unferigen find, lehrt 
beifpiel3weife ihre Auffaflung vom Eid N. Ein gelehrter jüdiſcher Thals 
mudiſt hat unwiderſprochen [1] ans Licht geitellt [\), daß heute noch in den 
Synagogen am Jom Kipur, dem jüdifchen Verföhnungstage, ein Gebet ver» 
richtet wird des Inhalts, daß alle Eide, Schwüre, Gelüibde von diefern big 
zum nächſten Berföhnungstage Feine Giltigfeit haben Sollen. .Unfere Eide zc. 
ſollen feine Eide fein.‘ Freilich fagt man, das beziehe fich auf die jich ſelbſt⸗ 
gemachten Eide, aber das läßt doch auf eine Laxheit in der Auffaffung des 
Eides überhaupt ſchließen. Warum fchafft man diefes den leifeften An« 
fprüchen an Nedlichkeit nicht entfprechende Gebet nicht ab? Und Leute, die 
ihren Glauben in folcher Meife mißbrauchen ſll, thun . . .“ — Wörtlich 
ebenfo in der gleichfall8 vom 29. April datierten No. 99 (Beilage) des 
‚NeichSboten‘, welche ich im November zu vergleichen Gelegenheit hatte; 
nur fteht dort ‚jet felbitgemachten‘ ſtatt des zwar nicht gut deutfchen, aber 
fachlich richtigeren ‚lich felbitgemadhten‘). . 





v4 


den Diemft der Miſſſen Melle. Das kann ih a 

w überzengt find, daß ich das Schlechte im ihren 
nmicht juche, ij ich übertreibenden Angriffen vielmehr mich — 
Die Beſprechung dieſer Differenzen von Perſon zu Perſon kann eine mäce 
tige Waffe der Miffion werden. Die Beiprechung in öffentlichen Wer- 
fammlımgen ſchadet, mindeitens gegenwärtig. Und fpeziell muß das Bor« 
bringen einer nicht fundierten Anklage — mie die Berichte über die Ber- 
fammlung der Ehriftlih-Socialen am 24. April eine enthalten — die Juden 
gegen hriitlihen Einfluß verihließen. Sch bin überzeugt, dab 
Sie die Wirkung nicht beabfichtigen; aber ich weiß von vielen Fällen, im 
denen Juden durch bie Agitation gegen bie Juden, infonderbeit durch die 
über das Judentum gehaltenen Reden, unzugänglic, ja feindlich genemüber 
dem Ehriftentum geworden find. Wenn die Judenmiſſion nicht noch ſchwerer 
leiden fol, fo muß bier Wandel gefchafft werden. — Ich bitte Sie alſo 
herzlich: enthalten Sie Sich möglichſt, über die Juden zu ſprechen; und wenn 
Sie einmal glauben, es thun zu follen, dann nur zweifellos bealans 
bigte Fakta aus ber Gegenwart!....* Bebürfen Sie einmal 
Auskunft (ausgenommen für Agitationszwede), To werden Sie mehr als 
Einen Chriſten finden, der Sie Ihnen gibt, der Sie jedenfalls nicht im 
Notfall ohne Hülfe Läht. 

Durch mich ift die Aufmerkſamleit der Juden nicht auf Ihre Mebe 
vom 24. April füngelenft worden. Glanben Sie etwa, dad die Tuben nicht 
auf die Berichte fiber Ihre Meden, namentlich im „Reichsboten“, achten, 
zumal wenn das Thema fhon ihre Aufmerklamkeit erreat? 

Es iſt mözlich, dag Sie auch nah Empfang dieſer Zeilen bei der bis— 
berigen Behandlung der -Judenfrage- bleiben zu ſollen überzeugt find. 
Sollte e3 dann wieder geichchn, day ich genen einen Bericht Bemerkungen 
machen muß, jo ſeien Cie gewiß, daß folder Gegenſatz mich nicht hindert, 
anzuerfennen, was Cie gegen die Socieldemofratie und auf dem Gebiete der 
inneren Miſſion und aud) fonit geleiftet haben. — Sie entichuldigen wohl 
die Blüchtigfeit der Schrift. Sch bin mit mannichjacher Arbeit überbürder, 
und Krankheit macht mir im Haufe feit dem Oftober viel Sorge. 

Mit freundlichem Gruße 
Ihr ganz ergebener H. L. Strad. 

Nah Vollendung diefer Zeilen erhalte ich durch die Zeitung Kunde 
von Ihrem gejtrigen Vortrage. ch fehide den Brief unverändert ab, um 
meine Sefinaung zu zeigen. H. Str“ 





* {Die | bier im Manuffript folgende Warnung vor der Zurateziehumg 
des Hrn. Dr. Morgenitern, den ich wegen des „Dr. M.“ im „Ch.S. C.B.“ 
No. 18 (f. oben No 1) im Berdacht hatte, Hrn. Stöcker direlt informiert 
au Haben, iſt am 13. Mai durch die feierliche Berlicherung des Hrn. Dr. Morg. 
(f. oben IIT, 2, zweite Note) hinfällig und daher in meinen: Brief vom 
14. Mai ıf. hernach No. 5) zurüdgenommen worden]. 





IV, 5, 6. 


gendes bewiefen haben; ich erinnere endlich daran, daß 
Borabende des VBerfühnungdtages gefprochen wird and bie 
‚or oe 8 Tages hauptlächlich aus Bußgebeten und Bitten um Ber- 
gedung befteht, daß bei Tolcher Gelegenheit Erteilung eines Freibriefes anf 
Eidbruch geradezu undenkbar ift. 

Danach glaube ich erwarten zu dürfen, 

1. daß Sie nun auch öffentlich erklären werden, daß Sie nad) noch⸗ 
maliger Prüfung ber einfchlägigen Pitteratur Ihre über das »Kol Nibree 
genannte Stück ber jübifchen Liturgie gegen Brof. H. Stracks Sachkunde 
gethanen Äußerungen zurücinehmen ; 

2. daß Sie ben Fälfcher Mah bdergeftalt öffentlich rügen werden, daß 
Niemand mehr glauben Tann, es beftehe irgendwelche Verbindung zwiſchen 
Ihnen und ihm. Als felbitverftändliche Wolge dieſes Rügens betrachte ich, 
daß Sie aud) den P, Engel aufklären und ihn zur Entlaffung des genannten 
Menſchen zu bewegen fuchen. 

In diefer Erwartung zeichne ich 

ganz ergebenft 
Prof. D. Hermann 2. Strad. 






14. 5. 1835.“ 


6. Am Abend des 15. Mai erjchienen meine Erklärungen 
in „N. Pr. Sta.“ 112 (f. oben IT 5) und „Boft“ 131 (f. oben 
III 6). 

Sonnabend, den 16. Mai (Aufgabeitempel: „I—10 V.“), 
richtete Hr. Hofprediger Stöder die Frage an mid), ob wir nicht 
zufammenfommen jollten, um die Angelegenheit zu bejprechen. 
Wo, fer ihm glei; wenn ih am Montag zwiſchen 10 und 12 Uhr 
zu ihm zu kommen die Güte haben wolle, erwarte er weiter feine 
Antwort. Wer die erfte Hälfte des I. Kap. oder aud nur 
„N. Pr. Ztg.“ 112, Abſatz 3, oben ©. 43) gelejen hat, wird 
meiner Berfiderung, daß mir Erhaltung, bzw. Wiederherftellung 
freundlich - friedlichen Berhältniffes mit Herm Stöder als fehr 
wünſchenswert erfchien, gern glauben. Um fo mehr war id) ver- 
wundert, als id) an demfelben Abend eine Poftlarte (Aufgabeftempel : 
„4—5 N.“) folgenden Inhalts empfing: 

„Schr geehrter Herr Brofeffor! Da Sie, wie man mir erzählt 1), 
in der Krenzzeitung fchon wieder eine Erklärung veröffentlicht haben, fo 
verzichte ich auf eine Beſprechung. 

Hofpr. Stöder.” 





IV, 9. 


en. Als wir vom Thalmud und beffen verſchiedenartigem 

(t Sprachen, fagte er, er „habe den Thalmub in der Überfehung. 
gelefen.“ Um der Unterredung ihren freundlichen Charakter zu 
faffen, begnügte ich mich zu bemerfen: „„Sie meinen wohl die 
Traktate, welche überjeht find"; worauf er replicierte „natürlich, 
die Traftate, welche überjegt find“ *. Noch ei, wegen beffen, was 
fi daran geknüpft hat, eines weiteren damals von mir gegebenen 
Beweiſes freundlicher Gefinnung gedacht. Im Laufe des Geſpräches 
erwähnte Herr Hofprediger Stöder, daß er wegen des bon mir 
in „N. Br. Ztg.“ 99 (f. oben ©. 36) gebrauchten Wortes „unmög- 
lid“ von jeinen Gegnern der Unwahrheit beichuldigt worden fei, 
Ich bemerkte darauf, daß ich, wenn mir eine derartige Außerung 
zu Geficht kommen jollte, gegen jolche falſche Deutung jenes 
Mortes proteftieren würde. — Meine Befriedigung über die freund- 
liche Art, wie die Unterhaltung geführt ward und endete, wurde 
auf dem Heimwege nur dadurch getrübt, daß ich bedauerte, mid 
Herrn Hofprediger Stöder gegenüber auf allgemeine Warnungen 
vor jüdifchen Ratgebern, injfonderheit vor S, May, jowie vor 
generalifierenben Anklagen gegen das Judentum beſchränkt, nicht 
aber nochmal3 ausdrüdliche, Öffentliche Losfage von May gefordeit 
zu haben. Indes tröftete mid) über diefes durd die Art der 
Beredfamfeit des Herrn Hofpredigers Stöcder wohl entichuldbare 
Verſäumnis der Gedanke, nun Ruhe zu haben oder höchſtens mit 
May weiter ftreiten zu müſſen. 

Legteres war jehr bald der Fall; denn jchon an demjelben 
Abend fand ih in „N. Pr. Ztg.“ 114 (Datum 19. Mai) eine 
längere Erklärung Mays gegen mid, auf welche ich jofort ant- 
worten mußte und aud antwortete, ſ. „N. Pr. 3tg.” 115, aus: 
gegeben Dienstag 19. Mai, Nachm, Datum 20. Mai. Wan 
wolle beachten, wie id im vorlekten Abfage dieſer (oben III 7 
abgedrudten) Antwort Hrn. Hofpred. Stöder gegen den mir mır 





* Diefe fcheinbar unbedeutenden Äußerungen über den Thalmud jind 
mir feft im Gedächtnis geblieben, weil ich wußte, daß Hr. Prof. Paulus 
Caſſel einige Jahre früher die gleiche Behauptung des Herrn Hofpredigers 
Stöder gerügt hatte (f. Kap. VII 2). Sie find charafteriitifch für das leicht- 
fertig aufahrende Neben und Urteilen Stöders. 


5 


14, Diefer Brief befrembete mich in hohem Mae; body 
giauote ich zu Stöders Ehre wenigftens das annehmen zu follen, 
daß er dem formalen Zurüdnehmen feines mir bedingungslos ge— 
gebenen, noch dazu im Berlaufe der Unterrebung wiederholten 
Wortes jedenfalls nicht gleich die That folgen laffen, jondern 
meine Erwiderung abwarten werde. Nod an demfelben Bormittag 
(Einwurf in den Brieffaften 11”) antwortete ich: 

Hochwürdiger Herr Hofprebiger! 

Nach dem überaus freundlichen Entgegenlommen, das ich Ihnen durch 
meine Karte am Sonnabend [f. oben No. 7) und durch meinen Beſuch am 
Montag bewiefen babe, fett Ihr Brief von geftern Abend mich jehr in 
Berwunderung. Wie können Sie wieber über etwas urteilen, was Gie 
nicht geleien haben!* Und wie lonnten Sie mir fo fchreiben, wie Sie jett 
thun, ohne Kenntnis von meiner doch vorauszufehenden Antwort an May, 
die, als Sie geftern Abend fchrieben, bereit8 in ber Kreuzzeitung [No. 116] 
gebrudt fand!!! In der ‚Poſt' fteht nichts, was Anlaß zum Angriff gegen 
Sie bietet; und aus ber Kreuzzeitung‘ No. 114 [lie8: 115] werden Sie 
eriehn, bag Hermann Strad noch mehr erfüllt, al3 er verfprochen Hat. 

Den Artikel im ‚Neich8boten‘ habe ich nicht gelefen und ich beabfichtige 
auch jegt noch nicht ihn zu lefen, und zwar weil ich) auß folgendem Grunde 
das Blatt zu gering achte. P. Engel hat mir am Sonnabend, 9. Mai 
früh (gegen 9 Uhr) Abdrud meiner den Einfender der ‚Zufchrift‘ in No. 106 
in feiner Weiſe angreifenden Widerlegung der gegen mich begangenen 
Fälſchungen verfprodhen; er bat diefe Miderlegung auch in der das 
Datum ‚Donnerstag 14. Mai‘ tragenden, am 13. Abends erichienenen No. 
nicht abgedrudt, obwohl die Wiederholung der Fälfchung in der von 
Dienstag datierten No. ihm ein mächtiger Antrieb fein mußte, fpäteftens in 
der von Mittwoch datierten No. fein Wort einzulöfen. Daher habe ih am 
Mittwoch, 13, Abends gegen 9": Uhr das Manuſkript abholen Laffen. 
Wenn im ‚Reichsboten‘ ‚Dienstag‘ fteht — wie mir erzählt wird (ich beab⸗ 
fichtige, wie erwähnt, nicht das Blatt zu leſen), fo wäre da3 eine zweite 
Unwahrbeit Engeld ...... * 

Sie haben mir geſagt, auf grund jenes ‚unmöglich‘ ſeien Sie von 
‚liberalen Blättern‘ der Unwahrbaftigfeit beichuldigt worden. Ich erfuche 

* [Der „Reich3bote” hat nur zwei Sätze aus meiner in der „Poft” 
181 abgedrudtın Netiz (f. oben II 6) citiert: „ch habe dem ... zurüde 
geben laſſen“). 

** (Bol. meinen Brief vom 1. Juni (unten No. 12). Das Urteil des 
Herrn Dr. Berliner über May fteht ebendort ausführlicher, it daher hier 
meggelaffen]. 


IV, 1. 





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or ar. ie 


IV, 12. 


„Herrn Hofprediger Ad. Stöder, Hochw. 
tein am 20. Mai (Mittw,) Borm. 11, Uhr an Sie abgefendeter 
Brief ıft ohne Antwort neblichen! 

In bezug auf Engel bemerfe ich heute: Die von mir am „[20. Dtai]* 
nur hypothetiſch ausgefagte zweite Unmwabhrheit ift von ihm faftiich verübt 
worden; denn im Reichsboten ſteht wirklich (wie ich durch einen zuverläſſigen 
Zeugen weiß, den ich nachſehn ließ) die Behauptung, daß ich mem 
Manuftript am Dienstag (12. Mai) zurücgefordert hätte, während ich 
das erit am Mittwoch (13. Mai) Abend that, nachdem ich mich überzeugt 
batte, daß auch in der von Donnerstag (14. Mai) datierten No. mein Nach⸗ 
weis der Fälfhungen (Mays) nicht abgedrudt war.* — Hier der Beweis 
für eine dritte Unmwahrheit Engels. Bor mir liegt das Original eines von 
Engel erſt im April diefes Jahres gefchriebenen Briefes, in dem es wört« 
lich heißt: ‚Ich habe Übrigens auch mit Dr. May feine Berbindungen 
mehr“ !!** 

In bezug auf Simon May fhreibt Dr. A. Berliner, auf den May 
fih berufen, am 19. Mai 1885: ‚Ohne auf den weiteren Inhalt jenes 
Artikel [»N. Br. Zta.“ No. 114) einzugehen, darf ich dem Berfafler bes- 
felben das Zeugnis nicht verfagen, daß, als er vor c. 16 Jahren hierher 
nad Berlin fam und al8 Lehrling in ein Fellgeſchäft eintrat, er in etwa 
zwei Stunden mich zu der Überzeugung führte, daß er nicht im Stande fet, 
auch nur eine Zeile im Talmud richtig zu lefen, gefchweige zu über 
feßen und ich ihn damals ſchon für zu alt Hielt, folche fchwierige Studien 
noch aufzunehmen.“ 

Der jüdifche Geritlihe .....t bat mich ohne Veranlafiung meinerfeits 
zu der Erklärung autorifiert, daß May damals nicht einmal die Elemente 
der hebräifehen Grammatik ordentlich gefannt habe. 

Die... .Tr Vergangenheit de8 Simon May fann Ihnen nicht unber 
kannt gemefen fein. 

Und doch. haben Sie Sich jelbft von Ihrem mir am 18. Mai gegebenen 
Worte, daß über Kol Nidre und das damit Bufammenhangende im 
‚Eorrefp.:Blatte‘ nichts mehr gedruckt werden folle, entbunden, Eich felbft ent- 
bunden um Mays willen und um Engels willen! 


* (Am 30. Aug. babe ich mich auch direkt überzeugt, daß Hr. Engel 
in No. 114 in der That geichrieben hat: „Da ſchickte Herr Prof. Dr. Strad 
am Dienstag Abend”. Die anderen Behauptungen des Hrn. Engel bier 
richtig zu ftellen, iit mir des erforderlichen Raumes wegen leider nicht 
möglich] 

** Simon Dan aber bat fich in diefem Herbſt vor Gericht als mehr- 
jährigen und ftändigen Mitarbeiter des „Reichsboten“ bezeichnet !] 

+ [Hier habe ich Namen und Legitimation des Herrn weggelaflen]. 

++ [Die Punkte auch im Original). 




















| 


IV, 17. = 

e Anhänger auf Niemanben hören, ber eimas gegen ihn vor 
bringe. Ich ſchwieg, glaubte aber um fa zuverſichtlicher nun wenig⸗ 
ſtens völlig in Ruhe gelaflen zu werden, da auch Simon May, der 
„mehrjährige und ftändige Mitarbeiter" bes Freundes“ bes 
Hrn. Etöder, auf meine in der „Poft” vom 6. Juni (Ro. 151) 
abgedrudte kurze Zurüdweifung eines ſchwer beleidigenden Angriffes 
in Ro. 149 desjelben Blattes dort nicht? mehr erwibert hatte, 
ſondern fid) darauf beichränfte, in antifemitiihen Berfammlungen 
meiner in Reden zu gedenten, von denen ich mur gelegentlich er- 
fuhr und die mir fein Herzweh verurjadten. 


IH ſchließe diefes Kapitel mit zwei Sätzen aus ber feierlichen 
„Erklärung“, die Hr. Hofpred. Stöder am 16. Juni, glei nad: 
dem das Urteil in dem Procefje gegen die „Freie Zeitung” ge 
fällt war, im „Eb.-©. E.-BL.“ No. 25, Beilage, im „Reichaboten“ 
und in ber „R. Pr. Ztg.“ veröffentlichen zu lafien den Mut hatte: 

„Das Urteil über mid jelbft fann aus dem Munde 
„von Leuten, die mich perfünlih nit kennen, nit 
„maßgebend fein. Unter denen aber, die mich kennen, 
„wird Niemand behaupten, daß ich es mit dem Worte 
„und der Wahrheit leiht nehme.” 


























VL4 5. 


Meine Frage, ob er zu irgend welchen Abmachungen befugt 

jerneinte Hr. Ithr. v. 9.: er fei mırr zur Entgegennahme von 
Mitteilungen meimerjeits beauftragt. Infolge defien erflärte i&, 
nur einen Zeil bes Beweismaterials angeben zu fünnen. Die 
Beſchränktheit der Zeit (id war an demjelben Abend noch anber- 
weitig beanſprucht) und der Umſtand, dag Hr. Hofpred. St. über 
die mid, bewegenben Gedanken aus meinen Briefen genügend in⸗ 
formiert jein mußte, veranlaßten mid, die Herftellung des Aus- 
gleichs, wie ich fie mir dadte, im weſentlichen nur nad ihrem 
äußeren Berlaufe, weniger nad ihrer inneren Begründung und 
Abzweckung, zu flizzieren. Der Kürze wegen laſſe ih nun gleich 
das von mir jelbft, im Bertrauen auf die Diskretion der anderen 
Partei (j. oben VI 1), innerhalb weniger Minuten eilig aufge 
fegte Protofoll folgen: 

3. „Berhandelt Berlin 24. Oftober 1885. Abends 5 Uhr. 

Infolge der am 22. Oktober zwiſchen Hrn. Frhru. v. 9. und dem Hrn... 
veranftalteten Beſprechung fand fidh Heute Hr. Prof. H. Strad in ber 
Wohnung de3 erfigenannten Herm ein. Er erklärte, daß er, wie er über⸗ 
haupt ſtets Frieden gewünfdht und dies auch durch feinen Brief vem 21. 
Oft. bethätigt habe, To auch jet — ſchon um der Termeibung öffentlichen 
Ärgernifies willen — Frieden wünfche, aber nur ehrlichen und dauerhaften®. 
Zu foldem fei e8 erforderlich, dag feine etwaige Cinigung* mit dem Hrn. 
Dofpred. Stöder aud* im »Reichäboten«e zu unzweidentigem Ausdrud 
fomme, weil er nur dann vor weiteren Angriffen, namentlich de »Reichs⸗ 
boten«, gefhügt zu fein glaube. Er fchlägt vor, dag von Hm. Hofpred. 
Stöder, Hrn. Red. Paitor a. D. Engel und ihm felbft eine geweinfame Ers 
Märung im »Reichöboten« veröffentlicht werde, dahin lautend: 1. Die An- 
griffe im ⸗Reichsboten⸗ gegen Hm. Brof. Strad werden zurüdgenonmen; 
2. May wird entlaflen; 3. Etrad nimmt feine Bezweiflung der Wahrheits- 
liebe** Ctöders zurück. 

Als vorlänfiged Beweismaterial citiert Hr. Prof. Strad: 

1. Stöders Brief vom 19. Mai (vgl. Stracks Antworten vom 2%. 
Mai und 1. Juni); 2. Iſt Schleiden Jude? [vgl. oben ©. 2]; 3. Stöder 








* (‚„danerhaften“, „Einigung“, „auch“: Diefe drei Ausdrüde zeigen 
deutlich, daB der Ausgleich mir mit der Zuſtimmung zu der gemeinfamen 
Erklärung noch nicht perfelt war; dgl. noch den VI 9 zu ermähnnenden Cutwurf 
eines „Brivatablommens“.) 

®® (micht: „feine vor Gericht abgegebene Erklärung”, was ich zu be 
achten bitte). 






































VI, 21, 22. 


ı fie bie Wahrheit ihrer Behauptungen beweiſen follen, find 
ücht zu Haufe. Nad Prof. Strad ift mun ja aud Prof, 
Baumgarten losgegangen . . .* 





232. Durch dieſe Herausforberungen war bie lehte Möglich 
keit, die dffentlihe Begründung meiner vor Gericht abgegebenen 
Erklärung zu vermeiden, für mid endgültig befeitigt, unb id ent⸗ 
fölo mich, ba ber Beweis in einer Zeitung nidht geführt werden 
tonnte, die nun vorliegende Broſchüre zu fchreiben. 











Alle Rechte vorbehalten. 















Hofprediger Stöder und der Hof, 





” 


brechlichen Arbeiter zu verforgen, oder wenn fie gar 
neue Negelung der Eigenthumsverhältnifie im Namen 
Ehriftenthums „als ein Heilmittel wider bie fozialen 
flände empfehlen. . . . . Dem Herrn und den Apoſteln 
es in ihrer der unfrigen mehrfach verwandten Zeit nicht 
Anläfen gefehlt, mit religiöfen Motiven cine Neugeſt 
ber fozialen Ordnung zu unterftügen. Allein Davon 
fie ſich fern, fie haben die vorhandenen Einrichtungen in 
Staat und Geſellſchaft unangefochten gelafen. Das Beifpiel 
ſolcher heiligen Beſonnenheit muß die Beiftlihen .... - 
namentlih von öffentlichen Parreibildbungen, wie von ber“ 
einfeitigen Vertretung Der Intereſſen eines einzelnen 
fernhalten. wodurd die Unzufriedenen mehr gegen Die bes 
ſſehende Ordnung aufgeregt, als fir chriſtliche Wahrheit ge— 
wonnen und zu einer Beſſerung ihrer Lage geführt werden. 
. Ber Den ſozialen Problemen handelt es ſich um ſchwie— 
ride. theils wiſſenſchaitlich. iheils techniſch zu erledigende Fragen, 
welche auszutragen uüberhaupt nicht Sache der Kirdbe iſt. 
Met fehle Den Geiſtlichen auf dirſem, ihrer eigenen Vor— 
bildung ſerngelegenen Felde die umicgnende K 
vente Ur:beil. Turch Ernterien in danelbe 
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halt ĩentee ciacnen Werft u 


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einzig gegebene Grunblage zur. Herftellung des feit Jahres 
hunderten erjehnten beutjchen Reiches, 1874 dem beiifchen 
Baterlande bie gegen feine feindlichen Nachbarn erforderliche 
Wehrkraft, 1878 dem Kailer den perfönlicen Schuß fir 
fein 2eben verwarfen — was heißt das, in eimer folden 
verwilberten Stadt eine jo Eräftige Gegenftrömung zu fchaffen. 
und zu organifiren, daf ihr die Zukunft ber Hauptftadt 
ſicher it? Eine Gegenflrömung, die politifch und  Kirchlich 
zugleih iſt? Möglich, daß ein anbrer es auch zit ſtande 
gebracht Hätte, aber es fand fich eben niemand, der bie 
Sammlung und bie Führung übernahm, niemand, der ſich 
ſtark genug fühlte, den. Waffen des Hohnes und bes Spolles, 
denen des perfönlichen Angriffs und ver Verbädhtigungen, auch 
denen der ermften und ehrlichen Gegnerichaft, ja jelbft ber 
Gefahr für Leben und Geſundheit unerfchroden zu troßen. 
Wer hätte eine ſolche Kraft der VBeredjantkeit, ſolche Be: 
geiiterung, jolde Ausdauer, ſolche Unermüdlichkeit, wie 
Adolf Stöder, ſich zugetraut? Erſt nachdem er die Bahn 
gebrochen, fanden ſich die Jünger. 

Dafür hat er aber auch aus wenigen Hunderten von 
Konjervativen bis Hunderttaufend gemacht, und wer dies noch 
vor wenigen Jahren vorausgejagt hätte, würde ald ein Narr 
von Feind und Freund verlacht worden fein, zumal, wenn 
er fih zu der Prophezeihung verftiegen hätte: Berlin würde 
einmal zu Taufenden zu den Führen eines frommen, das 
Chriftentfum bis in die Wahlverfammlungen verfündenden 
Hofpredigers laufhen und mit nicht endenmwollenden Beifallg- 
ftürmen ihn erdrüden”. 

„Welche Wandlung mit Berlin vorgegangen iſt, fo 
ſchilderte ein Berliner Correſpondent derin Barmen erſcheinenden 
„Chriſtlichen Monatsſchrift“ 1885 den damaligen Aufſchwung 














10 Soforeviger Stöder und der Sa 


Gedanken bei jener konſervativen Verſammlung, bie er vor 
zehn Jahren befucht hat, Er hat davon noch die Empfindung 
einer Krankenftube. VBornehmer war die damalige Berjamm: 
lung, aber Hein und gietbrüdig. Wer hat das Munber 
vollbracht ? iR 

Das konſervative Berlin hat unter der Führung Stödur's 
noch feinen Wahlfieg errungen. Es märe aber auch ver 
meſſen, fo etwas jeht ſchon erreichen zu mollen Ein jo 
jäher Umſchwung des alten Sodoms könnte für die Solivität 
und den Beſtand ber jungen Bewegung. fürchten laffen. Nur 
allmälig, durch gejunde Entwicklung derjelben ift das Ziel 
zu erreichen. 15000 Stimmen für Stöder in feinem Mahl: 
freife it eine Errungenſchaft jonder gleichen. Es ift das 
der Wahlkreis der Hauptftäotifchen Intelligenz par excellence. 
Man denkt dabei vorzugsmeife an den Geheimen Nat und 
Profeffor. Sie wählen Stöcker nicht. Alles, was an dem 
Wahltage in Equipagen anfam, mählte ihn auch nicht. Aus 
einer ſolchen jprang, als ich zur Mahl ging, mein Haus— 
arzt, ein außerordentlich geſchickte Mann. Wir begrüßten 
uns, traten gleichzeitig in den Hausflur, der zum Mahllofale 
führee und mo die Poſten jtanden, bie Stimmzettel aus: 
gaben. Ich forderte einen Zertel mit „Stöcker“, mein Haus: 
arzt einen ſolchen mit „Virchow“. Tas Wahlgeheimnis 
zwiſchen uns war verrathen. „Aber Herr Doktor, ſagte mir 
mein Hausarzt verdutzt, Sie, ein Mann der Wiſſenſchaft 
verleugnen unſern Virchow?“ 

Derſelbe Correſpondent fährt forı: „Die herrſchende — 
Fortſchrittspartei hat im Laufe der legten Jahre mehr und 
mehr Elemente, die der Kartei überdrüjlig find, nach zwei 
Seiten bin abgegeben, nad der jozialdemofratiihen und nach 
der tozialfonjervativen und wird naturgemäß fortfahren, nad 











12 | Hofprebiger Sidder und ver Si. 
gefangen hat, habe ich mich oft recht geiebämt, daß ich jo 


wenig gethan habe. Was mag den Mann treiben, anftalt - 


rubig fein Gehalt zu verzehren, wie andere Geiltliche, ſich jo 
in die raftloje unangenehmſte Thätigfeit zu ſtürzen? Eigene 
nuß kann es nicht jein. Was in feiner Seele lebt, dag ift 
die Liebe Ehrifti, Die Dringet ihn alſo. Wir müllen ihn 
darum wieder lieben und ihm für alle Verfolgungen, für 
allen Haß und alle Feindſchaft, für alle Berleumdungen 
unfere Liche um fo mehr bezeugen und uns nicht ftören Laffen. 
Ich Tönnte nicht fo arbeiten wie Stöder, denn nicht alle haben 
ſolche Gaben, jo viel Muth.” Dagegen unterzog in feinem 
Yahresrüdblid des Jahres 1880 der „Evangeliſche Kirchliche 
Anzeiger” das Verhalten des Hofprediger Etöder einer tadelnden 
Kritif, indem er u. A. bemerkte: „Allgemein anerfannt wird, 
daß dem Hofprediger Etöder vine große Arbeitskraft und ein 
Geſchick der hinreißenden Volksrede innewohnt, weldes ihn zu 
einem Agitator und Vorkämpfer präbeftinirt. Was aber die 
Anerkennung feines Wirkens vielfach in kirchlichen Kreiſen 
hemmt, iſt vornehmlich, daß er ſociale Forderungen auf Grund 
der heiligen Echrift und im Namen des Chriſtenthums geltend 
macht und auf dem Wege feiner Agitation, namentlid in der 
Judenfrage, zu Mitteln des Angriffs und der Vertheidigung 
zu greifen ſich genöthigt ficht, die auch mohlgenrigten Freunden 
Bedenken erregen, weil fie cher Wunden jchlagen als heilen 
und Wafler auf die Mühle von euren geben, mit denen 
Hpfprediger Stöcker nichts zu Schaffen haben will.” 

Ju feinen weiteren Ausführungen ſagte das Blatt be: 
züglich der chriftlich - ſocialen Verſammlungen, deren Werth 
zur Unterftügung der innen Miſſion es anerfannte: „Anders 
verhält ſich die Sache, jobald dieſe Verſammlungen vom 
chriftlichen und religiöfen auf da3 ſoziale und politifche Ge— 


PR 7 

















Hofprediger Stöder und der Hof. 


mit Berufung auf gewiſſe Bibalftellen aufgeftell, er bat ferner 
in ber Jubenfrage, weder im a noch in ber Vertheidigung, 
zu bedenklichen Mitteln gegriffen, darf man benn aber wirk— 
lich im Namen des Chriſtenthums Feine foziglen Forderungen 
aufftellen? Man muß ftaunen, jo etwas als Vorwurf in 
einem chriftlichen Blätte zu leſen. Wimmelt doch das alte 
wie. bad neue Teſtament non jozialen Forderungen und iſt 
doch die ganze Geſchichte bes Chriſtenlhums zugleich bie Ge— 
ſchichte der jozialen Erneuerungen ber Völker. Und ivo jegt 
das Chriftenthum zu den beidniichen Völkern kommt, bringt 
es auch foziale Reformen mit. Giebt's eine größere foziale 
Reform, als die Beleitigung ver Bielmeiberei und ber 
Sflaverei? Sind dieje Reformen nicht im Namen bes Chriften: 
thums gefordert? Mit Berufung anf gewiſſe einzelne Bibeljtellen 
hat wohl niemand ein bejtimmtes Steuerſyſtem ober eine 
Wirthſchaftsgeſetzgebung gefordert. Jedenfalls Hat weher 
Stöder nod die chriftlich-joziale Partei die Bibel zum Koder 
für die Finanz- oder Wirthichaftspolitif gemacht. Aber nichts 
deftoweniger ift Die chriftlihe Weltanſchauung auch für Dieje 
Gebiete, wie überhaupt aud für ale menſchlichen Verhältniſſe 
von der größten Bedeutung. Iſt es nicht vine gang un— 
geheuerlie Forderung, wenn ber Evangel. Kircbenanzeiger 
verlangt, eine chriftlich-joziale Verſammlung ſolle ſich Lediglich 
mit religiöfen und unter feinen Umſtänden mit jozialen Fragen 
beſchäftigen, jolle feine dahin zielende Beſchlüſſe faffen, keine Forde⸗ 
rungen ftellen, während wir jehen, daß der Naturaligmus ſowohl 
auf Seiten der Armen als Sozialdemofratie, wie auf Seiten 
der Reichen als mancheſterlicher Kapitalismus jeine Forderungen 
ſtellt. ..? Wenn wir ung blos mit religiöfen ragen be: 
ſchäftigen und politiiche den Naturaliſten überlaſſen, dann 


— —— ——— nn m — ee m 


nehmen: „Stöder hat nie beſtimmte ſozial-politiſche Forderungen 


“2 





Bismard hat ſogar den Ausdruck entſchiedener Mißbllligung 
des Auftretens des Hertn Stöckers bis an die Allerhöchſte 
Stelle gelangen laſſen. Es iſt jedoch als irrthümlich erkannt 
worden, das Sozialiftengefeg gegen Herrn Stöder in Anwen 
dung zu bringen, weil feine fogtalspolitifche Thätigkeit emt: 
idjieden feine dem. Gefeh verfallende ift, wenn auch die Form 
feines Auftretens zu "Bedenfen und Augftellungen Anlaf geben 
mag. Wiederholt fol dann das Kirchenregiment angegangen 
worden jein, der Agitation des Herrn Stöder Einhalt zu thum. 
Wenn dies bisher nicht gefeheben, To ift einzig und allein der 
Umjtand daran ſchuld, daß immer‘ und. immer mwieber von 
hervorragend einflußreiher Etelle, der nicht wohl zumider er 
handelt werden Eonnte, die zweifellos redliche Abjicht des Herrn 

Stöder geltend gemacht worden ift. Die bezüglichen Torftellungen 

de3 Nirchenregiments folfen jedoch in neuerer geit dahin ge— 

führt haben, daß Herrn Stöcker wiederholt eröffnet wurde, 

die Stellung eines KHofpredigers fei mit feinen Auftreten 

i&hwerlic vereinbar. Hieraus mag wohl das Gerücht ent 

ftanden fein, daß Herr Etöder, ber ein vermögender Mann 

ift, und ber aus innerfter Ueberzeugung den Kampf gegen 

den Eozialismus und im Zufammenhauge damit gegen 

das Gründerwefen und das Ueberhandnehmen des jüdiſchen 

Einfluffes auf allen Gebieten bes öffentlichen und fozialen 

Lebens für jeine Miffion hält, Lieber jeinen Abjchied nch: 

men, al3 auf die nachdrückliche Geltendmachung jeiner Beitre- 

bungen verzichten werde. So viel fteht feft, Daß man bie et= 

waige Fortdauer der Stöderichen Agitation nicht als eine Folge 

der von der Negierung geübten Connivenz bezeichnen darf. Pic 

Regierung vermag Herrn Stöcker gegenüber fein wirkſames 
bisziplinarifches Mittel zur Anwendung zu bringen, in dieſem * 












| Urfprünglich war — Bismarck von = Stöcker ſche 
Agitation, ſo weit ſie eine rein „briftlich-foziale” war, Fingenomz r, 
men. Die Nordd. Allg. Zig. gab diefer Stellungnahme (1878). —J 
Ausdruck, indem fie u. A. bemerkte: „Die Hauptſache iſt, daß 
menſchenfreundlich und patriotiich gefinnte Männer ehrenuellen 4 
Namens einen äußerſt zeitgemäßen Schritt thaten, daß fie es 
wagten, offen Farbe zu befennen, und an alle Gegner der. . 
fozialiftiichen Bewegung in ihrer heutigen Form bie Auffor⸗ 
derung erließen, zur⸗Vertheidigung der höchſten Güter ſich zu 
vereinigen, und zwar fi) zu vereinigen im vitalften Intereſſe 
derjenigen Klaſſen, die am ſchwerſten unter der Noth dieſes 
Lebens zu. leiden haben. Der Sozialismus der. Gegen: 
wart iſt ohne Miberreve feiner Natur nach atheiſtiſch und“ 
antimonardifhb. Die Bekenner des ChriftentHums und 
die Anhänger der monarchiſchen Staatsform mußte ſchon der 
Umftand, daß beide Prinzipe in den Vordergrund des Pro- 
gramm gejtellt find, mit nebenfächliben Mängeln deſſelben 
verfühnen.” 

Epäter (Nov. 1881) wurde eine Äußerung bekannt, die 
Fürft Bismard in Varzin gegen den Antijemitismus gethan. 
Derjelbe unterhält mit der Mehrzahl feiner pommerſchen 
Nachbarn fehr freundliche perfünliche Bezichungen, die in 
häufigen ungezwungenem Verkehr ihren äußeren Ausprud 
finden. Faſt täglich ſieht der Kanzler einen oder mehrere 
derſelben als Gäfte an feiner Tafel. In der genannten Zeit 
befand ſich darunter ein jüdiſcher Anduftrieller, der mit dem 
Fürſten inſofern in gejchäftlicher Verbindung ftand, als ein 
großes Fabrik - Etabliffement des Herrn fih auf dem dem 
Kanzler gehörenden Grund und Boden befand und Roh: 
materialien jür Die Fabrik aus den Barziner Maldungen 
entnommen wurden. Die genannte Perfönlichfeit war mit 


— — 





Wohlwollen zurüdzugeben, auf Haß und Berlenmung I * 
mit Übelmollen ober ftiller Verachtung zu antworten. Rum 











22 Hoiprediger Stöder und der Sof. 








parhie für den Mann geſäet, unter deſſen Minifterium Die 
Juden überhaupt erit thatlächlih emanzipirt worden find — 
Haß und Groll, Miftrauen und Verachtung allein haben 
jüdiſche Publiziften und Redner gepflanzt umd wenn nun 
ein Baum emmworgewahjen ift, der bittere Früchte trägt, jo 
haben sie allein es ſich zuzuichreiben. Niemals hat Fürſt 
Bismard Raſſenhaß geprebigt, noch durch Wort, Schrift oder 
That gebilligt; wogegen bie Leidenfchaftliche Wuth, mit der 
er jeit Nahe und Tag von der jüdischen Preſſe und von 
jüdischen Rednern verfolgt wird, faum durch etwas anderes, 
als durch Raſſenhaß zu erklären it. Tas Hemd ift auch 
den Fürften Bismard näher als der Nod, und wenn er 
überhaupt Veranlaſſung hätte, ſich über eine Hetze auszufprechen, 
fo würde das zunächit wohl über die ſchamloſe Bismarckhege fein, 
welche von Kortichritt und Juden zur Entrüſtung aller deutſchen 
Manner betrieben wird. Alsin Frankreich vor Jahr und Tag die 
tage der Abſchaffung der Todesſtraie ventiliert wurde und 
die leidenſchaftliche DTiscuſſion pro et contra ihren Höhe— 
punkt erreicht hatte, Lich ſich plötzlich eine Stimme vernehmen, 
die bald alle andern übertönte. „Auch ib bin dafür, daß 
der Menſch den Menſchen nicht tödten Toll, Ichricb ein fran— 
zöſiſcher Khiloſoph, aber nach meiner unmaßgeblichen Meinung 
ſollten die Herren Mörder den Anfang machen; ne Messienrs 
les assassins commencent!” „Dies ſchlug, fuhr die „Poſt“ 
fort, dem Faß, das red- und Ichreibielige Philanthropen bis 
zum Überfließen mir Milch der Menichlichfen gefüllt hatten, 
plöglib den Boden aus und Die beab'öichtigte Yebensrettung 
der Mörder unterblieb. Wir verwahren uns ausdrüdlic 
Dagegen, einen tendenziöſen Vergleich machen zu wollen. Mir 
haben Pre Vorialls aus dem varlamentariſchen Yeben tank 
reihs nur erwahnt, um daran anknüviend zu jagen, daR, 


„ui 


—— äh ia in febr hohe Sreife bineinbi fe 
„Bei Belegenheit des jo jenaunten — 


unſerem Gewiſſen gedrungen, re Zeugniß für die grof oe. 
„Dienfte abzulegen, welche ſich Etöder dadurch ermorben, bafı 
er in der Hauptftabt bes deutſchen Reiches, zum erjien, Male 
fee Beginn eines öffentlichen Lebens, große Volfsmafjen um 


und daburh einen Schupmall gegen bie Spztalbemofraf 

aufridhtete, der, wäre 1871 ein ähnlicher In Paris geweſen, 
bie Cotmmmine hätte verbinbern Rönmen. Gleichzeitig führten 
wir das bebentende Vorwiegen der Berfammlungsagitafiom fr 








“m. 





26 Hofprediger Stöder und der Hof. 

partei” ins Leben riet und ſich wie cin Löwe ber burd 
Moſt entfelfelten Volkswuth enigegenmarf und dadurch ben 
aewohnten Rahmen „innerer Miffionsthätigfeit‘ ſprengte und 
außerordentlib erweiterte, da war es gerabe Die „Nordd. 
Alg.=3tg.”, welche dieſem Auftreten den mwärnften Beifall 
zurief. Was fie im Jahre 1878 an dem Auftreten und ben 
Beltrebungen Stöders lobte, hat fie auch durch ihre neueften 
Veröffentlihungen nicht getadelt. Wenn fie neuerdingd auf 
die Aufgaben der „inneren Miſſion“ verweiit, jo faßt fie in 
Gemäßheit ihres älteren Artikels den Begriff der „inneren 
Miſſion“ im zeitgemäßer Weiſe jo weit auf, wie ſolches fchon 
B A. Huber, diefer große Vorkämpfer des chriftlich-fozialen 
Gedankens, hat. Huber behandelt die innere Miſſion aus- 
brüdfich als foziale Krane. Er wendet ſich gegen diejenigen 
Geiſtlichen, welche Davon nichts willen wollen, weil ie meinen, 
Die Soziale Arage babe mir dem geiſtlichen Amte nichts zu 
ihun. Er stellt der chrijtlichen Liebesthat die weiteiten Auf: 
gaben. Auf allen Gebieten des Yebens Toll iv Das moderne 


Heidenthum bekämpfen und beſiegen. Hält man an diefer 


% 


Arbeitsſeld Erweiterung der inneren Miſſion feit, To Liege in 
der Zumuthung der „N. A. Zig.“ weder ein Wideriprud 
mit dem Beifall, den sie Stöcker vor Neben Jahren zollte, 
noch mir den Anforderungen, den die chriſtlich ſozialen Auf: 
gaben der Zeit an Siöcker ſtellen. Cine andere Frage iſt 
es freilich, ob der tapiere Hofprediger endlich für diejenige 
„Mille Arbeit“ innerhalb der Eoniervatven Vartei Helfer 
finder, welche er int Jahre 1578, alſo zu einer Zeit, wo von 
Antiſemitismus noch keine Nede war, namentlich im Rahmen 
des „Centralvereins fir Sozialreform“ anſtrebte. Ihm dieſe 
Mitarbeiter zu veröſhafen, ſollie jetzt das einmuthnae Beſtreben 
der konſervativen Breite, namentlich der „I. A. Zig.“ fein. 





Prüfung werde man ertennen, Da es weit überwiegend gute, treme, 
patriorijch jelbfilofe Lene find, die man vor ſich habe, und was fi 
in beren Areifen zur Zeit etwas wilb geberde, und ſelbſt jebe 


bebenfliche Itrlichtet aufleuchten laſſe, werde zur Ruhe klommen 


ober fein Publikum verlieren, ſobald die beftändige Reizung: 


von der Gegenfeite aufhören und man zur Mitarbeit ange- 
rufen werde. Ter erite Schritt alio mußte — to meint bie 
„Sont. Corresv.” — von den Mutel-Parteien ausgeben: man 
müſſe auziprecben, das man das Vergangene verac en fein 
laſſen möchte und bereit ſei in cin chrlicheg, loyales Cartell 
einzutreten.‘ 

„Ein loyales Kartell”! ruit die Staatsbürgerzeitung aus. 
„Was veriteht wohl die „Konſ. NKorreip. darunter? Tie 
ganze Berliner Bewegung war von vornherein auf der 
Grundlage eines loyalen Kariells der vericiedenartigiten 
Parieirichtungen begründer und gedichen. Tadurb, dab 
die Berliner Bewegung einen antifortſchrintlichen, vor allem 
aber antitemitiihen Charakter zeigte, wurde es jo verichieden- 
artigen politithen Elementen, wie fie eben in einer Groß- 
ſtadt vorhanden find, möglich gemacht, ſich an derielben zu 
betheiligen und nur hierdurch waren die Erfolge zu erreichen, 
wie fie Die Berliner Bewegung in To überrajchender Weiſe 
gezeitigt. Und darum find die Auslaſſungen des „Konſ. 
KRorreip.‘ nichts weiter al3 leere Redensarten. Mit ſolchen 


a. 





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* Sa. 








en Anberaumung ſchon aeplanı war, batten fie ihrem un— 
— Verirauen zu ihm einen glänzenden Ausdruck ge: 
geben. est jtehr Die Zunkunft dunfel vor Der Parteı; aber 
der kleine Mann, der Handwerker und Arbeiter, halten treuer 
und feiter, al$ mande meinen. Zu Stiöcker werden fie halten 
0 lange fie leben; zur jegigen miniiteriellen Negierung Das 
gegen haben fie zum großen Theil das Vertrauen verloren, 
und die reinen Antiſemiten, ſowie Die aufs auferite ermutbigten 
Freiſinnigen und Temofraren werden Die Früchte ernten, Die 
Rartellvarrien nicht. Stöckers Anhänger find aber nicht bloß 
in Berlin, jondern im ganzen deutſchen Reich verbreiten: in 
den Tirgrenzen, am Rhein, ın Baden, in Stutigart schlagen 
unzählige Herzen cbenio warm für ibn, wie in Berlin. Ter 
deutschen ſtudierenden Jugend ſit Stöckers Name in weiten 
Kreiſen ein Vannier, dent ſie folacn. Une Leute in hohen 
ht Steilungen, die der relitiichen Aauation Stockers 
durchbans iernitehen, baben doch dien Ausgang Dir Sache als 
‚m Straigericht jur uniere evangeltide Munde bescherte, Wo— 
raui berubht der Zauber der th Stadiger Serauf, 
va ar ein Voitemann it, wie es in ı N in Teiche 
land keinen zweiten abe RAT bar iur wabhre, wirkliche 
Her ablanßung zu uhui, iur ſelbtloſes Tienen und Stcheviern 
in Kent Intereſe ein iemes Veritändriie., Tarum bangt 
es Stocker min folder Liebe ar. Sitocer Par von ailer ſeiner 


Arben me den geringiten Köriei! ni 5 T 





:kirit, tens Torauon 
und Danleideistombabr, er bat niben Iitt und rest Its 
auch ner Sam Geideem den Tem ſienner Sache acitelli. 
Tas wear ihnm ſelbitr rirandlich, Damm er liebt. Son deuiſches 
Wolf über alles: Und or wol als rechter Volksmann — 
it Pr. M. Luthers Nacbfoler stm Das beit, erbalten, 


ae ga bel, das Evangl!unn. Tarum Tprsne co Birem on 





——— age 
Ihrer Seele das liebſte Loſungswort it, nicht 


cs iſt das Mort: Freiheit, Gleichheit, und Brüderfic 
1 c8 freilich eine Freiheit ohne Zucht; eine G 


edlen Sinne nehmen, als die Freiheit des Gewiſſens, ala Die 
Gleichheit vor Gott und als die Brüderlichleit in der Liebe 


Chriſto. DB meine Herren, es ift einer großen Partei ums _ 
würdig, Vaterland und Chriftenthum zu haſſen. Wollen Ste, 
als Arbeiterpartei, wirklich eine geſchichtliche Bedeutung gewinnen, 


Menſchen gelebt bat, die Liebe zum Baterland nicht tobt Ichlagen 
bas dürfen Sie wahrhaftig nicht. Eins aber erbitte Ich zum 
Schluß von Ihnen, Wenn Sie in Blättern wieder bie 











38 Hoiprediger Stoͤcker und Der Hof. 
die chriftlich-foziale Partei mir Stolz und Freude den Ihrigen 
nennt, fei hier in Liebe und Tankbarfeit beionders genannt. 
Seine Rede in der Oktober-Verſammlung des Jahres 1871 
bat viel gethan, die kirchliche reife zuerit aus dem Schlummer 
zu wecken und fir bie foziale Frage zu intereſſiren. Sein 
unerſchrockenes und überzeugungsoolles Eintreten für die be> 
rechtigten Forderungen des Eozialismus har ſeitdem unzählige 
deutfche Herzen für die Zozialveforn gewonnen. Und wenn 
„das Aufwachen ber beutjchen Jugend‘ — das Thena 
der vorlegten Rede and den hriftlich-fozialen Veriammlungen 
— nicht bloß cin Redeſtoff, jondern eine Thatſache 
geworden iſt, To verdankt die Nation dieſen hoffnungsvollen 
Zuftand nicht zum geringsten Theile der fortreißenden Bered- 
ſamkeit und Yegeifterung, mit welcher Wagner durch feinen 
glühenden Patriotismus, eine Tozialen Ideale, Sein Belenntniß 
zur chriſtlichen Weltanſchauung Die akademiſchen Jünglinge 
bis in die tiefſte Seele bewegt bat. Tie „Nailerliche Bor: 
ſchait“ vom 17. November 1581 iit nad der einen Richtung 
bin als Wrogranım der Zicberung der Ardbeitereriſtenz 
auf Grund von chriftlih gedachten Norperationen nahezu Die 
Eriullung der chriitlich sozialen Hofinungen; auf fie laßt ich 
mit ebenſo großem Recht Das Wort von Sedan anrübren: 
„Welcheine Wendung durch Gottes Fugung“! — Die andere Seite 
der ſozialen Frage, Die Hebung der Arbeuereriſtenz, ſowohl in den 
ſittlichen Bedingungen der Arbeit wie in dem reicheren Anteil am 
Ertrag der Krodukuon, iſt der praktiichen Politik noch aufbewahrt. 
Gerade bier liegt für die Kirche ein Stück ſchönſter underiolgreichſter 
Arbeit. Die thunlichſte Einſchränkung der Arbeit verheiratheter 
Frauen, die Beſeitigung der Kinderarbeit, die Auihebung der 
Sonntaasarbeit, Die geietzliche Beſchränkung dir Arbeitszeit — 
Normalarbeitstag — find Auigaben, welche der Kirche geradezu 





















falſchenden — pieln As — Munde — 
Konfervativer, die durchaus Freunde des Kartells 
haben mir bie ſchärfſten Verurtheilungen der offiziöfen 
gehört. Und wie haben leider aub die Liberalen Zeit 
von gemäßigter politiſcher Richtung ihre Hehe gegen Stö 
— Im letzten Grunde galt ihr Haß — davon fi 
wir jet überzeugt — der pofttiv:biblifh:gläubigen Perſbnlich⸗ 
keit. Weil er ein zundender Bolksredner über das en 
Net der göttlien Offenbarung, über die Sonntagsruhe als 
Menſchenrecht und als Stüd der göttlichen MWeltordnung, Über 
bie Schäden des mobernen Judenthums mit feiner zerſetzenden 
und-auflöfenden Kraft, kurz, weil er ein Jeuge Chrifti war, darum 
bat ein falfcher, unchriſtlicher Ciberalismus ihn gehabt. Die 
Grundjäge, welche Stöder vertritt, find die der chriftlichen 
Weltanichauung, der Monarchie, der geſellſchaftlichen Reform, 
des Schutzes der Arbeit und der Induſtrie gegenüber ber 
Allmacht des Fapitaliftiihen Handels, des hriftlichen Charakters 
des deutſchen Volkes umd feiner öffentlichen Einrichtungen. 
Daß Stöder bei der Vertheidigung diefer Prinzipien im 
einzelnen, in der Form oft gefehlt Dat, daß er manchmal 
hätte ruhiger und milder im Ausdruck fein fönnen, leugnet 
er felber nicht. Aber feinen Fehlern gilt eben der Haß feiner 
liberalen Feinde nicht, fondern feinen Tugenden. Tas haben 
fie am beften durch ihren Anſturm gegen die Berliner Ctabdt: 
miffion, Dies von der ganzen Gencraliynode der Evangeliichen 
Yandesfirche Preußens einmütig als fegensreih anerkannte 
Merk, bewieſen. Aber cben weil ich dieſe einzigartige, Kraft: 
volle Perfönlichkeit nicht unter die Bögen des Tages beugte 
und auch nicht in Die gemöhnliche, bureaukratiſche und eine 
falihe Kartell: Schablone vrejien ließ, darum mußte er gehaßt 
und verfolgt werden. Stöcker bat, was ib zum Schluß er: 


0 


4 
J 


dom arg als alle anbertn, * das 
“aber bedeuten, dafı man auch en. Deiex Crchen Poren 


geplanbt:haben, ihn won ber poliifien Bäkme: mil 


. Mir greifen. bier auf Die vor einige 
Monaten erſchienene hochoffiziöfe Brochfire zuräd: „Die Bars 


. gänge ber inneren Poluik feit der Thronbefteigung Karfer 


Wilbelm’s II,“ Sie it, fo zw iagen, bie Einleitung zu Dem 
gegen Etdder fpäter eingeichlagenen Berfahren, fie bringt ; 
„Motive zu dem beabfichligten und daun ausgeführien 
Schritte. Der Verfaifer derjelben ift Proftſſot Rökler, ber 
ehemalige Divelior des 1882 von Herrn v. Bunlamer aufe 








Sofprediger Stocer und der Sof. 43 
gehobenen literaritchen Büreaus im Minifterium des Innern, 
Herr Roöfler stellt in feiner Schrift Richter und Stöder ein: 
ander gegenüber. „Herr Rider, jagt er, ficht cin, daß man 
mir einem Radikalismus nicht? ausrichtet, den die ftärkjten 
und dauerbafteften Elemente der Nation verabſcheuen. Er 
macht eine ganz andere Rechnung auf die Zukunft, nachden 
ihm die Rechnung auf die Gegenwart fehlgeichlagen iſt, daß 
der junge Kaiſer den Einfeitigfeiten der fonjervativen Partei 
verfallen werde Dann wäre es ja in der Thar möglich ge 
wejen, Die ganzen Mräfte der deutſchen Bildung in das frei: 
finnige Yager zu ziehen Seiner Partei und vor allem fi 
jelbit dieſe Möglichkeit zu erhalten, ift Herr Nichter wohl be: 
dacht. Er will fo operiren, daß, wenn die deutſche Bildung 
nur die Mahl har zwiſchen ihm und Stöder, fie ſich für ihn 
enticheiden muß, mährend, vor die Mahl geitellt zwiſchen 
Herrn Stöder und dem bodenloten Nadifalismus, die deutiche 
Bildung mir Stöder geben müßte. In Folgendem  bejteht 
Herrn Richters Rechnung auf die Zukunft. Er alaubt, daß, 
wenn eines Tages Fürſt Bismard Die politifche Bühne ver: 
latien, die Monardie durch die konſervative Partei in eine 
Stellung gerifien wird, welche die deutſche Bildung nöthigt, 
ihre Zuflucht bei Deren Nichter zu ſuchen. Er hält fi für 
nicht zu alt, dies zu erleben, und hätte wahrſcheinlich Necht, 
wenn Fürſt VBismard nicht das Seine thäte, durd dieſe 
Rechnung einen Strich zu machen.” 

Man darf wohl jagen, daß hier die Gedanken Bismarda 
wiedergegeben werden. „Das Auftreten Stöckers, fein hetzen⸗ 
der Antiſemitismus verſchärft Die politiichen Gegenſätze und 
ſtärkt die Sache des Fortſchritts durch den Übertritt von ge: 
mäßigten Yiberalen und die Füllung feines Geldbeutel aus 
den Spenden der reihen Juden, denen der gegen fie gerichteten 






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Winirarbeit und 


fouverane Derricaft, fuhren.” 

Bismarck und Stoder 
Wunſche, es möchte dem deutichen Volke fir immer verjagt 
bleiben: „Die ihlaue Pñnigken und Die unrubige, beitändig 
auf der Lauer liegende auedirlberne Geibaftaker: Nie find 
unierm ganzen Weiten fremd, den Teurſchen in inneriter 
Zeele sumider, und ven dem Tage ab, mo fie su feinen Eis 
genſchaften zählten, würde auch ver friice, belle Tuell ver: 
tiegen, der den Boden trankt und ın immer junger Nraft er 
hält, aus dem Seine beiten QTuaenden bervorivriegen.” Einig 
aub Parin, daß tie aur Mittel und Weze ſinnen, um bie 
ehrlich arbeitinde chriſtliche Bevölkerung zu ibügen vor dem 
„Auspovern“ Durch Leute „Denen das uaere nummos als 
oberjtes Lebensprinzip gilt.“ Aber eiwas anderes iſt das Syſtem 
der Verhetzung gegen Das Judenthum. „Ein folder Antiſe- 2 
mitismus kann niemals das Programm eines wirklichen Po: 
litikers ſein, auch keines koniervatiwen.“ 

Die Politik vr ein eignes Ting. Wir Temſchen haben 


mp auch wohl ernig in Dem 













J der ask — inner ne 
Grundfäge jollen verhüten, dab die fittliche 


geil 
. werde, aber -fie fönmen biefe Handlungen  febft 
Ienfen. Die Tödtuug bes Menſchen als äußere Handlung 
kann durch feinen Grundfaß verboten werben, wohl aber 
die Tötung aus ſelbſtſüchtigen Motiven. Der Scharfrid 
"der Soldat, ber Naubntörber begehen gleichmäßig die En \ 
aber bie beiben erften gehen vor dem ſittlichen Richt 
frei aus. Es ift klar, daß ber deutſche Staatsinann win 
muß, ben über die Grundlage des deutſchen Staates: eini 
Parteien das Bewußtſein der aus den beweglichiten Elementen 
zufammengefeßten Aufgabe einzuflößen, welche dem beutjchen 
Neich während einer vielleicht jehr langen Periode aufgedrungen 
ift und der ſich mit fogenannten politifchen Grundjägen nicht 
beifommen läßt. Möchten die nationalen Parteien lernen, 
daß es feine grauenvollere Beritrung giebt, ale die jenes Wortes: 
que les colonies p6erissent plutöt qu' un prineipe.” 
Meil die Stöder- oder Kreuzzeitungspartei einer „Richt 
ſchnur fogenannter politifcher Grundſätze“ folgt, jo fteht fie 
auch in gleicher Linie mit den Teutich-Freilinnigen, Die auch 
eine jolde Richtichnur haben und daher gleich feindlich zu 
Bismarck ftehen. „Mas batte die demofratijch-liberale Partei 
vor allem von dem Kaijer Friedrich erwartet? Tie Enilaſſung 
des Fürften Bismarck. Was hatten die äuferiten Gegner 
des Yiberaliamus vor allem vor dem Kaiſer Wilhelm II. er 
wartet? Nicht gerade die Entlaſſuug des Fürſten Bismard, 
aber doc die unummundene Zumuthuung an den Kanzler, 
die innere Politik ganz in das Kahrıwafier dieſer Parteimänner 
zu Steuern: alfo etwa Widerruf der ftaatsbiirgerlichen Rechte 
für die Juden, evangelifche Kirchen: und Schulpolitif im Sinne 


EN 
Ma, =: 





Hofprediger Stöder und Der Ser. 47 
des Herren von Kleiſt-Retzow, obligatoriiche Einführung der 
Handwerkerzünfte u. ſ. w. Mer fteht allen Forderungen der 
Demokratiſch-Liberalen ala das größte Hinderniß nad Naijer 
Friedrichs Tode gegenüber? Fürſt VBismard. Und zwar er: 
kennen jene Politifer ſehr gut, daß es gerade die Mäßigung 
des Kanzlers iſt, welche das Hinderniß unüberwindlich macht. 
Denn würde er in das Eonfervatine Fahrwaſſer einlenken, jo 
würde er ſich einer ganz andern Oppoſition gegenüberieben, 
ol3 der ganz hohlen, auf dem ftaatsverderblichen Gebrauch 
eines formalen Rechtes beruhenden Oppofition von 1862— 1866. 
Wer jtcht der Gewinnung des jungen Kaiſers für die äußerſte 
fonjervative Partei als das größte Hindernis gegenüber? 
Fürſt Bismard. Ti Partei ift überzeugt, Daß ihre forderungen 
dem wahren Bortbeil entſprechen, ja daß nur deren Erfüllung 
der Monarchie Die unerſchütterliche Grundlage wiedergeben kaun. 
Was ijt da zu wundern, daß die Partei in einem Kaiſer, der 
von dem thätigen, ſchöpferiſchen Berui der Monarchie ganz 
durddrungen iſt, ihr natürliches Haupt ſieht, daß fie nur dem 
Einfluß eines verblendeten Dämons die bittere Enitäuſchung 
zufhreiben will, dieſen Kaiier andere Bahnen einſchlagen zu 
jehen, als die ihrigen?“ 

Gilt Herr Stöcker als ein Hinderniß der Sartellvolitit, 
fo kommt die Methode feines Vorgehens binzu, die ſich als 
Demagogenthum Eennzeichnet. „Herr Stöcker, ſagt Rößler, 
iſt freilich fein Temagoge der Art, wie fie vor Zeiten in 
Athen, wie fie in Paris zur Revolutionszeit, wie fie in Amerika 
noch alle Tage, wie fie bei uns im Jahre 1>48 auftrat, 
Dieſe Demagogen beginnen alle mit derielben Tonart: „Volk, 
du biſt groß, tapfer, edel, weije, wenn Dort die Schurken 
nicht wären, du hätteft längit das Paradies aus den Aermel 
geſchüttelt.“ Aber man stelle ſich nicht ungeſtraft an Div 





unter Balnıen wandelt, Goethe jagt: „Wer vor andern lange 
allein jpricht, ohne den Zuhörern zu ſchmeicheln, erregt Wider % 
willen.“ Demagoge fein, beißt Echmeichler fein. Wer nicht 
ſchmeichelt, wie die Demokraten, der mag es geſchickter thun, 
aber ber Nothwendigkeit entgeht er nicht. Der Demagoge 
muß herabfteigen zu dem Berftändniß, zu bem Geſichtskreis, 
zu den VBebürfniffen der Menge. Sind keine ſtarken Bes 
bürfniffe da, deren Befriedigung er fogleih in Ausficht ftellen 
kann, jo muß er andere Bebürfniffe werden. Es können nie 
bie edelften und höchften fein. Herr Stöder wendet fih an 
ben jelbftfüchtigften Inſtinkt der Zuhörer, an bas gemeine 
Bedürfniß des Haffes und an den gemeinen Glauben, daß 
Die Urſache aller Uebel irgend wo verkörpert jein müſſe, fo 
daß man fie mit einem Echlag zertrümmern könne Darin 
macht er e3 ganz wie die demofratifchen Temagogen. Alles 
Uebel kommt von den Xriftofraren und ihren Helfern, fagte 
man 1793; alle Ucbel fommen von ben Juden und Juden— 
genofjen, jagt Herr Stöder. Wenn die Macht der Juden 
gebrochen ift, oder wenn fie aus dem Lande vertrieben find — 
Herr Stöder jagt nie, was er mit den Juben vorhat — dann 
foll ein Paradies errichtet werden, von dem Kerr Stöder 
einige Umriſſe zeichnet. Als unentbehrliche Kräfte jol es ba 
ein Königthum, orthobore Prediger und Zünfte geben. Andere 
Dinge find zuläffig, aber gleichgültig oder entbehrlich.” 

Fürſt Bismard hat ebenfalls jhon den Borwurf der Demas 
gogie hören müſſen, und zwar von Eciten der Fortjchritts: 
partei. in dieſer legteren früher naheſtehendes Blatt nahm 
den Fürften gegen biejen Vorwurf in Schutz mit den Worten: 

„Die politifchen Rollen find im Mugenblid ganz eigen- 
thümlich ausgetheilt. Fürſt Bismard hat mit der ihm eigen- 


d 





Hofprediger Stöcker und der Hof. 49 


thümlichen hartnäckigen Energie die Anitiarive ergriffen und 
fi) zum Tribun einer Neihe mächtiger uno volksthümlicher 
Strömungen gemadt. Die Fortfchrittspartei bat ſich durch 
den Mund des Abg. Michter fogar Schon mehrfach über Tema: 
gogie beklagt. Wir halten aber ganz dafür, daß es gut iſt, 
dem Bruder Bauer die Hand zu drüden, und ſich mit ihm 
in feiner Sprache zu unterhalten, die Fürſt Bismarck meifter: 
haft verſteht. Ahmen wir doch dem Reichskanzler na, ſtatt 
über ihn zu klagen, bringen wir unſere Anſichten klar und 
volksthümlich vor und bedenken wir, daß die Fraktion der 
Wähler, wie der Abgeordnete v. Bühler ganz witzig bemerkt 
hat, diejenige iſt, mit welcher der Abgeordnete ſich in letzter 
Inſtanz zu verſtändigen hat. Sind wir denn ſo luftſcheu 
geworden, daß eine lebhafte Volksſtrömung uns mit der Furcht 
vor einen politiſchen Schnupfen erfüllt? Im Gegentheil, der 
Erfolg der ganzen Agiration wird eine dauernde Stärkung 
des volfsthümlicen Elements in Staat und Kirche fein — 
welchen Grund baben wir, uns darüber zu beſchweren?“ Es 
war ein nationalliberales, alfo cin Nartellblatt, das die 
Bismarck'ſche „DTemagogie“ als Mufter empfahl. 

Hofprediger Zröder iſt zu allerletzt Antiſemit; er iſt ein 
Chriſtlich⸗Sozialer, aber auch darüber hinaus gebt ibm noch 
ein anderes Ziel, dem er alle anderen Beſtrebungen dienttbar 
macht. Tas iſt die Freiheit und Zelbititändigfeit der evan— 
gelifchen Kirche. Dafür wirbt er, wo md wie er fan, 
dieſem Beſtreben unterwirft er jede andere Tendenz. 

Auch hierin hat er Tich Jagen laſſen müſſen, daß er cin 
„ſchlechter Politiker” ſei. Man erinnert ſich der jeharfen Ab— 
fertigung, die der Neichsfanzler dem bekannten „Hammerſtein— 
ſchen Antrag” ſofort nach jeinem Auflauchen im Abgeordnetenz 
hauſe widerfahren ließ. Nicht das, was er gegen den Antrag 

4 










Kucturkamspf  gefileffen wurde, benfelhe 
nad der Auffaſſung des Neichstazfers neu 
Selbftftändigkeit ber evangelifipen Kirche in ber 
wie “fie angejtrebt, ‚gilt nicht blos als Gefahr 
flo den. Frieden des Staate? mit der evängelifcen 
als ſchwere Konflicte heraufbeſchwörend, fondern mi 
neue Reibungen zwifchen den Gonfefftonen, -zwifchen 
wangeliüchen und ‚römischen Siehe und nicht weniger zuvi 
den Stante und den Ultramontanen provocivend. Es ift 
wieder, mag man fonft über den Autrag Hammerftein | 
wie man, .eine „ſchlechte Politik“, fagt man, die von van 
„Hochkirchlichen“ und „Hochlonjervativen“ getrieben wird. 
Kurz, Stöcker geräth überall durd feine Ideale in Konflict 
mit der praktiſchen „Politik.“ Dadurch ift feine Stellung un— 
haltbar geworden. Mag er als „Chriftlib-Sozialer” in cugeren 
reifen weiter wirken, er foll aber nicht mehr als politifcher 
Agitator die Zirkel Derer ftören, „die die hohe Politik machen 
und dieſe beffer verftehen, als er.“ Sy 
Herr Rößler fagt: ; 
„Unbefangene und ernſthaft denkende Leute haben die 
Frage aufgeworfen, ob der Erfolg, die hauptſtädtiſchen Ab: 
georbuetenfige den Händen der Demokratie zu entreißen, nicht 
jo werthvoll gewefen ſein würde, um alle Bedenken genen 
Herrn Eröder ſchweigen zu laſſen“ Darauf antwortet 
Nöfler: „Wer fi durch die Ansicht auf einen Angenblider 
erfolg von immerhin ftarker Wirkung nicht hinreißen läßt, 
der muß jedoch dabei bleiben, daß weder die Staatsregierung 
noch die nationale Mittelpartei Herrn Stöcker zum Banner: 
träger machen Dürfen, und nicht minder dabei, daß der kon— 






⸗ . 
— 
4; D 
Ute er ” 
—IXE 





“indem er fie bie Erfahrung maden läßt, daß es in 





nicht ohne ihn geht. Die confsrvative Bewegung ftürz 
zu bem stätus quo ante 1878 zurück. a, wenn fich jemanb 
an Stöder’3 Stelle jegte, der von einent gemäßigteren Stand» 
punkte aus mit demfelben Feuer in's Geſchirr ginge, dan. 
wäre Stöder ein gefchlagener Mann. Aber ein ſolches ‚Ber 
trauen zur Ahfraffung der Berliner Bewegung fehlt bei den 
Gegnern Stöders im Kartelllager ſelber. „Den Stöder find 
wir los, und bas ift gut — was aber nun?“ Die ftriften * 
Anhänger Stöders fragen, ob denn’ außerhalb der politifchen, 
fozialen und kirchlichen Richtung Stöders eine ſolche Hingabe . 
und zugleich ein folder Erfolgreichtfum in Berlin möglich 
fe. Die Politif aber in den Regierumgäfreifen giebt Berlin - 
preis, um das Kartellprineip für das Ganze zu retten. Für 
fie giebt es andere Gefihtspunfte, als die Nüdjichtnahme auf 
eine bloß Lofale Bewegung, jo ‚großartig es bätte wirken 
müſſen, wenn die Hauptitabt dem Terrorisntus dev Fortſchritts— 
partei hätte entwunden werden können, was jetzt nicht mehr 
möglich iſt. 

Ueber unſern Kaiſer und ſeine Beziehungen zu Stöder 
baben wir das Zeugniß des Grafen Touglas, der in feinem 
bekannten Vortrage jagt: 

„Sie wiffen, wie eine Verſammlung, welche bei dem 
jepigen Chef des Generalſtabes, Grafen Walderjee, abgehalten 
wurde, und an ber ber damalige Prinz Wilhelm Theil nahm, » 
ausgebeutet wurde, um den Prinzen in ber öffentlichen 
Meinung zu verdächtigen und ihn mit den politifchen Partei— 
beftrebungen hochkirchlicher Rreife, insbefondere mit denen Des 
Hofprebigers Stöcker zu identifiziren, und, wie ich ſehe, iſt 
dieſe Yegende auch zu Ihnen gedrungen, Alle diefe Werfuche, 
dem Kaifer cine perſönliche Stellungnahme zu Gunſten be: 















den Kaiſer foger “mit. der allen fd 
Verbindung zu bringen, jo ift auch dies eine 
ich auf das Beftimmtefte entgegentreten muß, Der 
ſich bewußt, daß er auch in biefer Beziehung auf einer he 
Warte ſteht, als auf der Sinne der Partei und - 
Preußen judiſchen Glaubens ſo gut feine Umterthanen 
wie die chriftlichen Preußen, — ergiebt ſich, 
ihnen in gleicher Weiſe, wie dieſen, allezeit feinen K 
Schub gewähren wird uud gewähten will. Ih darf tn bie 
Beziehung - auf eine der „Berliner Börjenzeitung* won 
trauenswirbiger Ceite zugegangene Mitteilung Bezug nehmen. 
Darnach. hat der Kaifer gelegentlich einer Unterredung äh” 
liche Anſchaungen geäußert, wie: 
„Ich kenne nur Baterlandsfreunde und Grgner unſerer 
gefunden Entwidelung. Niemand wird mir zutrauen, das. 
Nad der Zeit zurücjchrauben zu wollen. Im Gegeutheil, 08 
ift der Hohenzollern Stolz, über das zugleich edelſte und ger e 
reiftefte wie geſittetſte Volk zu regieren, Und in Dies Lob F 
ſchließe Ich Alldeutſchland ein. Unſere ganze Geſetzgebung iſt 
von humanen Grundanſchauungen diktirt. Wer dies verkennt 
und die Geiſter gegeneinander hetzt, gehöre er welcher Richtung 


immer an, bat auf Meinen Beifall nicht zu rechnen. Es . 
giebt wahrlich Erniteres zu thun.“ i 
Ter Vortrag des Grafen Tuglos hat vor feinet‘ Vers 4 


vielfältigung durch den Trud dem Kaiſer zur Durchſicht vor: 
gelegen. Ueber die Thatlachen, die er berichtet, iſt alſo nicht 
zu fteeiten. Man darf annchmen, daß der Kaiſer als Prinz 
dem Hofprediger Stöcker einmal näher geftanden babe, wie 
er ibm als Geiſtlicher gleich feiner erlauchten Gemahlin noch 
nahe ſteht. Tas ift eine Privatangelegenbeit, gerade wie bie 








. Seänteeid feien Sapehnnberte N x 

Selbſthewußtſein weit befler gefahren, als wir mit dem € 
nentheil,” die EljafsLorhringer hingen deshalb an Frantee 

‚weil biefes ihnen Die Genugthnng böte, eier mirfticen u 


Bropmadt amzugehören. * 
Graf Walderſte ift ein Gönner Stoders, ſeiner 
Gemahlin, die befanntlich eine Verwandte unferer Fb 2 
iſt. Auf Graf Walderſee werden viele Hoffnungen gefe 
Er ifi jept 57 Jahre alt. Graf H. Biemard si el 
als der Sohn feites Vaters, 
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uonssanuios aıpm ussioamiog Sajzasa3}10} urg "uassefoäypeu Fıuom um Juemz yoınp ınu 
ıayjles yey ‘azııdg aop ue 10J8eJ AH *aIg ‘uaytwasyuy aop usglei]L SIsnM seq 
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Mider das Stökerfhe „Dolk.“ 


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Von 
Earl Witte, 


Pfarrer an St. Golgatha - Berlin. 


3. Moſe 19,16: 
„Du ſollſt fein Derleumder fein unter 


deinem Dolf.“ 
i 


Berlin. 
F. Fontane 
1890. 











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felbft unmöglich geweſen wäre, wurde eben dieſe Thatſache felbit 
nur beftätigt. Mit Recht fagte daher noch naditräglih am 
16. Oftober z. B. die Zeitung „Germania“: „Wejentlich jind diefe 
Aenderungen, wie man fieht, nit; der warme Ton des Kaiſer⸗ 
fihen Trinkſpruchs wird durch diejelben um nichts herabgejtimmt.” 

Wie die Thatſache des Toaſtes nicht geleugnet werden kann, 
jo hier in vorliegenden Falle auch nicht die Thatſache des Briefes. 
So wenig wie es fi) dort um einen Phantafie-Toajt handelt, jo 
wenig hier um einen Phantafie-Briej. 

3) Die andere Thatfache, um welche es ſich hier Handelt, nämlich 
des Hofprediger8 Stöder Auftrag an Schneider Grüneberg, mid) 
öffentlich mit einer Verleumdung anzugreifen, jtand dem Gerichtshof 
auch ohne den Brief bereits feit. Aus dem Briefe ward nur oben- 
drein das entnommen, daß Hofprediger Stöder auch nad eigenem 
Geftändniß fi zu einer derartigen öffentlihen Bekämpfung eines 
anderen Paftors fittlich fühig gezeigt habe. 

Sogar wenn der Brief vom Gerichtshofe oder von mir er- 
funden, aus der Luft gegriffen oder erphantafirt wäre, würde die 
Thatſache des Stöder’ichen Auftrages nad) wie vor eine bemwiejene 
bleiben; der Gerichtshof würde eine nicht ſowohl „ſehr unfreund- 
liche” als vielmehr eine für Stöder jehr unrühmliche Sclup- 
folgerung auch dann auf Grund des ohnehin vorliegenden Materials 
gezogen haben. Einen phantajirenden Gerihtshof ſich aud nur 
zu denfen, iſt aber etwas Unvollziehbares. Und ein Märtyrer des 
Serichtähofes ift Hofprediger Stöder nicht geworden, eher der 
Gerichtshof ein Märtyrer Stöcker's und feiner ErfenntlichEeit. 


Das Bolf, Nr. 12, Beilage vom 15. Januar! 


„Heren Hofprediger Stöderd Erklärung, melde 
wir hier unten mittheilen, jcheint uns Herrn Baltor Witte 
die Pflicht!) aufzulegen, endlih dody einmal mit 
dem Briefe, mit dem er überall umberjpuft, 
an's Tageslidt zu fommen. 

Herr Hofprediger Stöder veröffentlicht folgende 
Erklärung: „In einem Vorwort zur zweiten Auflage 
jeiner Broſchüre theilt Herr Cremer mit, daß der be- 
Iprodene Brief, den ih dem Grfenntniß2) des 

erihtshofes gemäß an Herrn Paſtor Witte ge- 
ihrieden haben foll, aber nicht gejchrieben habe, 
in den Händen des Lebteren ſich befinde. Ich erfläre 
von Neuem, daß Herr Cremer damit eine Inmwahrheit 





— u 


Hofes. Die Behauptung bes Hofpredigers Stöäer, bakı ber „all 
Wirte” ihn nicht belafte, iſt daher minbehten: ober milbe gejagt 
eine durhaus unbegrändete. Mehr, als geichehen im, fonnte 
Stöder au vom Gerihtshof nicht geichigt werden Sich Tür 
feine Haltiofen Behauptungen unter Verunglimpfung Anberer noch 
auf den „Ernft der Sache“ zu berufen, das erſchwert allerdings 
die Berantwortlidfeit des Herm Hofpredigers Stöfer noch mehr. 
Uebrigens finden fi faft alle obigen Benbungen und Bindungen 
aus dem „Bolk“ dem Sinne nad gleichzeitig aud in ber Kreuz- 
zeitung fowie im Neihsboten, dazu zum Theil mit Stöcer'ſcher 
Unterſchrift. Gleichzeitig ſchreibt Stöder in ber Kreuzzeitung bemn 
aud ausdrücklich, dag ih das Publikum in die Irre geführt habe, 
und wagt bie Behauptung, bag von dem Briefe, aus welchem ich 
vor Gericht eine Stelle verlefen, som Gericht in jeinem Erfenntnig 
nicht geredet werbe, fondern bon einen anderen! 


Das Belt, Nr. 13 vom Mittwoch, 16. Januar. 

r Baftor Witte veröffentlidgte eine Erflärung, 
in — er noch immer das Vorhandenſein ſeines 
Briefes behauptet, von dem Herr Hofprediger Stöder 
in unferer Zeitung gejagt: er eriitire nur in ber 
Phantafie des Gerichtshofes. Herr Baitor Wirte iſt flug 

enug, zwei verihiedene Dinge zu untericheiden; es 
ft deshalb flar, daß er, nachdem es ihm gelungen 
ift, Herrn Gremerl, und die Nordd. Allg. 39 zum 
Beften zu haben, nun das geiammte Bublifum 
um Beſten?, haben möchte. ... (Daß das Deutſche 
ageblatt die Witte'ſche Erklärung aus der Nordd. Allg. 
abgedrudt, ohne fie zu leſen, überjteigt alles Dageweſene. 
Das Deutiche Tageblatt erklärt nämlich, unjer Wunſch, 
Herr Baftor Witte möge doch mit jeinem Briefe an 
die Oeffentlichkeit fommen, jei num erfüllt. Zum Beweiſe 
drudte es die Witte'fche Erklärung ab, in welcher diefer 
Herr den Brief nicht veröffentlicht). 

Das Verfahren des Herrn Baftor Witte ijt übrigens 
dem Konfiftorium) zur Beurtheilung unterbreitet.” 


Hierzu bemerfe ich: 

1) Mit Herrn Sremer habe ich feine Beziehungen, was ich mir 
weder als Vorwurf noch als Lob anzurechnen bitte. Derjelbe hat 
auch feinerfeits jede Anknüpfung von folden vermieden. In feiner 
Brofhüre ftand eine fir mich verfängliche und verdrießliche, bona 
de aus der Cremer'ſchen Brojhlire auch vom „Berliner Tageblatt” 











Gelegenheit „Stöders Sturz“, von dem Herr P. Witte 
ſchon manchmal in Freundeskreiſen geſchwärmt haben joll, 
beichloffen worden. Man dachte in den Enthüllungen*) 
die Waffe gefunden zu haben, Stöder abzuſchlachten. 
O beilige Einfalt!“ 


Der Beſuch des Herrn Dr. Blaſius war ein durchaus uns 
erwarteter, und glaube ich mir denjelben noch heute zur Ehre jhägen 
zu können. Meine Grflärung an die „Norddeutſche Allg. Ztg.“ 
war jedoch vom 12. Januar, jener Bejud) war vom 13. Januar Nach⸗ 
mittags. ch habe den genannten Herrn damals zum erjten und legten 
Male geſehen. — Daß id übrigens von Spionen und Agenten 
umgeben war, ſollte mir immerhin noch deutlicher werden. 


Nr. 27, Beilage. Freitag, 1. Februar 1889. 

„Witte gegen Stüder Gin äußerſt zuver— 
läjliger Gewährsmann theilt uns mit, daß Herr 
Witte nun auch bereits zwei Mal den Belud des be: 
kannten Herrn Grüncherg, der j. 3. der chriſtlichſozialen 
Partei gegenüber jo eine Art Serräther fpielte, dann 
aber jpäter um Wiederaufnabme bat, empfangen hat. Es 
muß wackelig itchen, wenn man icon die Hülfe To 
tadelloier engen. wie HerrGrüncberg einer it, braucht.“ 


Kinen zweiten Beſuch des Herrn Grüneberg empfing id 
meiner Erimmerung nad erſt in der zweiten Bälfte des März. 
Bis zum 1. Februar lag nur cin Beſuch des Herrn Grüneberg vor. 
Meine Unterredung mit ibm dauerte wenige Minuten. Es folgte 
meinevieit$ auch eine Anzeige hierüber an den Er. O.K. Nath 
‚ind von Seiten des Herrn Grüncherg gegen mich eine Beſchwerde. 
Yh babe nie seines Zeugniſſes „bedurft“, babe ihn als Zeugen 
bern Folge der Stöckerſſchen Beſchwerden mider mid ſowie 
em Bezug auf die am 9. Mai wirflich gegen mid beſchloſſene 
? 15;1Plinar Unteriudung allerdinas vorichlagen müjien. Herr 
Sruneberg hat, wohl unter dem Eindruck, melden die Herren Stöder 
ont 8 Sammeritein auf jein Gemiütbsichen erfolgreich mit „allem 
St und Gaben“ ausgeübt, jede Adlegung eines Zengnifjes über die 
ernten bes auf Seite 11 meiner Broſchüre mitgetbeilten Auszuges 

“nm Yan redet eben nur von „Entbüllungen‘, um ihren In» 

yull gu verpiillen und mid vor einem in völliger Unkenntniß gelaffenen 
“ezertsije uod, duzu womöglich zu verhöhnen. &o wünicht man meine 
rıfon zu tiefen ER 





tan 


„auch Hofprediger Stöcker's Verhalten jeitens der für 
„ihn zuftändigen Behörde, d. i. des Evangelien 
„berfirhenraths, einer Prüfung und Billigung oder 
„Mißbilligung unterzogen werde, Wir fügen hinzu, 
„daß es uns jehr fraglich dünkt, ob die oberite 
„Kirchenbehörde ji Kiefer Sade annehmen wird. 
„So weit wir unterrichtet find, fönnte e8 freilich 
„niemandem erwünfdter fein, als Hofprediger 
„Stöder. AMlein der Oberfirhenrath wird wohl 
„wichtigere Dinge zu thun haben als ſich mit folden 
„Kleinigkeiten, die nur in gemwiffen Köpfen als 
„weltbewegende Ereigniſſe jpufen, des Näheren zu 
„befaffen. Hält dagegen die „N. U. Ztg.” und ihr 
„Schützling eine Anklage gegen Stöder für erforderlich, 
‚jo bitten wir beide von Herzen, ihren Gefühlen feinen 
„Zwang anzuthun. Se flarer die „Richtigkeit der Hands 
lungen” der beiden Herren Stöder und Witte feftgeftellt 
„wird, defto lieber kann e8 uns fein.” 


Dan darf ſich über die intime Sprache keineswegs verwundern, 
fie ift nur der Ausdrud der intimen Beziehungen. Das „Volk“ 
weiß, was dem Hofprediger Stöder wirklich oder angeblich er- 
wünſcht ift, und das „Volk“ weiß vielleicht no mehr. Das 
„Volk“ hat nicht unterlaffen, den angeblichen „Kleinigkeiten“ einen 
grogen Theil jeiner Kräfte zu widmen und davan mit einer gewiſſen 
YViebhaberei für das Wörtlein „ſpuken“ ſich nod) weiter zu veiben, 
wie zunächſt aus nachfolgender Nr. 39 hervorgeht. 


Das Volk, Nr. 39, vom- 15. Februar 1884. 


„Zur Witte’fchen Haupt: und Staatsaftion.“ 


„Die Sade „Witte-Stöder” ift befanntlid) vor dem 
„Konſiſtorium abgejchloffen und dem Evang. Ober-Kirchen— 
‚rat zur Kenntniß!) mitgetheilt. Dabei jollten fich 
„nun zunäct die Menichen beruhigen und abwarten, 
„was fommt. Anftatt dejjen wird, uffenbar von einer 
„beitimmten Stelle aus, dieje widerliche Angelegenheit 
„in der ſchlechten Preffe ausgebeutet und mit [reden 
„Drohungen gegen Hofprediger Stöcker begleitet, die 
„geradezu an Wahnwitz ftreifen. 

„Da die „Nordd. Allg.“ den P. Witte unter ihre 
„ſchwarzen Seide genommen Ihat, und aud die 
„Kartellbrüder2) in der Sade drinjteden, wollen wir 
„wenigſtens ein Wort zur Ernüchterung der 
„rauſchten Feinde jagen. — Uns iſt e8 





— 1: — 


&. ON. unb durch ben am 26. März in meine Hände gelangten 
Verweis. Es iſt audı midst anzunehmen, bei ber Hebufteur des 
"sh nähere Beziehungen zu Commprum und Chrrfircenrao beben 
ivlite als Hofprediger Stöder. 

2, Die langwierige Karteliiehde har mir der ganzen Sache nider& 
zu ſchaffen. Uebrigens wollen Leuß. v. Dammertein und Stöcker 
iogar als die „geiundeiten“ Sartellverrreier gelten. 

3) Es war meine erjte Xeröffentlihung in der „Rord- 
deutihen Allgemeinen Zeitung“ erſt erfolgt, nahdem Hofprediger 
Stöder drei eigene Erklärungen gegen mich erlafſen harıc. nahdem 
ih in jeinem „Rolf“ verhöhnt, verbädtige und beransgefordert mar, 
nahdem Hoiprediger Stöder in einer Bolfsverrammlung veritedi 
und um jo wirfiamer die Gemüther auf mich bingelenft hatte und 
nahdem, wie dem Hofprediger Stöder bewußt war, ernfte Unter- 
redungen und Storreipondenzen zwiſchen Herrn v. Hammeritein und mir 
vorangegangen waren. Endlich, nahdem er ſich über mid be- 
ihmert hatte. Tas alles alfo in meinem Stande der Nothwehr. 

4, Der Brief iſt im Erkenntniß thatſächlich überhaupt nicht 
„batirt” worden. Dan operirt hier mit einer Fiction ımd ſucht 
Weiteres darauf aufzubauen. 

5, Die Nedaftion des „Bolt“ war bier an'chcinend unvoll 
!ommen iniormirt, ihnehmean, daß auch iie geglaukt bar, obiger 
Stöcker'ſcher Brief sei das „letzte“ Wort in der Morreivondenz 
gemeien. Huch für mande Männer dev Behörde, welche den ver 
jönlichen Gegenſatz des Hoipredigers Stöcker gegen mid wahr 
nahmen, waren wichtige Vorgänge zwiſchen Stöcker und mir eben 
zii unbefannt geblieben. 

6) Weil es nit nöthig und nicht geboten war, jo hatte ih 
nicht auch sofort den 5. Brief veröffentlihte. Wenn ich den— 
jelben veröffentlicht hätte und natürlid) aud) meine Antwort dara::r, 
ſo hätte ich einen Vorwurf wenn nicht geradezu verdient, doch 
wahrſcheinlich bekommen. Denn der Brief vom 25. April, welder nur 
angeblid für Stöder jpricht, ſpricht in Wahrheit und erſchwerend 
ſchon an ji gegen Stöder. Ich hatte eben der Verſuchung, diejen 
Brief alsbald und natürlid zugleich mit meiner Antwort*; zu 


*) Meine Antwort lautete nämlid: 
Berlin, 29. April 1389 
„Hochwürdiger Herr Hofprediger. 
„Ev. Hodwürden fage ich für Ihr letztes geehrte Schreiben vor 











1 go 


„opportumiftiichen Zeit nicht in Betradt. Auch in bem 
„Werkzeugen ift man nicht mählerifd. 

Fur Beute damit genug! Eins fei nur noch her⸗ 
„borgehoben. Bezeichnend bleibt, dat fein anderer im 
„weilen deutſchen Baterland joviel Feuerproben zu be 
„stehen hat, wie der eine Stöder. Mit einem werthloſen 
„Metall würde man fi) garnicht foviel Mühe geben. 
„Nur das edle Gold fucht man immer reiner zu läutern. 
„Und je Eräftiger man das Eifen unter, den Hammer 
„nimmt, deſto jchneidiger und Ichärfer wird die Klinge. 
„Barum fönnen auch Stöders Freunde, durch deren Reihen 
„in diefen Tagen mandmal ein gerediter Groll gegangen 
„nein mag, getrojt fein.” 


So meit dad „Volk“. — Zu bemerken ift: 

Amtlih war vom Königlihen Konfiftorium zwar mir mitge- 
theilt, was an Hofprediger Stöder verfügt war, nicht aber dem Hof⸗ 
prediger Stöder das, was an mid) verfügt war. Um fo befremd- 
fiher war e8, daß darüber in die ftöderfreundliche Preſſe dennoch eine 
Kunde gelangte, aber minder befremdlih, daß die gegen mid 
auszubeutende Kunde entjtellt wurde. Die Verfügung des König⸗ 
fihen Konfiftoriums lautet alfo: 


„Rönigliches Stonfiftorium Berlin, 31. Januar 1889. 
„der Provinz; Brandenburg. 

„Ew. Hochwürden ermwidern wir ergebenſt auf Ihre Anträge 
„vom 10. und 16. d. Mts., betreffend den Pfarrer Witte an der 
„biefigen St. Golgatha-Kirche, daß wir nad) Anhörung des eben: 
„genannten und Prüfung der Sache zu einem disziplinarifchen Ein- 
„Ihreiten gegen den Pfarrer Witte feine genügende Veranlaſſung 
„gefunden haben. 


An 
„den Herrn Hof: und Domprediger Stöder 
Hohmürden 
hier. 


„Die eingereichten Schriftſtücke erfolgen anliegend zurück.“ 


„Dbige Abfchrift erhalten Ew. Hochehrwürden auf Ihre Berichte 
vom 22. und 25. d. Mts. zur Kenntnißnahme mit dem Bemerfen, 
daß mir e8 loyaler gefunden haben würden, wenn Sie mit der 
Gorrefpondenz aus dem Yahre 1885 auch zugleich den uns in Ab- 

rift vorgelegtan Brief des Hof- und Domprediger8 Stöder vom 





M 


Kunde som bichem Monitum amtlich efnmmen bat, das „Wolf“ fie 
bekommen babe Amilih leide me Anbaltlih Habe ich 
mm zipar einen inbirefen ÜprmurT erpalıen, jedoch ausidlieg- 
lich weil ih nit auch noch einen Brief vom 28. April 1885 der» 
öftemlicht hätte Das ich cher cin Lob megen ber Ridtveröffent- 
lichung verdient härte, frellte fich erft jpüter in Folge meiner 
Beröffentlihung der dem Hofprebiger Stöcker meinerſeits gegebenen 
und von ihm verihmiegenen Antmort heraus. Stöcker hatte 
mich in Verdacht gebradit, etwas tendenziös verjchwiegen zu haben, und, 
was er mir mit Unredgt norwerfen „läßt“, thut er jelbit mit vollem 
Bewugtiein Das iſt aber ſehr gravirend, um jo mehr, da er durd) das 
mBolf“ überhaupt nur cinen Brief non ſechs Briefen zur Mit- 
theilung bringen „ließ“. Lehrreich itt und nor falſchen Schägungen 
bemahrend, bat ich der einen Behörde zu wenig und der anderen 
zu viel in ber Veröffentliching gethan hatte. Der Diffenius der 
Behörden Hilft ſchũtzen vor Aberglauben 

Der Gerichtshof hatte die Inhaltsangabe der non mir verleſenen 
Briefitelle in zwei verſchiedenen, dem Simme nad beide Male 
mweientlih richtigen Faſſungen gegeben Nun bat Hofprediger 
Stöder jede derbeiden afjungenals.Rhantaiichriet“hezeichnet, 
1 dat eigentlich der Gerictähnt bicrnad vermäge Seiner Vbantaſie 
; wei „Phantatiebriefe? geiharen börse. Es bedart nun freilich 
nicht erit eines anihemend erntibaitten Beweiſes, dab 
„Khantafiebriefe” nicht eriftiren; nid: amei, ribr : auend exiſtiren; 
felbit wenn man einen ganzen Citenbatnjag in Gedanken mit 
„Phantaſiebriefen“ füllen wollte, eriitiren mürde dennocd nidr einer, 
venn ein „Phantaſiebrief“ — iſt eben cin Phantaſiebrief. Gin 
„Bhantafiebriej” iſt ein Nichts, Fatz weniger als Nies, nur dag er 
moraliſch ihlimmer als Nichts, nämlib eine Shuld und cin Zeichen 
futlihen Defefts ein fann. Es muß dann Ser emmittelt und feit: 
geftellt werden, der für das mirflibe oder angedliche .Phantaſie— 
Broduft” verantwortlich fein würde, wenn überbaunt Ausdrücke 
wie „Phantafie-Brief“ und „Phantaſie Produkt“ bier nur ange: 
bradt mwären. 

Aber der Zerth auch des Verfabrend muß feiracitelt bleiben, 
nach welchem die wejentlih richtige inbaltsangabe einer Brief 
ftelle fouverain al3 „Phantaſiebrief“ verdädtigt wind. 

Den Brief, weldyer ihrem Erkenntniß zu Grunde gelegen, jollen 
nun die fünf mehr oder minder angeblich pbantafirenden Herren de 


— — 








— we 


werden, mus Deiner Schär ur immeriets — 
‚Eirr:r’ichrie ze Beirideen, ze zur 
ut rii:2 D2 mE m rıe Art zrıg m. za be: 
irızıer, I: ee. een Goch: 
iirerg getien: iziz. älerlerz: x:&: 


Serichachof derartige Berwärke uud Juimmstisers ja erheben. 
Sollte nım der Gerideibet deu Firet zu bei Ict: 1878 Isger 
irrıyinmlic und ansdradiic veriegt Sauber. wa: indeiizrleineimwegs 


gatichehen it, ie ware amd Dieter erwaize \rcchzm er cm 


r: irgend; — er — —— — xS 
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— 57 278. 
mir > am ch 







al⸗ ER ne — 











— — — miele. Das ern 
Lebens zu befämpvien im der Sage 
is objektiv nichtig wie tie join mag. Yoheir 
ten allertings zugleich die Benuaunz cm: 


cem bderielbe Zeuge noch 'chreibt. des er i * \ztr: Dorder 
einem IRanne wie Grüneberg mit anged.: 38!:8:= Grunde 
geiagt haben fönne, io itt es das in Forge N einer x —— 





feit gemachte Zugeſtändniß emer mesles 
darin das Zugettändmig der Möglichkert. Der ——— in iötinmen 
Verdacht gebracht zu haben und dem Grãncder für Nice & 

mindeftens vorbildlich geworden zu tar Seivrediger Städer, 
wer mn thatjächlid wit und mie „in NT Ya ‚nd " * 
Beröffentlihung der obigen Gejchichre bez. Nr von Bel 





























Das Bolf, Nr. 50, den 238. Februar. 
„Blinder Eifer 


„beginnt die großen und feinen Gegner Stöders zu er- 
„ranen Sie haben die Sehfraft verloren Manche 
„wijjen ihon nit mehr, was lie thun“ 

„Was treibt fie eigentlih, täglid) lauter Stöcker's 
„Zunz zu fordem? Die Bitteihe Sache nimmt 
„beute feiner mehr ernſt. Selbſt die „Rord- 
„deutſche Allg. Ztg.“ bat jie endlich redht gewürdigt. 
„Bitte war mır dad Streihholz, daS die lang ge- 
„plante Hege in Brand jegen mußte. Der Grund 
„liegt tiefer. Man jieht in Stöder den Feind des 
„Kartells. Das Kartell ijt die Loſung für die nft. 
„In ihm allein joll das Heil liegen. Alſo der luß: 
„Stöcker muß gefällt en.’ 

„Allein dieje Anfiht, auf der man den Radepları 
„aufbaut, ift falſch. Stöder jelbjt ſpricht es in der 
„legten Nummer feiner Sirchenzeitung aus, daß „alle 
„vernünftigen Menſchen Heutzutage für ein ver- 
„nünftiges Kartell jind.” Oft genug bat er öffent: 
„Äh einem gefunden Kartell das Wort geredet, 
„stärker, als mander feiner ?reunde. Nur jener an: 
„maßenden Willfür, wie fie gewiſſe Sarteflbrüder in die 
„Berliner Bewegung Hineingetragen, durfte und fonnte 
„eriih nit fügen. Er wäre nicht mehr der Held 
„mit dem „Yömenmuth” und dem Nüdgrat von Eiſen 
„geweien, der er iſt, wenn er jenen unverſchämten 
„Forderungen der Minderheit und den gejinnungslofen 
„Anfihten der mittelparteilihen Preſſe hätte weichen 
„wollen. Nur ein Feigling weiht vor Drohungen, 
„nur eine Miethlingsjeele verleugnet vor Ber: 
„ſprechungen. Bleiben die unedlen und unreinen 
„Manöver aus dem Spiel, dann iſt Stüder ſtets zur 
„Unterjtügung der Ntartellpolitif bereit. Somit 
„aber giebt's fein Verſöhnen, und wenn die Welt 
‚Darüber unterginge.” 

„Freilich im gegenwärtigen Augenblid find Mieth— 
„lingsſeelen gern gejehen. Sraftvolle*) und jelbjtjtändige 
„PBerfönlickeiten find unbequem. Und dem Zeitalter des 


*) Allerdings halte ic) den Schneider Grüneberg für weniger „Eraft: 
voll” al8 den Hofprediger Stöder, auch für weniger „jelbjtftändig”, ſchon 
darum, weil Stöder der Beauftragende und Grüneberg nur der Beauf: 
tragte war. Ich habe Herm Grüneberg ſtets doc nur für den zweiten 
chriſtlich⸗ſocialen Partei-Löwen gehalten, fo weit das Jahr 1878 in Betracht 
fommt. C. W. 





— 


„ob das ade ber das im legten Hintergrunde doch als 
„die treibende Kraft hinter dem allen fteht, dabei beffer 
„jahren wird, das bleibt abzumarten” 

„Aber jo erwünscht eine endliche — oielen er- 
„Seinen mag, eins ift bei diefem öffentlichen Unfug, mie 
„wir ihn jegt feit mehr als Fahresfrift ſich abſpielen 
‚Sehen, tief bedauerlih: Die ſchnöde Behandlung mwahr- 
„haft künigstreuer und ernſt chriſtlicher Männer. 8 
„handelt fih ja in diefem Streit nicht um die Perſon 
„Des einzelnen Stöder. Stöder weiß, was jene offiziöfen 
„Streber nicht wiſſen, daß es in diefem heiligen Kampf 
„für die Errettung des Vaterlandes, den Schuß des 
„Königsthrones niemals auf die eigene Perfon anfommen 
„darf. Aber mit ihn follen all die taufende treuer deutfcher 
„Männer getroffen werden, die gleih Stöder in ihrem 
„Glaubensbekenntniß entjchieden, in ihrer Königstreue un- 
„bedingt, in dem Stampf gegen die inneren Feinde voll 
„heiligen Zornes find. Da man in einer Zeit, im 
„welcher der Umfturz weithin um fich frißt und die zwei— 
„epfige Internationale, die goldene und die rothe, be- 
„denklih das Haupt erhebt, ſolche Männer, die für 
„Kiche, König und Vaterland jeden Augenblick das 
„Herzblut zu laffen bereit find und viele taufende in 
„gleicher Richtung begeiftern, niederwerfen will — das 
„wird den Beften im Yande unverftändlich bleiben.” 

„Was hat er denn gethan? — jo fragte gejtern ein 
„konſervativer Mann, als von den Abſichten gegen Stöcker 
„nie Nede war. Ja, was hat er getan? Es iſt weir 
„gekommen, wenn man die Männer vergewaltigen will, 
„nie nichts gethan haben, als ſich für ihren Gott und 
„ihren König in die Breiche zu ſtellen!“*) 


Der Schreiber obigen Artikels wußte allerdings, was er that. 
„Streichholz“ Hin, „Streichholz” her, „vernünftiges“ Kartell hin, 
„vernünftiges“ Kartell her ſammt Stöcker'ſcher „Unterjtügung” des: 
ſelben — auf das Alles kommt es eben überhaupt hier nicht 
an. Man will ablenken. Hier handelt ſich's ausſchließlich um 
Fragen ſittlichen Kernes. Eines Kampfes für die Errettung 
des Vaterlandes hat es nicht bedurft, am Wenigſten des 
Stöcker'ſchen, angeblich „heiligen“ Kampfes. Man ſollte ſich 
hüten, ſo unnöthige Bereitwilligkeiten an den Tag zu legen, als ob 
man jeden Augenblick bereit ſei, ſein Herzblut zu laſſen. Wer ver— 


* Anm, Hofprediger Stöcker hat doch nicht etwa aus Königstreue ger 
ſagt, daß ich mit „meinem Briefe“ das Publikum zum Beſten gehabt. C. W 

















I 


Angelegenheit Stöfer-Witte anfcheinend Authentiiches zu berichten. 
Hierdurch; gewinnen nämlid alle Berdächtigungen eher Glaubwürdigkeit 
und Bedeutung Das Blatt hofft, indem es die Beweggründe aller 
Gegner Stöders verläftert, alle guten Menfchen in das Stöcker ſche 
Lager binüberzuführen. Das Blatt verjäumt aber, bei der Sadhe zu 
bleiben, als ob Stöder im Dienſte Gottes feine „Erklärungen? über 
Phantafiebrief und deögleichen abgegeben und das „Wolf“ im Dienfte 
Gottes jeine charmante Sprade rede. 

Alle vorjtehenden Neußerungen des „Volk“ fallen noh vor das 
Erſcheinen meiner Brofchiire und beweiſen jchon allein, wie ich auf jede 
Gefahr hin dazu fchreiten mußte, über meinen Konflikt mit Hofprebiger 
Stöder durch eine Brojhüre öffentlich mid) zu rechtfertigen. Dies 
war der einzige Weg umd das einzige Mittel, da von dem Epan- 
gelifhen Oberkirchenrath, wenn auch nit auf Grund zus 
reichender Kenntnig der Thatjadhen, meine an ſich unbedingt 
nöthig geweſenen Beröffentlihungen in der Norddeutichen Allgemeinen 
Zeitung vom 12, (14.) und 16, Januar 1889 mit einem Berweiſe 
bejtraft worden, da ferner ein mwejentlicher Theil des Berweijes im 
den Zeitungen verſchiedenſter Richtung veröffentlicht war, und „Volk“, 
„Kreuzzeitung“ und „Neich3bote”, unzugänglid; für meine etwaiger 
Einjendungen und Berichtigungen, unausgejegt am Werke meiner Ver— 
leumdung arbeiteten, ja, mit ihrer „hriftlichen Weltanfhauung” es 
zu vereinbaren mußten, dab fie mehrere, wenn nicht alle zur Be— 
urtheilung der Sachlage fürihre Lejer unerläßlichen Schrift» 
ſtücke, infonderheit vier bis fünf Briefe, ihren Lefern vorenthielten. 
Der DOberfirhenrath hatte mich nicht geſchützt, hatte 
wiederholte Anträge auf Unterfuhung aus gewifjen ihm 
zureihend erjhienenen Beweggründen abgelehnt und mir 
fogar einen Verweis ertheilt — nahdem id) auf bösartige 
Verunglimpfungen hin endlid mid jahgemäß bertheidigt 
hatte. Died war außerdem in infamer Weife entjtellt und gegen 
mich ausgebeutet worden. So war es recht und es wird recht bleiben, 
daß ich meine Brofchüre gejchrieben habe; die Art, wie ich dieferhalb 
behandelt werde, kann mir weder Recht geben noch nehmen. 

Hätte ich mit der Broſchilre nicht recht gethan, jo würde ich fie 
eben nicht gefchrieben haben. Wer fie verfteht und dennoch ver— 
urtheilt oder verurtheilen möchte, jpricht fich ſelbſt damit fein Urtheil. 

Die Behandlung der Sache litt an der difparaten Art des Verfahrens, 
Gegen Hofprediger Stüder kann eben das Konfiftorium nicht vorgehen, 








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Hal 
in 


ir dem Vergleich ber angebliche: 

des Gegenfages — mindeflens berabge zogen 
fet hier der obigen „Bolf*- Dysphemte mır einfach 
die apuitolifhe Euphemier „Was it Ins für em 


J 


— 


Inzwiſchen wurden am 4. Mai gegen Abend die erſten 
plare meiner Brojcüre: „Mein Gomflift mit Gef und Demprediger 
Stöder“, Berlag vom Fontane, Berlin 1989, vernuigußt: Air dem- 
fefben Abend, meines Erachtens ehe fie gelejen jeim fonnte, murbe am 
Sdlug des Blattes umter den neueften Dreätberidten im 
Solt⸗ Nr. 185 für 5. Mai Folgendes veröffentlicht: 


Das Bolf, Nr. 105. Sumtag, den 5. Mini 1588, 


Neue ſte Drabtberichte.‘ 

„Die Schrift von Baſtor Witte 
„Stöder {ft joeben erichienen. Ein flůchtiger Dur 
Ei da es fich um eine Schmähſchrift niedrigfter 

rönumg , um eine Schrift r 
„das Schickſal Bitte’s beſiegelt. Bar Paſtor Witte 
xfarramtliche Stellung ſchon ubmelim 
chũttert, wird fie nunmehr ihr Ende finden, daran 


Beiläufig bemerkt jind die Ausdrüde Maſſe“ und Maſſen⸗ 

‚inne immer wiederfegrende geivorden, find aber im Grunde une Bürgers 
u Sprade, Richt die Maffen, fondern die Bölter, 
und im ben Boltern find die Einzelnen Objekt der Wairheitsverfürns 
tft zum Sie nicht einmal ein deutihes Wort. E Wi 


i 








ichkeit wendet. 
innen, dieſe Thatfache der Henttenz 
„mit einem Berweiſe beftraften 
eines neuen Berfahrens zu * 
wir zweifeln nicht daran, daß das gejhehen m 


— 
—— — Manier 


Be EHRE Stöder als den Berfafjer a 


Das De fein 
ichten Stöders ein —— — 
aber die ‚ Redaftion des „Boll* it fontraftm 
Zunab6 len Seiten. 


” 


a a Sadıe vor der —— use Veit & er 








u 


eine fehr andere Empfindung, und zwar befinde id} mid; mit der- 
jelben in guter Geſellſchaft. Jeder Verfuchung des Haſſes“ bin 
ih dem Hofprediger Stöder gegenüber jeit 6. Auguft 1885 entrüdt. 

Allerdings bin ich „der Erſte“ thatjächlich gewejen, ich Habe 
mid) aber nicht al3 jolden bezeichnet. Im Gegentheil habe ih auf 
Frage des Rechtsanwalts Mundel ausdrüdlid und mit Recht jede 
Beziehung zur fogenannten hriftlich-jogialen Bewegung, aber überhaupt 
jede Abfiht einer politiihen Führung verneint. Wenn id 
indeffen im Prozeß es ausgejprochen haben würde, daß nicht von 
Stöder, fondern zuerft von mir und in einer wirflid jozial- 
demofratischen Verſammlung fogar nur von mir der mir angebotene 
Kampf aufgenommen worden fei, jo hätte ich hiermit nicht Unrecht 
gethan. Ich würde danıı nur mein Recht auf ein Stüd perjön- 
lichen Lebenserwerbs geltend gemacht haben, und hätte, injofern von 
„Ruhm“ einmal geredet werden möchte, objektiv oder academilch 
betrachtet allerdings do noch mehr Anfprud; auf einen wirf- 
lihen Ruhm gehabt als Stöder auf jeinen legendarijden. 
Dennod Habe ich nichts der Art geltend gemacht, jondern im 
fchlichter Nede und in Gegenwart des Zeugen Stöder nur ge= 
antwortet nad) einer Richtung hin, nach welcher hin Rechts— 
amvalt Muncdel mid) befragte. Die Tendenz meiner Worte ift 
jodann die gemejen, dag ich mit Anerkennung von der Haltung 
einer Berfammlung aus dem Jahre 1876 gejprochen habe. Der 
Stöder'hen Agitation dagegen twırde von Anfang an, und 
wie für den Tieferblieenden von vornherein klar war, ihr zum 
unentrinnbaren Unjegen die Yegende, in manchem Munde jogar 
eine „Lügende,“ eingeimpft, Hofprediger Stöder jei der 
muthige „Held“ gewejen, der angeblid; al3 Erfter hier in Berlin 
der Sozialdemokratie in einer ihrer eigenen VBerjammlungen am 
3. Januar 1878 entgegengetveten jei; von diejem ihn nur an 
gedichteten Ruhm zehrt er bis heute, und doch war derjelbe 
von Anfang an nur auf Flugjand gebaut. 


Noch folge zum Schluß der „VWolk“-Mittheilungen Nachitehendes 
aus Nr. 107 vom 8. Mat 1889: 

„In der That ift die Witte'ſche Schrift eine Selbjt- 

le ihre8 Verfaſſers; jomeit wir Stöcker 

„eennen, wird er ihr nur em brüderliches Mitleid 

„widmen. Mitleid muß man in der That mit dem Ber: 

„saffer haben, den der Haß jo verblendet hat, daß er 

















ER 


Kurz, aber jchlecht bezeichnete man jpäter dieſen Vorgang, fi 
aus einer Stöderfhen Beſchwerde und einer ummmgänglichen 
behördlihen Zurückweiſung derjelben zuiammenjegend, im „Reichs⸗ 
boten“, dort der Wahrheit in's Angeſicht jchlagend, al3 angeblicher 
Feind aller „Wortflauberei”, als erſte gegen mich eingeleitete 
Disziplinarunterfugung. Soließ man Stöder'iche Beichwerben 
und behördlihe Maßnahmen in einander fließen. 

Man nahm dabei eine ernithafte, anicheinend Fromme Miene an 
wie im Dienfte einer vielzitirten „chrijtlihen Weltanſchauung“ 
und führte fo eine Menge rechtſchaffener Leſer irre. Eine 
Sprade wurde hie und da in jtöderfreundliher Preſſe geführt, 
als ob zweifellos Seitens der Ffirdlihen Behörden und zwar auch 
recht prompt nicht anders, als wie prophetiich vorausgejchrieben 
jei, merde entidieden werden. Dem Begehren und Drängen des 
„Heros“ follten nit fluge Königliche Behörden, wenigftens auf 
dem Gebiet der Kirche, zu Dieniten ftchen? Die Sprade war hin 
und wieder eine ftarf anpochende, ja recht ungeduldige. 

Der Freiherr v. Hammerjtein bez. die Kreuzzeitung hat früher 
und genauer al8 ich die Nachricht von der gegen mich bejchloffenen 
Disziplinarunterjuhung befommen. Er iceint auf meine Koften 
mit übertriebener Söflichfeit von irgend einem „Wiſſenden“ informirt 
zu fein. Weder iſt v. Hammerttein Konſiſtorialrath noch iſt die zeitige 
Kreuzzeitung ein offizieller Konfiitorial-Anzeiger. Wohl aber iſt der 
Freiherr v. Hammerſtein der Mann, welcher al$ mein neriönlicher 
Gegner fi erwieſen hat durch feine Jntimität mit meinem perfön- 
lihen Gegner Stöder. Er hat es mit jeiner Standesehre und 
ſeiner Journalijtenehre — wohl ohne Anklang iomohl bei den 
deutichen Freiherren wie bei den Vertretern der deutihen Preſſe — 
für verträglich gehalten, über die ihm anpertraute und hödhjit 
loyal mit ihm erörterte Zeitungserflärung dergeltalt als über jein 
Eigenthum zu verfügen, dag er diejelbe meinem periönlichen Gegner 
wenigſtens al$ vermeintliches Anflagematerial und als Grundlage 
jeiner Befchmerde beim Königlichen Konfijtorium übergab. Derfelbe 
betrifft, jtet8 dafür gehalten, da& nicht nur der Untergebene dem Vor⸗ 
geſetzten ſondern auch der Borgejegte dem Untergebenen ein beftimmtr “ 
Maaß amtliher Achtung ſchuldet, und dag namentlid ein Borgefi 
doppelt feine Pflicht verlegt, wenn er fränfende Aeußerungen r 
begründete ſachliche Vorausſetzungen nüpft. 





























Eine — einen — —— 
esiftirz nar in Ler Ehanıc’ie- — 


Der Aeichsbote für 6. Augchı 155 Stade Zuges: 


_ „Te inʒwüchen weiter aut; Zuiater heben 


gegen Stöder eine Rolle "pielte, gar ridr 
eriftirt.” 

Die „Freie Zeitung” bradyte am 6. Auguit 1%%5 Folgendes: 

„Tas „Chritlih: Soziale Kerreisontenitiam Sn Me 
„inzbetlung, bag Ler Brier Ziiger: 3 * 
„zTLTE, der in dem Yrszes eine Kell 

„geibielt hat gar nicht eriizire. 
„Blatt beihuldigt den Yatzır I: 
„eides und zwar des wiflentlihen Meineides: Sa: Ns 
„Paſtor Witte einen Theil jenes Briefes in der 
„Berhandlung verleien! Herr Mitte mird herauf 
„oie Antwort nicht ichuldig bleiben.“ 

Unter dem unmittelbaren Gindrud dieſer drei Aus: 
fajjungen war es, daß meine Frau mir jagte: „Du haſt ibn jegt 
in der Hand, verdirb ihn, jonjt wird er Tich zu verderben trachten.“ 
Was anders konnte und jollte das heigen als eben dies, dag ich das 
heilloje Treiben des Hojpredigers Stöder gegen mid nunmehr endlich 
entlarven müſſe, um daſſelbe unihädlih zu machen! In welchem 
anderen Sinn hätte dies gemeint ſein können? Wenn ich als Mein— 
eidiger geächtet war, jo mußte nun der betreffende Verleumder 
geächtet werden. Dahin ging die Erfenntnig und die Empfindung 
eines Weibes. 

Seit der Beit konnte es ſich meinerjeit3 gegenüber dem Hof- 
prediger Stöder nicht mehr um amtsbrüderliche Empfindungen jondern 


























ea —— 


üben, und wird gerne auch ſelbſt einem Gegner thunlichſt Lange 
ſchonen, ehe er feine Bolltraft gegen ihm geltend macht. Er wird aner- 
fennen, dab es nicht „weibiihe” Schwachheit war, wenn ich bis 
zum Aeußerſten Schonung gegen einen bitteren Gegner übte, 
wiewohl e8 auch immerhin nah Schwachheit ausjah. Diefem Schein 
der Shwadheit wird aud der Berfafjer als Chriſt fih unter Um⸗ 
ftänden ſchon auszujehen fähig jein. 

Abſichtlich Lafje ich eine Aeußerung aus jehr anderem Lager 
folgen, nämlich ein Urtheil des „Kladderadatidh”, ob vielleicht etliche 
Nachfolger derer, die ſich einft „jelbit vermaßen, fromm zu fein“ und auch 
heute noch „ſich obenan ſetzen“, für ihr fittliches Urtheil und ihren 
Lebensernft bei diefem „Witblatt” in die Schule gehen möchten. 

„Erſt ftand Stöder contra Witte, 

„Dann ergriff das Wort als der Dritte 
„Der Herr Freiherr von Hammerftein, 
„Jetzo ftellt als die Vierte ſich ein 
„Witte's getreues Eheweib; 

„Rückt dem Freiherrn ſtark auf den Leib, 
„Zeichnet den Stöder ihm im Moment 
„Nur fo dahin, daß erjchredt er erfennt 
„Die Züge, die ihm theuer find. 
„Sagt ihm jelber denn noch geichwind 
„Allerlei deutlich ins Geficht, 

„Läd' ihn länger zu bleiben nicht, 
„Sondern madt e3 ihm freundlich leicht, 
„Daß er den Storridor erreidt. 


„Wenig erquidlic iſt diefer Streit, 
„Der nun währt ſchon lange Zeit. 
„But drum ift, was feiner gemeint, 
„Daß ein Wejen in ihn ericeint, 
„Daran ein unparteiiiher Mann 
„Wohl feine Freude haben kann.“ 


UAuch aus Brivat:Aeußerungen eine Probe, da fie zugleich ein 
Denkmal alter Freundſchaft ift. 
„Der Pfarrfrau, die jo underzagt 
Tem fchlauen Feind die Wahrheit jagt, 
Die ihres Mannes Ehre jchügt, 
Daß Herr dv. Haınmerftein abbligt, 





























BR — 


Rentners oder eines vor der Zeit unthätigen Penfionärs 
verächtlich ift, fo ift andererfeits das Beben Derer, welche 
Tag für Tag in der großen Werkftatt des modernen 
Ermwerbslebens thätig jein müſſen, ohne (faum den Sonn— 
tag audgenommen) auch nur einmal im Jahre auf eine 
längere Friſt ausruhen und verjchnaufen zu können, freude- 
108 und fchlieglich unerträglich. Das ewige Gleihmaß 
der Tage muß einmal unterbrochen werden; die Arbeit 
foll uns ein Segen, eine Freude, nicht ein Fluch er- 
fcheinen. In der weiſen Abmwechjelung zwifchen Arbeit 
und Erholung ift wohl in lektem Sinne die menſchliche 
Glüdfeligfeit begründet. 

Das mag wohl auch ein Grund mit zu der Neigung 
5 Streiks fein. Den Arbeitern erjcheint es verlodend 
ih einmal von dem ewigen Einerlei loszumachen, fi} 
ſelbſt Ferien zu ——— 

Das Verlangen iſt ein berechtigtes bei Jung und 
Alt; und es wird in dem deutſchſocialen Zukunftsſtaate 
erfüllt werden. Es iſt durchaus erwünſcht, daß jedem 
Arbeiter ein Maß von wenigen Wochen Ferien zugebilligt 
wird. Unter „Arbeiter“ verſtehen wir aber natürlich 
alle Arbeitenden, alle, welche für die Geſammtheit mit 
Kopf, Hand und Fuß thätig ſind. Wir durchbrechen die 
ſocialdemokratiſche — und ſtellen die wirk— 
lich demokratiſchen Lehren von der Gleichheit 
aller werthſchaffenden, mitarbeitenden Staats— 
bürger auf: 

Jedem Ehre, Jedem Preis! 
Ehre jeder Hand voll Schwielen, 
Ehre jedem Tropfen Schweiß, 
Der in Hütten fällt und Mühlen! 
Ehre jeder naffen Stirn 
Dinter'm Pfluge! Doc) aud) deijen, 
Der mit Schädel und mit Hirn 
Emſig pflügt, fei nicht vergeſſen! 

Die verhält fih der Staat zu jolhem Ferien-Recht? 
Er bleibt vielfad) hinter den gerechten, hinter den mäßigften 
Ansprüchen zurüd. 

Nicht als ob nicht der Herr Staatsjefretär für die 
Poſt und Telegraphie und der Herr Eijenbahn-Deinifter 
ihre ausreichenden serien hätten — und auch die Dienft- 
reifen werden leicht zur Erholung — und desgl. die 
Herren Räthe oberer — Aber wie ſteht es 
mitdenunteren Beamten, welche tagaus, tagein in 
die Amtsſtube und an das Schalter gebannt find? 

Ihnen wird ihr Rect auf Erholung ver— 
fümmert; und wenn die Sadje auf dem Papier mand- 





Be 


Flagge der „guten Sache” in Kurs gegeben. Wer in ber Praris bes 
Lebens jteht, kann fich nur ſchmerzlich berührt fühlen, daß ernithaften 
Befjerungen die Wege durch ſolche Ausfchreitungen verbaut werden. 
Dr. Paul Förfter ift meines Erachtens ein aufrichtiger Enthufiaft, und 
liegt mir jede unfreundliche Gefinnung gegen feine Berfon durchaus fern. 
Aber er ergänzt fein politifches Programm noch durch den ihm als 
Ideal geltenden Vegetarianismus. Sein vegetarianifch-antijemitifch- 
deutfch-nationaler Zukunftsſtaat müßte eigentlich auch vegetarianijcher 
Speifegefege nicht entbehren, und das deutjche Reich Könnte fich zu 
einer großen, nur antiſemitiſch-koſcheren Volksküche herrlich entwideln. 
Les eströmes se touchent. Daß ein antijemitifher Führer fich jo 
mit den „Semiten” berühren muß, aud in feiner Weife fofcheres 
Eifen mit einer Art religiöfer Färbung für die Gefundung der 
Nation anzuempfehlen! 

Dr. Paul Förjter ließ fih im Auguft 1888 dem Reichstags— 
fandidaten Holg gegenüber aufitellen. Aus Bodum 12. Januar 
1890 fchreibt die „Bermania” vom 15. Januar: „Unfer Wahlkreis 
wird in einer Weiſe ummorben werden, wie fein zweiter. Im 
Schügenhofe hatten auf 4 Uhr (Sonntags, C. W.) die Antifemiten 
eine Berfammlung anberaumt. Herr Dr. König eröffnete diefelbe. 
Als nad langem Lärm endlih Ruhe herrichte, ertheilte er dem Ne: 
dafteur Leuß aus Berlin das Wort zu dem Bortrage: 
„Wen jollen wir wählen?“ Derfelbe, oft ſtürmiſch unterbroden, 
war natürlich der Anficht, daß mır die Deutfchnationalen (die Anti- 
femiten) „die rechten Yeute ſeien.“ Leuß blieb nun hiermit nur in der 
Konſequenz des früheren Gtöderblattes, nämlich des Deutichen 
Boltsblatts, einer Metamorphofe des Chriftlich-jozialen Korre— 
ipondenzblatts. Denn jchon damals zum 30. Auguſt 1888 ward 
Dr. Paul Förfter im Gegenfag zu einer jo anerkannten Perjünlicjfeit 
wie dem Direktor Holg als chriſtlich-ſozial antiſemitiſchen Reichstags— 
Fandidat empfohlen. Das war für den Berliner 6. Reichstags: 
wahlkreis gejchehen. 

Mit Bezug hierauf erging ein Aufruf, u. A. unterzeichnet von 
Konſervativen als ſolchen wie Geheimrath Engelfe, Lehrer Stolbe, 
Dr. Bellermann, Rechtsanwalt Raegell, Major a. D. Scheibert. In 
diefem Aufruf hieß es noch im Öegenfak zur Kandidatur 
Baul Förfter: „Neu auf dem Kampfplat eriheint die 
„Bartei der Antifemiten, fie betont ihre Anhänglichkeit an Kaiſer 
„und Reich, leichten Herzens aber zerjplittert jie die Krı 





Zug 


zuerst im Jahre 1878, zum zweiten und nicht zum legten Male 
im Augujt 1888 eine verhängnigvolle Spaltung in den 6. Reichstags⸗ 
mahlfreis hineingebracht. Wer Herrn Holtz gejehen und gehört hat, 
begreift es, daß er über 17000 Stimmen hat befommen fünnen. 
Als er nun abermals in Frage fam, wandten fi) Antifemiten und 
Ghriftlih- Soziale gegen ihn; die Gefammtjumme von mehr als 
17 000 Stimmen minderte ſich auf etwa 8000 herab. Damals befragt, 
hatte ich erklärt: fein guter Förfter fällt ein grünendes Holz. Ich 
hörte und jah Hol nur einmal. Als Mann der Prariß gewann er 
Herz und Gewiſſen der Zuhörer, fih nur an die edlen Regungen der 
Zuhörer mwendend. Es war eine durdaus Heiljame Candidatur, jo 
wie 10 Jahre früher die unbeftrittene Candidatur Hoppe eine durch— 
aus heiljame geweſen wäre. Nie habe ich z.B. die Arbeiterfrage 
mit folder Einfiht, Vorſicht, Umficht, Gewiſſenhaftigkeit, Erfahrung 
und Wärme von einem Sachjfenner öffentlich erörtern hören, wie von Holt 
und ehedem von Hoppe. Nun ilt das Wort „Kartell“ ein ftreitiges 
geworden. Bon der Parteien Gunft und Haß verwirrt, ſchwankt 
jein Charafterbild in den Tageszeitungen. In unjerer Politik fommt 
andererjeit8 Feine Partei thatfädhlich ohne Kartell aus, mag nun das 
ort gebraucht werden oder nicht. 

Dies jage ich nicht, um eine politiiche Frage politisch zu erörtern. 

Ein anderer Gefihtspunft iſt mir bier der wichtigere. 
Stöcker und von Hanmterjtein jammt Yeuß erflären ſich nämlid) auf's 
Eifrigſte al eigentliche Kartellfreunde und für ein angeblid) 
„geſundes“ und für ein angebliches vernünftiges Nartell, bringen 
im Namen des Chriſtenthums und der Treue möglichſt Vieles unter 
dieien Gefichtspunft und zeigen ſich empört über jeden „Kartellbrud”. 
Es fomme ihnen nur darauf an, einen Miiſchmaſch zu befämpfen und 
der Berdunfelung der confervativen Ideale zu wehren. Su ijt es 
dahin gefommen, fie als jogenannte Extrem -Conjevvative oder Hoch— 
fivdhliche oder Grtrem-Orthodore zu bezeidnen. Nichts ivriger 
als das. Der 6. Reihstagswahlfreis ijt der Gegenbeweis. 
Inter dem „gejunden” Kartell meinte man ein Nartell Stöcker'ſcher 
Obſervanz, ımd dies angeblich „geiunde Kartell“ war nur ein 
ungejundes Duodlibet oder auch ein pſeudoconſervatives Nagoüt 
verjciedener Richtungen, für welches Hofprediger Stöder ſich 
zum verborgenen, aber um fo verantwortlicheren Oberkoch ſelbſt bejtell* 
hatte. Ya, auch ein Unterlafjen von feiner Seite war hier ein Begeher 
Der 6. Reichstagswahlkreis Frankt jeit 1878 an Stöder. Ohne 





ae 





‚Die Tyrannei des jüidijch-fortichrittlichen Ringes länger zu ertragen 
„und fein mwidermärtiges Siebäugeln mir der vom Judenthum ebenfalls 
„durchſetzten Sozialdemofratie ruhig mit anzujehen, ein Kartell aller 
„jener Elemente, bei welchen die Ueberzeugung Wurzel geichlagen 
„hatte, daß das jüdiich-freifinnige Mancheſterthum lediglich die Un- 
„zufriedenheit nähre und daher der Sozialdemokratie in die Hände 
„arbeite. Daher Hatte die Berliner Bewegung niemals einen 
„befonderen Barteiharafter, fonnte einen folden auch garnicht 
„haben; denn diejenigen, die ſich zu ihr befennen, jegen fih aus 
„Anhängern der äußeriten Rechten und aller Parteijchattirungen bis 
‚zur Außerften Linken zufammen; jelbft alte Fortſchrittler und 
„Sozialdemokraten fehlen nicht unter ihnen. Der Antifemitismus 
‚noar eben der neutrale Boden, auf dem ſich diefe heterogenen 
„Elemente zufammenfinden konnten zur gemeinjamen Arbeit.” 


Und der Kreuzzeitung paßt e8 am 13. Dftober, zu jagen: „Bon 
der hriftlich=jozialen Partei ift die Berliner Bewegung ausgegangen, 
die in ganz Deutjchland den tiefiten Eindrud gemadıt hat.” 

An anderen Stellen wird gerade in der „Kreuzzeitung,“ ent⸗ 
iprechend ihren mechjelnden Zweden und Zaftifen, dem Hofprediger 
Stöder eine nur lojere Beziehung zur „Berliner Bewegung“ zu: 
geſchrieben. Wie es eben paßt. Thatſache ijt, daß Stöder jeinen 
politiihen Salt, abgejeben von einigen gern oder ungern zu ihn 
haltenden, von ferne her auch noch leichtgläubigen Nedactiomen, 
iwejentlic in der Nerbindung und Verquickung ſeiner Chriſtlich-Socialen 
mit den Antifemiten bat. 

Mit Bezug auf die Namens des Vereins für Zocialreform von 
Grüneberg im Stöckerſchen Auftrage berufene jogenannte Eisfeller: 
verſammlung vom Januar 1878, welche befanntlich mit einer wilden 
ſocialdemokratiſchen Reſolution abſchloß, jagte er nad Tieben Jahren 
am 16. Nuguft 1885 bei einem Eisfeller: Sommerfejt jeiner Partei: 
„Hier ift die hrijtlich joziale Partei am 3. Januar 1578 geboren... 
(88 waren zwei Weltanſchauungen, die jih da zum eriten Male 
gegenüberftanden: die chriſtliche und die atheiftiiche, des Yichts und der 
Finſterniß, von denen die eine in die Höhe, die andere in die Tiefe 
„Jeht.“ 

Noch am 3. Januar IS8d ſchrieb dev „Reichsbote“: „Ein ver: 
ulteter, fubalterner, militär-frommer Ronfervatismus verhinderte ſtets 
allen Aufſchwung. Sobradte mancs über müßige Klager 

















Parteien mit ihrem oft jo Fläglichen Wechſel von Hoffnungen und 
Beforgniffen, nicht jelten von Fall zu Fall, bliebe ausgeſchloſſen. So 
ein rechtes Binden und Löfen, religiös, fromm, ſtaatsmänniſch, 
patriotifch zugleich, und daS sunm cuique unjerer Hohenzollern, dem 
Geifte nach als Loſung auch in anderen Landen anerkannt, würde 
in noch wachjendem Maaße ein Quell des Yriedens und des Gegens 
werden. Ein erleuchteter Patriot und ein geborener Preuße, z. 3. 
in dem Reich8lande, jchreibt u. A. Folgendes: „Cine Seite der 
pofitiven Union fämpfte jchon feit längerer Zeit (mit Herrn 
„v. Hammerftein) für eine Umgejtaltung der unirten Kirche, daß die: 
„ſelbe weniger durch den Staat gezügelt und bejorgt, ſich Fünftig aus 
„ſich ſelbſt regierte . . . und ein mächtiges, präctiges, alles 
„leitendes und begeiſterndes „Kirchenregiment bringt.“ 

„Der eifrigſte und wichtigſte Vorkämpfer dieſer Partei war bisher 
„Hofprediger Stöcker, in welchem viele ſchon einen neuen Reformator 
„oder noch was Höheres ſehen. Er ſollte die abtrünnige grobe Welt 
„chriſtlich machen und die Kirche vom Staate befreien; aber er hat 
„Jahre lang eine angeblich chriſtliche Politik und politiſches Chriften- 
„thum gepredigt und betrieben, daß auch auf dieſe Art das Chrijten- 
„thum vermeltlicht und die Kirche auf gründliche Verftaatlihung hin- 
„gelteuert würde. Stöder war unter diefen Kämpfen zum General 
‚einer Partei geworden... . 


— —— 


Da nun aber P. Witte, wie es ſcheint, in beſter Freund— 
ſchaft, anſtatt eines Paſtors lieber einen Laien der Partei 
zur Wahl ins Parlament vorſchlug, damit P. Stöcker 
ſeinem Predigtamte nicht noch mehr entzogen würde, ſo 
nahm das P. Stöcker übel und wurde dem P. Witte in 
einer ſehr bedauerlichen Art abgeneigt. Das Fann man 
in dem Büchlein lejen, wie es zugegangen. Der Ob. 


„ſelbſt verſchwinden würde, ergreife aber gern die Gelegenheit, 
„Ew. Hochwürden ausdrüdlid) zu erflären, da der Staatsregierung 
„Der Gedanke völlig fremd ift, für die Preußiſche Landeskirche 
„Propaganda machen oder dulden oder fonjt wie das Bekenntnis 
„und die Berfafjung der altlutherifchen Länder beunruhigen zu wollen. 
Der Minifter für Lauenburg. 
In Bertretung: C. Werther. 
An 
den Superintendenten des Herzogthums Lauenburg 
Herrin Brömel Hochwürden 
in Rateburg. 








— 1 — 


Der Redakteur des „Volk“ als Stöder’iher Mitarbeiter und 
Nachzügler hat von juriftifcher Seite bereit hören müfjen, daß jeine 
jeßige Ankündigung, ſolche „Gerüchte gegen mid geltend zu machen, 
für eine Drohung zu erachten fei, Leuß hat's als Beweis jeiner 
Friedensliebe gedeutet. 

Die Dinge müffen cben fo reifen. Die Zeitung „Das Bol“ 
führt einen an fich fo ſchönen Titel. Es ift beklagenswerth, daß folcher 
Inhalt unter ſolchem Titel eingefilhrt wird. Es ift befannt, wie das 
Blatt überhaupt ftarf darin ift und es auch anderen Perjünlichkeiten 
gegenüber bewieſen hat, daß es fi mit Anzüglichkeiten am Nächften 
zu vergreifen verfteht. Das Blatt hätte feinen Namen nur von irgend 
einer, der Redaktion des bisherigen „Volk“ geiftesverwandten Volks⸗ 
fhiht entnehmen follen. Heute aber führt das Blatt feinen, wie 
gejagt, an ſich jo vorzüglich Herrlihen Namen „Das Volk“ nur nad 
Analogie des bekannten Wortſpiels: „lucus a non Iucendo.“ Und 
wir rufen ihm zu: „Bis hierher und nit weiter!“ — Denn: 
„Du folft Tein Berleumder fein unter deinem Boll.“ 3. Mof. 19,16. 


Anhang umftehenb. 





Betrifft pag. 80 Zeile 17 von unten: 


Berlin, 22. März 1889. 

Hohem Evangelijchen Oberfirchenrath 
habe ich bereit in meiner Beichwerdefhrift gegen den Herrn Hof- 
prediger Stöder vom 25. Februar ganz gehorjamft gemeldet, daß der 
frühere Bertraute des Herrn Stöder, der Schneidermeifter Grüneberg, 
mich aufgeſucht hat, um mir gewiffe Mittheilungen zu maden, daß 
ih es aber abgelehnt habe, mich mit demfelben außeramtlich in 
Verbindung zu ſetzen. 


Bor wenigen Tagen hat derjelbe weiter ein Schreiben an mid) 
gerichtet und mir ausdrüdlich geftattet, Abjchrift davon zu nehmen. 


Da das fragliche Schriſtſtück nebſt Anlagen Mittheilungen enthält, 
melche für meine Beſchwerde über den Herm Stöder von maßgebender 
Bedeutung zu fein fcheinen und melde hochwürdigſtem Evangeliſchen 
Obentirchenrath zum Theil bereit vorgelegen haben, fo glaube ich 
nicht unterlaffen zu dürfen, daffelbe zu den betreffenden Akten ein- 
zureichen und dabei meine ganz gehorfamfte Bitte zu wiederholen, 

Hochgeneigteft den 2. Grüneberg über feine betreffenden Be- 
hauptungen eventuell zeugeneidlic) zu vernehmen und zur 
Vorlegung der Originale der fraglichen Briefe aufzufordern. 


Die Anklage, welche der Herr Grüncherg gegen den Herrn Stöder 
erhebt, will nicht weniger beſagen, als daß Herr Stöder ihm gegen: 
über einen falfchen Eid geleijtet, und würde deshalb durch bloße 
Jgnorirung in dem vorliegenden Berfahren in feinem Falle ihre Er: 
fedigung finden. 


Zugleich verjehle ich nicht, dev Hohen Behörde eine fernere 
Nummer des, jo viel ich weiß, don Herrn Stüder gegründeten, no: 
toriih zur Dispofition des Herrn Stöder ftehenden Blattes „Bolt“ 
und zwar 67 vom 20. März zur hochgeneigten Kenntnißnahme ehr: 
erbietigft vorzulegen, wobei id) noch bemerfen will, daß dieje Nummer 
auch in meiner Gemeinde weit iiber den Abonnentenfreis hinaus, mit 
einer von der Geſchäftsſtelle der Zeitung ausgehenden, gehorjamft bei: 
gefügten Anlage verbreitet worden ift. Died Heitungsblatt ergiebt, 
daß und in welcher gehäffigen Weife der Herr Hofprediger, des ſchwe— 
benden Verfahrens ungeachtet, die öffentliche Polemik gegen mich fort: 
ſetzt und mich abermals in demonftrativer Weife probocirt. Daß dies 


— 9 _ 


in feinem Blatte unter dem Schilde der Anonymität gefchieht, dürfte 
die Gehäffigfeit des Vorgehens noch fteigern und jeden Vorwurf aus- 
ſchließen, wenn id mich derartiger Angriffe erwehrt Habe und erwehre. 


Mit vorzliglicher Ehrerbietung verharrend Hohen Evangeliſchen 


Oberkirchenraths 
ganz gehorſamſter 
C. Witte, Pfarrer. 
Evangeliſcher Ober⸗Kirchenrath. Berlin, den 29. April 1889. 
Nr. 2267. EO. 


Auf die Vorftellung vom 22. März d. %., betreffend ben Hof- 
und Domprediger Stöder bier, ermwidern wir Em. Hochehrwürden, 
nad Einſicht der Alten des hiefigen Königlichen Landgerichts I über 
die im Jahre 1885 verhandelte Strafſache wider den Redakteur Baecker 
und nad Prüfung des Sachverhalts, daß wir einen ausreichenden 
Anlaß nicht haben finden können, die von Ihnen angeregte Ungelegen: 
beit in eine weitere amtliche Behandlung zu nehmen. 


Hermes. 
An 
den Herrn Pfarrer C. Witte, 
Hochehrwürden 
hier. 


er 





— nsverlag von £. Fontane in Berlin W, 








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Die Entiheidung 


über bie 


Sutwürſe zum Wationat-Dentmal 
Kaifer Witbetm 


bon 


Dr. Georg Bop 


Prloutbopent der Kunſigeſchichte an der Aöniglichen Techniſchen Hochſchule 
zu Berlin, 
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— —ñ— 


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x rs * 


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W. Moefer Hofbuchdruckerei, Berlin B. 





Mein Conflict 
mit Berrn 


Bof- und Pomprediger Störker. 








Mein Conflict 


mit Berrn 


Bof- und Dompreviger Sfürker. 


Eine Rechtfertigung und ein Appell 


bon 


Carl Witte, 


Pfarrer an St. Solgathja. — Berlin. 
T. Zaufend. 


1. Petri 412: „Es ift aber Zeit, da das 
Gericht anfange am hauſe Gottes." 


6) 


Brrlin. 


% Fontane. 
1889. 


Seren nn 





Nachdruck verboten, 
Ueberſetzungsrecht vorbehalten. 


Dena von & ©. Hermann in Benin — 








Ginige Tage nad) dem Erfcheinen der Broſchüre des Herrn Landtags- 
abgeordneten Cremer war in der Abendausgabe der „Kreuzzeitung“ 
Nr. 4 vom 3. Januar 1889 als Theil einer „Erklärung“ des Herrn 
Hofpredigers Stöder folgende, zuvor in feinem Blatte „Das Volk“ 
erſchienene Veröffentlihung zu lefen: 


„Wenn Herr Cremer zu dem traurigen Mittel greift, mich durch 
einen Theil des Erfenntniffes in dem Prozeß Bäder zu verbächtigen, 
b hat er damit fo wenig Glück wie jeder Andere, der diefen gewagten 

eg bejchreitet: Der Fall Witte, den er anführt, — mich nicht. 
Zur Beweisführung in demſelben diente dem Gerichtshof die 
Ausfage eines Zeugen und ein Briei, den ich geſchrieben haben 
follte. Da der Zeuge von dem Gerichtshof) felbit als ein „nicht 
klaſſiſcher! bezeichnet worden iſt, jo Fällt fein Zeugniß weg. Der Brief aber 
erijtirt überhaupt nur in der PBhantafie des Gerichtshofes, 
damit werden auch für jeden Einſichtigen die allerdings ſehr unfreund- 
lichen Schlußfolgerungen hinfällig, welche der Gerichtshof an die ver- 
meintlihe Thatfache geknüpft hat." 


Am anderen Tage ging ich nach der Redaftion der „Kreuzzeitung“ und 
überreichte folgenden Brief nebjt Erklärung: 


„.. . Nun muß ih alſo in der Sache, die zunächſt zwiſchen den 
Herren Eremer und Stöcer ſchwebt, dennoch auch meinerfeits das Wort 
nchmen. Demgemäß bitte Ew. Hoc: und Wohlgeboren ih um Auf— 
nahme beifolgender Erklärung: 

Den Konflikt mit dem Hofprediger Stöder würde ich meinerfeits 
it wieder angeregt haben, bin nun aber br denfelben gezwungen, 
jet Die Se ganz klar zu legen. Um deswillen befchränte ich mich 
be auf die kurze Bemerkung, daB der vom Herm Hofprediger Stöder 
nn abgeleugnete Brief dennoch eriftirt und fich in meinen Händen 

efindet. 

Berlin, den 4. Januar 1889. 

G. Witte, 
Pfarrer an St. Golgatha. 


Anftatt dag nun meine Erklärung am andern Tage in der „Kreuz⸗ 
zeitung“ gejtanden hätte, erfchien Herr Freiherr v. Hammerjtein im 
Laufe des Bormittags in meiner Wohnung. Ich war nicht zu Haufe. Meine 

*) Der Gerichtöhof beitaud aus den Herren Sanngeriheöhitetter eh 

9 


als Vorſitzenden und den Landgerichtsräthen Öpvert, v. Makomaski und Gral 
Strachwitz. 








BI 


„Turch Herm Raitor Witte's Erflärung würde ich aber Skandal 
in die Welt bringen, und das muß id) vermeiden.“ 

„So? Skandal in die Welt bringen? Durch meines Mannes 
Erklärungen? Ich dächte, Skandal wäre ſchon genug vorhanden; eritlic) 
durch das Auftreten des Herm Hofprediger Stöder felbit und fodann 
durch jeine Erklärungen.“ 

„Aber warum hat Herr Paſtor Witte denn nicht nor drei Jahren 
im Prozeß Stöder-Bäder dieje Brieigeihichte gemadht? Daß er e3 jet 
thut, iſt doch Unſinn.“ 


„Nein, das it fell" Ees iſt vielleicht nur für Herrn Hoi⸗ 
prediger Stöder unbequem. w._ " Unfinn, fondern nur rüdfichts- 
vollfte Schonung gegen das geiltlige . IH an meines Mannes 


Stelle hätte es nicht gethan. Ich habe damals vor drei Jahren zu 
meinem Manne ungefähr jo gejagt: Zu Hajt den Mann jeßt in der 
Hand; verdirb ihn! Sonſt wird er Dich zu verderben trachten. Aber 
mein Mann übte immer und immer wieder — Hätte Hofprediger 
Stöder jet in jeiner gegen Cremer gerichteten Erklärung meinen Mann 
nicht angegriffen, jondern geſchwiegen, dann hätte mein Mann ja gar 
feine Veranlaliung gehabt, ihm entgegenzutreten.” 

„zer vom Gerichtshof erwähnte Brief lautet aber doch anders, 
als der Brief, den Sie befigen.“ 

„Run, wenn die Hexen vom Gerichtshuf in der mündlichen 
Wiedergabe aud) den Wortlaut verändern, jo bleibt der ftagliche Bri 
doch immerhin derjelbe. Gemeint ift von allen Betheiligten der Bri 
mit der Kandidatur Sue und dent Grüneberg’ihen Auftrag. Und 
der Brief exiſtirt! — Wenn id) nun einen Brief abjchreibe und made 
dabei jtatt eines Semifolon ein Komma oder umgekehrt, dann ijt der 
Brief auch wohl nicht mehr derſelbe?“ 

„Nein, es ift dann ein anderer Brief!“ 

„Werden Sie nun die Erklärung meines Mannes aufnehmen, 
oder nicht?“ * 

„Ja, dann muß ich erſt das ganze Aktenmaterial ſehen.“ 

„Herr Freiherr, ich glaube, wir beide haben in dieſer Sache nichts 
mehr zu verhandeln. Adieu.” 

h „Ich darf wohl durch dieſe Thüre direkt auf den Korridor 
eben.“ 
a „Denn Sie die Güte haben wollen!” 


Hierauf ging nod) in meiner Abwejenheit nadjtehendes Schreiben 
des Herm von Hammerjtein ein: 


Ew. Hochwürden 


teile ich in Verfolg der Unterredung, welche ich vor einer Stunde mit 
Ihrer Frau Gemahlin hatte, ergebenſt mit, daß der Hofprediger Stöder 
auf meine Aufforderung, ſich zur Sache zu befennen, folgendes fchreibt: 


Pajtor Witte hat von mir drei Briefe aus dem Jahre des Pre 
zeſſes 1885. Den im ee angeführten Brief aus dem % 
1878 kann er nicht haben, da i mie) nicht erinnere, damal“ 
geihrieben zu haben. , 


2 







sügihes Shnibe Cr. Sodwluhen hefe 
ee 
Veröffentlichen wollen, fo fügen a ice ei 


Rückficht auf diefe Erkläru 8 wi ne 
umt, Seheigun be Brlefes von a u 
IS Semeeke tod. dah Ic 1i0 3 Ihe Makmriung nah van BRAD 
er in der R schen bin ” 7. 
Hochachtungsvoll 
Freiherr von Hammerſtein.“ 
Auf dieſen Brief begab ich mid), obſchon es Sonnabend war, nod 
zu ihm. Ich erbat noch einmal die Aufnahme meiner E— 
f . Herr Freiherr von Hammerſtein behartte bei feiner Reigerumg. 
Schließlich kamen wir überein, ich jolle erſt einen Brief von ihm ab— 
warten, ehe ich weitere Schritte unternähme, 
Diejen Brief erhielt ih am Montage darauf, 7. Januar, und es 
entſpann fich folgende Korrefpondenz: 


Berlin, den 6. Januar 1889. 


Ew. Hochwürden haben mir aus Veranlaffung der gegen bie 
1% Gremer'sche Brojhüre gerichteten Weröffentlichung des Hofpredigers 
Stöder in No. 4 der Kreuzgeitung auch Ihrerſeits eine Erklärum 
v Abdruck überfandt. ch habe diejelbe nicht veröffentlicht, weil in d elben 
Behauptungen enthalten find, welche nach meiner genauen Kenntniß ber 
— Vorgänge io als mit der Wahrheit in Widerſpruch ehem erachten mu. 
— Gremer hat in feiner Broſchüre die „Rüuckſichtsloſigkeit“ und „ 
j ſucht“ Stöder's mit der Behauptung zu begründen Veh, daß derfelbe 
wicht einmal das alte Wort: „clericus clericum .non decimat“ ] , 
Diefe Behauptung ſtützt Cremer lediglich auf den Wortlaut der 
fenmtni nbe aus dem Erkenntniß im Prozeß Bäder, welden er in 
ber enſſcheidenden Stelle wörtlich abdrudt. In diefer — ung 
bes Gerihtshofes wird nun behauptet, daß Stöder vor den Reich— 
fagswahlen des Jahres 1878 an Sie einen Brief gejchrieben habe „in 
dem er Ihnen mittheilte, daß er Sie befämpfen und fallen laffen würde, 
wenn ©ie bei der Aufftellung des Hoppe verhartten.“ 
Allein gegen diefe Behauptung des Gerichtshofes be— 
ai — wendet ji) die in Rede ſtehende Erklärung 
er’s. 



























j s Mahrheit lautet diefer Brief Stöder's an mich na 57 n 

FERNER ang Bergl. el 88.‘ ! — itle. 
Auch dieſes Datum iſt ein anderes in dem betreffenden 

v8 mal. Geile 35. G. Bitte, 










2 — 


Nichts motivirten Stöderihen Infinuationen durch die 3 
— (Hegenerflärung unwahr ſei, eine neue Belei 
zugefügt. ö 
T den Stöder-Bäder'ihen Prozeß ift überhaupt nur eim 
zur Grörterung gezogen und zwar der Brief, aus dem ich ein Stüd 
lefen habe. Taß diefer Brief aus dem Sabre 1878 — ein ta 
achthundert und acht und fiebenzig — batire, darüber it von mir 
Wort in den betreffenden Verhandlungen gejagt, jondern nur, dak ber 
felbe ih af die Wahlverhandlungen im Jahre 1878, die Kanbibalue 
Hoppe und auf einen dem pp. Grüneberg ertheilten Auftrag beziehe, 

Bon einem anderen Briere kann nur mißveritändlid) die Rede Ti 
Es handelte ih ja damals nur um die Beweisirage, ob Stöcker dem 
Des den Auftrag, mich öffentlich anzugreifen, wirklich ers 

eilt habe. 

Aus Rüdjicht auf den geiltlihen Stand habe ich in jenem Prozeß 
den Herrn Stöcder mit der äußerten Schonung behandelt, obfhon er 
mich auf das Empfindlichſte beleidigt hatte, indem er ausgeiprengt, daß 
ich mid) durch Geſchenke habe beitinmmen falten, jüdischen Yenten — dem 
verftorbenen Kommerzienrath Cäſar Wollbeim -— Titel zu verichaffen. 
Ich habe jedoch nicht die Abſicht, weitere beleidigende Inſinuationen des 
Herrn Ztöder ſtillſchweigend paſſiren zu laſſen. Taß mir für meine 
(Erklärung jedes Berliner Blatt, viellenbht mit Ausnahme von zweien, 
offen jtebt, darüber werden (Av. Hoch- und Wohlgeboren nicht zweifel— 
baft jein. Nichts deſtoweniger werde ich noch zwei Tage auf Abre 
definitive Erklärung warte. 

(83 handelt ſich auch beute für mich nicht enva um „Revanche“, 
fondern nur um nachbaltigen Zeug augen die iortdauernden Inte 
finuationen und Verdächtiqungen Zeitens des Herrn Stöcker, von denen 
ich kürſlich noch anderweitig eine ſehr charakteriitiiche Probe er— 
halten habe. f 

Hochachtungovoll ergebenit 


(8, Witte, Pfarrer an Zt. Golgatha. 


Berlin, den 11. Januar 1889, 
(ip. Hochwürden 
mache ich anf Die beifolgende Notiz der Kreuzzeitung aufmertiam und 
bemerkte zugleich ergebenit. daß ich eine weitere Vermitilung in der 
Sache mininehr ablebne, nachdem mir Stöcker mitgetbeilt bat, daß er die 
Angelegenbeit dem Konſiitorium unterbreitet bat. 
Hochachtungovoll 
Freiherr von Hammerſtein. 


Eingelegt war Die, Kreuzzeirung“ Ar. 17 ven Freitag. ill. Januar, 
enthaltend nachſtehende „Rotiz“: 


Zur Eremerſchen Broſchure. 

Hoiprediger Stocke erſucht uns. mi Vezug auf seine gegenüber 
der Broſchüre des Herrn Eremer abgegebeurn Erk!ärung zu fonttatiren 
- was übligendo für auftmerliame Leier ſich von ſelbit ergiebt — daß 
unter dem von ibm envahnten „nicht klaiſiſchen geugen Herr Brines 
berg nud unter dem ans dem Erkenutniß citirten Brieic cin lediglich 





— — 


auf Ten beruhendes, niemals vorhanden gewejenes Schreiben aus 
dem Jahre 1878 gemeint it. Ein anderer Brief als diefer wird in dem 
Erkenntniß an der betreffenden Stelle überhaupt nicht angeführt.”) 


Hiernach antwortete ich Herrn Freiherrn v. Hammerjtein wiederum 
mittel eingejchriebenen Briefes. 


„Berlin, den 12. Januar 1889. 
Em. Hoch und Wohlgeboren 


darf ich nicht unterlajjen, auf das geehrte Schreiben vom 11. d. M. er⸗ 
gebenjt zu erwidern, daß ich Sie in meinem Konflikte mit dem Hofs 
prediger Stöder nicht um eine ER ung in der Sache“, aud) nicht 
um eine Gefälligfeit, fondern um die Erfüllung einer preßgejeglichen 
Verpflichtung erjucht habe. 3 

Dies Grruchen wiederhole ich auch jeht, da ich mich nur ungern 
entſchließe, die Grfüllung dieſer — 9— zu erzwingen. 

Wenn Herr Stöcker die „Angelegenheit dem Konſiſtorium unter⸗ 
breitet hat“ jo iſt mir dies ſehr angenehm, da ich ſchon lange eine gründ⸗ 
lihe Auseinanderjegung gewünſcht habe, doch wird mich dies nicht ab- 


halten, meine — jekt in Etwas zu modifizirende Erklärung in einen 
anderen Blatte abdruden zu laſſen. 
Hochachtungevoll 


C. Witte, Pfarrer.“ 


Hiernach hatte ich mich darein finden müſſen, daß für meine Gegen- 
erklärung mir eine Verzögerung vom 4. bis 14. Januar, in einer ſolchen 
Sache nicht3 Geringes, erwachſen war. Denn nun fonnte eine bes 
tihtigende Gegenerflärung erjt am Montag, den 14. Jannar 1889 Abends, 
zur Veröffentlichung gelangen. Da die „Kreuzzeitung“ mir ihre Spalten 
zu einer Berichtigung verſchloß, To mußte ih mich mit diefer an die 
„Norddeutſche Allgemeine Zeitung” adrefjiren, und zwar um fo mehr 
gerade an bdiefe, als ich felbit den Schein zu vermeiden wünfchte, als 
ſuchte ic) die Unterftügung einer dem Herrn SHofprediger Stöder 
prinzipiell feindlihen Bartei und Preſſe in Anfpruch zu nehmen und 
für mich zu gewinnen. 

Meine Berihtigung in Nr. 22 der „Norddeutſchen Allgemeinen 
Zeitung” hatte folgenden Wortlaut: 


„Gelegentlich einer Polemik mit Seren Gremer bat Herr Hof 
— Stöcker ſich veranlaßt geſehen, auch meiner wieder Erwähnung 
au thun. j 
€ Die fragliche Erklärung, welche znerſt in dem Blatte „Volk“ vers 
öffentlicht und demmächit auch in der „Rreuzgeitung” (Nr. 4 von 3. d. M. 
Abends) abgedrudt worden iſt, lautet wörtlich: 


ESo hinkt erit am 11. Januar Herr ‚Hotpaebiger Stöder jelbit mit ber 
angeblichen Interpretation nad), daß er einen Brief vom Jahre 1878 „ge 
meint“ habe. 








a, 


„Wenn Herr Cremer zu dem traurigen Mittel greift, mich durch 
einen Theil des Erfenntnitjes in dem Prozeß Bäder zu verdädhtigen, 
fo hat er damit jo wenig Glück wie jeder Andere, der dieſen ge: 
wagten Weg befchreitet: Der Yal Witte, den er anführt, belaftet 

ich nicht. Zur Beweisführung in bemfelben diente dem Gerichtshor 

die Ausfage eines Zeugen und ein Brief, den ich gefchrieben haben 
ollte. Da der Zeuge von dem Gerichtshof felbit als ein „nicht 
ab bezeichnet worden ift, fo fällt fein Zeugniß weg. Der 

Brief aber eriftirt überhaupt uur in der Bhantafie des Ge- 

ten damit werden auch für jeden Einfichtigen die aller: 

dings ſehr unfreundlichen een erungen hinfällig, welche der 

Gerichtshof an die vermeintliche Thafſache geknüpft hat.“ 

Meinerfeit3 würde ich diefe Epifode aus den Brozek Stöder wider 
bie „Freie Zeitung” nicht wieder mobil gemacht haben, doch da dies — 
ohne daß ich dazu die geringjte Weranlafjung gegeben — in fehr 
ee Weije von der anderen Seite geſchehen ift, jo darf ich 
dazu nicht ſchweigen. 

Mit dem Vorbehalt, demnächſt die Sach: volljtändig klar zu legen, 
bejchränfe ih mic) heute auf die Erklärung, daß im dem bezeichneten 
Prozeß überhaupt nur von einem Schreiben Die Rede geweien it, und 
zwar don dem Schreiben, von welchen ich aus Schönung gegen den 
Herrn Stöcker nur eimen Theil verleien habe. Dies Schreiben datirt 
allerdings nicht aus dem Jahre 1878, bezieht ſich, aber auf die Wabl- 
vorgänge in dieſem Jahre, und wird man danach den Werth der An— 
gabe, daß daſſelbe „nur in der Phantaſie des Gerichtshoies eriſtire!“, 
ohne Weiteres würdigen. Es handelt ich eben nur um Miſverſtändniß 
in der Datiruna, Somit eriitirt dies Schreiben mit dem angegebenen 
Inhalt in der Wirklichkeit, und befindet fich das Original mit Jubebör 
in meiner Hand. 

Berlin, 12. Jannar 1889, N. (Fichendorffitr. 1. 

Carl Witte, 
Biarrer an Zt. Golgatha.“ 

Grit nachträglich und zufällig fiel mir am Sonntag, den 13. Abends, 
eine neue Erklärung des Herrn Hofprediger Stöcker, bereits m Nr. 0 
der „Kreuzzeitung“ vom Sonnabend, den 12. Januar veröffentlicht, ins 
Auge. Leichtlich hätte ich ſie gänzlich überfehen können, Stand fie Doch 
binter den nah Schluß der Redaktion eingetroffenen, Telegraphiſchen 
Korreipondenzen”, alfo an einer für Stöder'iche Erklärungen febr un— 
gewohnten Stelle. Dort hieß es mm: 

Zur Broſchüre des Abg. Cremer. 

Hofprediger Stöcker ſchickt uns folgende Erklärung: „In einen: 
Vorwort zur weiten Auflage jeiner Broſchüre theilt Herr Eremer mit, 
daß der beſprochene Brief. den ih den Erkenntniß des Gerichtshofes 

emäß an Herrn Paſtor Witte geichrieben baben toll, aber nicht ac- 
Hrieben babe, in den Händen des Yeßteren fich befinde. Ich erkläre 
von nenem, daß Herr Gremer damit eine Unwahrheit behauptet. Ter 
im Erkenntniß angerührte Brief eriftirt mit; wenn Herr Eremer 
anders berichtet it, io bat man ihn zum Beiten gehabt, was mir bei 
dem Ernſt der Sache leid thut.” 





2 — 


Ani Tage nach meiner in der „Norddentichen Allgemeinen Zeitung” 
abgegebenen Erklärung las ih in der „Rreuzeitung“ Nr. 25 vom 
16. Januar Morgens eine nene Auslaſſung des Herrn Hot: und Dom: 
predigers mit folgendem Wortlaut: 


Zur Affaire Cremer-Mitte. 
Erklärung. 

Herr Paſtor Witte hat ſich zu einer unrichtigen Erklärung mir 
acgenüber veranlaßt geſehen. Er bat damit drei Jahre lang üch Telbit, 
acht Tage Herrn Cremer und nun das lefende Publitum in die Irre 
geführt. Jur Klarftellung diene das Nachſtehende. 

As im Jahre 1885 der Prozeß Bäder bevoritand und ich zufällig 
eriuhr, dad die Witte'ſche Angelegenheit mit zur Berbandlung kommen 
würde, jehrieb ich unter dem 22. April 1885 an Herrn Palter Witte 
folgenden Brief: 

„Dielleicht it Ihnen während der legten Waklperiode ein Eremplar 
der Gl'ichen Enthüllungen vor die Augen gefommen, in denen auch Sie 
erwähnt werden. Tie Zache it folgende: 

Im Jahre 1876 oder 1877 kam eines Tages der veritorbeue Herr 
v. W. u mir und forderte mich auf, ein von Ahnen befürwortetes rs 
jiuch um Werleibung des Titels eines Geh. Kömmerzien-Raths au den 
verjterbenen C. W. mit ju unterzeichnen, was ich natürlich ablehnte. 
8. ErEBIN nun, ich babe ibn aufgefordert, in einer Öffentlichen Ver— 
jammlung bei den Wahlen von 1878 dies zu Ihrer Bekämpfung und 
zur Bejertigung der Kandidatur $- auszusprechen. 

Dies iſt natürlid umwahr. Aber wobl it es möglich, daß 
ih geſagt habe - ich hielt ja damals ©. fir einen yuverläffigen Denichen 
— wenn Zie die Randidanır Hoppe genen mich ausipielten, Tei ich in 
der Yage, Zie mit dev Veröifentlichung der obigen Geſchichte yur be— 
fümpfen. Webrigens wußte ich es damals nur ans dem Munde G.'s. 
daß ih von Ihnen bekämpit und durch H. beieitiat werden Sollte. Tie 
Sache wird unter vielen anderen binnen kurzem gerichtlich zur Zprade 
tommen. Ich hoffe, daß fe werrer lein Auifehen machen wird. Bitte, 
schreiben Sie doch, wie in Ihrer Erinnerung die Wiche Angelegenbeit 
fich darjtellt. Nielteicht lädt fich Dadbır.n vermeiden, dat Zie als Zeuge 
zitirt werden. % 

Diefer Brief iſt, wie mir genau bekannt wer, im Befig des Herrn 
Paſtor Witte. Er bewerte nichts weiter, ais eine Information über 
ine Sache, die von mir zu bezeugen war, fieben Jahre zurück lag und 
lediglich in Geſprächen privarer Natur beitanden hatte. 

Tas Erkenniniß im Brosch Bäder dagegen enthält den folgenden 
Abichnitt. „Norber (nämtich vor einer Wablverlammlung des Jahres 
1878) ichrieb Stöcker an Witte einen Brief, in dem er ihm mittbeilte, 
daß er ihn bekämpien und Falten Laien würde, wenn ev Wirte: bei Der 
Aufjtellung des $ verbarre. 

Bon dieiem Briefe. dem einzigen, der in dem Erkenutniß erwähnt 
wird, habe ich bebaupier. Dat 2 Idialih in der Phantaüe eriſtire. 
Diefer Brief it thatiachluh nie geſchrieben und bat nie eriſtirt. Daß 
Der Bajtor Witte aus dent anderen Briei dom 22. April 1885 bei 
einen Zeugenansiagen enras v raeleien bat, thut nichts ur Sache; 






afer- 
“ ich 
yafie. 
1885, 
reid: 
Ben 
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en: 
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- 10 — 


davon iſt in dem Erkenntniß eben nicht die Rebe. Uebrigens enthält 
der Brief fein Wort, das aus Schonung hätte unterdrüct werden müflen. 

Die beiden Briefe find nach Zeit, Beranlaffung, Inhalt durchaus 
verschieden. Ich muß e3 Herrn Paſtor Witte überlaffen, fi und den 
irregeführten Leſern die Frage zu beantworten, wie cr die beiden Briefe 
verwechjeln und öffentlich behaupten konnte; „Cs handelt ſich nur um 
ein Mißverſtändniß in der Datirung." Daß dies eine Unwahrheit it, 
teuchtet Jedermann ein. r 

Da ich wußte, daß Herr Paſtor Witte mit dem Gedanken umging, 
meinen Brief in die Deffentlichfeit zu bringen, hatte ich ſchon in ber 
vorigen Woche die Sache dem Königlichen Konſiſtorium zur Unterfuhung 
übergeben. Ich glaubte, dadurch der Deffentlichkeit dieſe unerquictiche, 
aber mich in feiner Weife belajtende Angelegenheit vorzueutbalten. Ob: 
wohl Herr Bajtor Witte ſowohl hierüber wie über feinen Irrthum vor: 
ber aufgeflärt war, hat er es dennoch) vorgezogen, in dieſem Irrthum 
zu verharren und denjelben druden zu laſſen. 


Berlin, 15. Januar 1889. Adolf Stöder. 


Diefer angeblihe Brief aus dem Zahre 1878 ift freilich Lediglich 
ein Erzeugniß der dialektiſchen Kunſt des Herrn Hof- und Dompredigers 
Stöder, und konnte daher deſſen Eriſtenz mit Necht verneint werden. 
Der Brief aber, der in den Verhandlungen des Bäder: Zuöder'ichen 
Prozgeſſes zur Sprache gekommen ijt, und von mir theilweiſe verleſen 
wurde, iſt der vom 22. April 1835 und dieſer befand ſich allerdings in 
meinen Händen. Schwerlich kann man einen preußiſchen (Serichtshor 
empfindlicher beleidigen, als wenn man ibm unterjtellt, dat; derielbe 
jeiner Entſcheidung ein Schriftitüch zu Grunde geleat babe, das bei ihm 
gar nicht zur Sprache gekommen it. Es wäre dies in der preußiichen 
Rechtspflege unerbört. Freilich iſt es ebenjo unerbört, aegen einen 
preußiſchen Gerichtabot derartige Vorwürfe und Inſinuationen u 
erheben. (5 Fünnte daber nur von einer Verwechielung des Tatums 
die Nede fein. In den Erkenntnißgründen, ſowohl in den mündlich 
vorgetragenen wie den Ichriftlichen, it aber auch gar nicht von einen 
Briefe aus dem Jahre 1878 die Nede, vielmehr beißt es dort yumächit 
im mindlichen Vortrage auf Zeite 87 mur: 
ner geuge Stöcker beauftragte den Jengen Grüneberg, in einer 
öffentlichen Berlammlung den Warrer Witte anyugreiien, und er telbit 
ſchrieb noch an den Pfarrer Witte einen Brief, in welchem er ſagte: 
Benn derielbe bei der Auiſtellung des Hoppe verharte, jo laſſe er den 
Amtsbruder,. Geſinnungs- und Parteigenoffen fallen.“ — 

Um dies richtig zu veritchen, iſt zu bemerken, daß der frühere 
Vertraute des Herrn Hof- und Tompredigers, der Schneidermetjter 
Grüneberg eidlich befundet hatte, daß Herr Hoiprediger Stöcker ihm 
den Auftrag gegeben, falls ich den Fabrikbeſiher Hoppe als Neichstags: 


— IE 8 


kandidaten einpfehle, öffentlih zu erflären, daß ich in Feiner Eonfer- 
dativen Verſammlung einen Kanditaten empfehlen Eönne, weil id) 
jüdijche Leute bevorzuge, inden id) ihnen für Geld Titel verfchaffe. 
Hieranf bezieht ſich nun der Brief des Herrn Hofpredigers vom 22. 4. 1885, 
in welchen Herr Hofprediger Stöder ebenſo wie bei feiner zeugeneid- 
lichen Ansfage vom 9. Juni 1885 einen Theil der Grüneberg’ichen 
Behauptung zugeiteht, den bedenklichſten aber beitreitet. Es fei immerhin 
ſchon an diefer Stelle die Bemerkung eingefchaltet, daß mir als Gegen- 
faß zu dieſen Aenkerungen die augebliche Abſchrijt eines Theiles eines 
Briefes vom Herrn Hof: und Mrfihtediger Stüder aftemh Ver⸗ 
tranten, den Schneidermeijter Grüneberg, mitgetheilt worden iſt. Der 
Brig it aus dem Sommer 1878 und lautet ae hierher gehörigen 
Stelle wie folgt: 


u... Weber den Verlanf der geitrigen Verſammlung habe ich 
bereits von Küfter gebört, der hente morgen bei mir war. Ns erfuche 
Sie daher, bei der nächſten öffentlichen Verſammlung nicht zu ver: 
fänmen, die Angelegenheit Witte yu erörtern, damit Har werde, wie 
die Juden zu Titeln gelangen." 


Selbjtverjtändlich babe ich dieſe Mittheilung hohem Evangeliſchen 
Oberkirchenrath zur Unterſuchung unterbreitet. 

Herr Hofprediger Stöder hat viel Mühe und Kunſt darauf ver: 
wendet, der Entſcheidung im dem fraglichen Prozejle die Auslegung zu 
geben, als ob der Gerichtshof hier von einem garnicht erijtirenden Brief 
aus dem Jahre 1878 geſprochen habe, während der Wortlaut Feine 
nähere Zeitbeſtimmung enthält und ſehr wahrſcheinlich die Ausſage 
Grüneberg's mit dem von mir verleienen Briefe fombinirt und ver: 
mifcht iſt. Hiernach darf ich es dem Leſer überlaifen, das Verfahren 
des Herru Hof: und Dompredigers Stöder, die Eriſtenz eines vor den 
Verhandlungen an mid) geichriebenen Briefes abzuleugnen, mit dem 
rechten Namen zu benennen. 

Lie Behauptung, daß der fraglide Brief überhaupt nur in der 
Phantaſie des Gerichtshofes erütire, beſchuldigt auch mich, von einem 
nur in meiner Phantaſie erijtirenden Brieſe gefprochen zu haben. In—⸗ 
dejien Liebe ich die Wahrheit zu fehr, um in erniten Dingen und Fragen 
mit ‚siltionen und mit der Vhantafie zu arbeiten. 

Diefe Ichte Erklärung des Herrn Hofprediger Stöder vont 
15. Januar kounte keinen anderen Zwed haben als die Lefer zu ver- 
wirten und nummehr ausgefprochenermaßen den Schatten auf mid) zu 
werfen, als hätte ich zwei Briefe miteinander verwechſelt, während doch 


3— 
Pro 







—— 


zu nen. 

iejer Angelegenheit bon Ihnen erhalten =: 
ee ih möte Wiite 2 wir nut 
übelbeuten gr mollen, wenn ich jede private Neuerung nochmals als 
unftatthäft bezeichne. 


Mit vorzliglicher Hochachtung 
Ew. Hochwürden 2c." 


Man wird hieraus erjehen, daß ber Brief derfelbe ift, welchen 

Stöder in feiner — — ——— Es iſt dies, wie 
Stöder genau weiß, der einzige, alſo der nämliche, von 
welchem ich einen Theil verlefen habe, und welcher in dem Bäder: 
Stöder'ihen Progeh überhaupt zur Sprache gekommen ift. Wenn nur 
der Gertchtshof fih in Betreff des Datums geirrt hat — ein beitimmtes 
Datum iſt in den — — nicht angegeben —, jo kann mich 
dieferhalb fein Vorwurf treffen, um jo weniger, als ich jelbjt ausdrüd- J 
lich vor Gericht erklärt habe, daß mir erſt im Jahre 1879 Etwas über 
ben dem Grüneberg von Hofprediger Stöder ertheilten Auftrag bekannt \ 
geworben jei. i 

Menn Herr Stöder, während er am zweiten Tage der Ver— 
handlungen mein Shonendes Verhalten mit —— Grunde ausdrückli 
mir —— annt hat, mir heute den Vorwurf macht, daß i 
über den fraglichen Vorfall jo lange geſchwiegen, jo it dies jeine „bes 
rechtigte — — Es iſt mein Schweigen zur Schonung des 
— Anis bejtimmmt geweſen, obſchon er mich a das Tiefite durch 

ie unwahre Zufinuation beleidigt hatte, daß ich für Geſchenke jüdifche 
Leute bevorzuge, ihnen Titel zu verſchaffen. 

(58 handelt ch um den ingwijchen veritorbenen Kommerzienrath 
Gäfar Wollheim, ber mir perſönlich unbekannt, doch von einem biefigen 
Amtsbruder und dem jehr ehrenmerthen Herrn v. Wedell empfohlen war, 
und das Geſchenk foll, wie ıch nachträglih, und zwar erſt aus Aula 
bes Prozeſſes Bäder-Stöder, alfo erſt nach fieben Jahren, erfahren babe, 
in einem Pianino beitanden haben, welches Herr Stöder von Herrn 
Wollheim mit Dank für das unter Leitung des Heren Stöder damals 
ftehende Dberlinftift embfangen hat. 

Wenn ich fo lange gejchwiegen, jo wirb meine jehige Auslaffung 
um jo gründlicher jein. 

Berlin, 16. Januar 1889, Vormittags. 

C. Witte, Pfarrer an St. Golgatha.”* 



















Das Vorhandenfein des erjten Briefes vom 22, April 1835 
e zu behandeln, bie meinerjeitö geſchehene Vorlefung aus 
als „nichts zur Sache thuend“ zu bezeichnen und wider 








N 





Titel und Orden verichafft habe, hatte durch die Grüneberg'ſchen „Ente 
hüllungen“ noch größere Verbreitung gefunden. 

"Sn den Grüneberg'ſchen „Enthüllungen” heißt es nämlich unter 
der Ueberſchrift: 


„Wie ich mich von den Shriftlih- Sozialen trennte: 
Neber die Nächjtenliebe des Herrn Stöder hatten ſchon oft quälende 
Zweifel mein Herz beſchlichen, namentlich, als er es veriuchte, mich gegen 
jeinen eigenen Amtsbruder, den Pajtor Witte von der Golgatha⸗-Kirche 
zu hegen und aufzureizen, damit ich denfelben in öffentlichen Verſamm⸗ 
lungen angreifen jollte. Herr Wirte hatte nämlich das in den Augen 
des Herrn a Re U Verbrechen begangen, jtatt feiner, 
Stöder'!, Kandidatur im VI. Neihstagswahlfreife, die Kandidatur 
Hoppe zu befürworten. Dafür mußte er geyüchtigt werden umd Herr 
Stöder verfah mich mit dem nöthigen Material. Er fegte mir ausein- 
ander, daß ſich Paſtor Witte, ein chriftlicher Geiſtlicher, Damit abgebe, be 
mittelten Leuten, namentlid) Juden, Titel und Orden zu beforgen, und 
nannte auch Juden, die durch Paſtor Witte Rommterzienrätbe u. ſ. w. 
geworden jeien, nachdem fie vorher gewiſſen chriſtlichen Vereinen an— 
tehnliche Geſchenke gemacht. So habe ein Jude dem Oberlin-Verein in 
Potsdam ein prachtvolles Klavier gejebentt, und ſei dann durch Witte's 
Vermittelung Geheimer Kommerzienrath geworden. 

Dies und anderes ſollte, ich in einer von Paſtor Witie einberufenen 
öffentlichen Verſammlung vorbringen. Es kam indeſſen nicht dazu, wer 
Sozialdemokraten und Fortſchriuler die Verſammlung ſprengten. Ties 
ein Beiſpiel von der chriſtlichen Liebe des Herrn Stöcker yu ſeinen 
Amtsbrüdern.“ — 

Ungefähr gleichzeitig mit den „Enthüllungen“ erſchien Nr. 234 
der „Freien Zeitung” vom 11. TEtober 1884 ein Artifel mit der Webers 
Schrift: „Hofprediger, Neihstagsfandidat und Lügner“. Tiefer 
Artikel und die „Enthüllungen“ bildeten im Jahre 1885 die Unterlage 
eines Prozeſſes des Hof: und Tonmredigers Stöcker qugen den Nebdai- 
teur der „Freien Zeitung“ Bäcker; denn in dieſen Schriften war der 
Herr Hof- und Tomprediger mehrfacher prägnanter Verſtöße gegen Die 
Wabrheit beſchuldigt, To daß die Staatsanwaltichait ſich genöthigt Tab, 
die Sache von Amtswegen in die Hand zu uchmen. Wenngleich dieier 
Prozeß feinen Abſchluß im der Weiſe erfahren bat, daß der Angeklagte 
Bäder wegen öffentlider Beleidigung — jedoch nicht wegen Were 
leumdung — und war wert unter dem Antrags Des Staatsanwaltes 
mit drei Wochen Gejängniß beſtrait wurde io auichab Diva Doch nicht, 
ohne das Urtheil Seitens des Gerichtshofes m einer Erwägung zu bes 
aleiten, welche bei Benrtbeilung wohl auch der Ztellung eines Hof: 
predigers kaum unbeachtet bleiben tann. 

In der auf ſtenographiſchen Auigeichnungen beruhenden Broſchüre 
des Prozeſſes Stöcker-Bäcker beißt es nämlich auf Zeite M: 





— — — — — — EIGEN EEE 





— 18 — 


die Zeit nach der Gründung der ſogenannten Chriſtlich-ſozialen 
Arbeiter-Partei fiel. Dabei machte ich für die irrige Jahresangabe 
keineswegs die Phantaſie des Herrn Stöcker verantwortlich. Es war 
mir daneben verwunderlich, daß ein Mann, der im Jahre 1878 fo 
wenig Schonung gegen mic) gefannt, nun unter dem Schein der Schonung 
mir die Erfüllung meiner Zeugenpflicht erſparen oder anf fo eigenthüm⸗ 
lide Weife erleichtern wollte. Es war außerdem wohl Fein unbered)- 
tigtes Mißtrauen, wenn id) mi) auf ein gefährliches Terrain ver— 
jegt fühlte, wie denn feine brieflihe Aeußerung: „Dies ift natürlich 
unwahr,“ ſchon vor der Griüneberg’jchen Zeugenausfage mid), offen 
geitanden, unheimlich berührte. Ich follte mich gegen mich ſelbſt von 
meinem Verleumder in’s Vertrauen ziehen laſſen. Und der Verſuch 
fnüpfte gerade an die Verleumdung an, nur daß die Verleumdung nun 
in Form einer direften Befchuldigung auftrat. Als VBertrauensmann 
eines Verleumders follte ich zunächſt and) meinerjeits die jebt gegen 
mic direkt gerichtete Beſchuldigung des Charakters einer Verleumdung 
entfleiden und den Gegner durd) meine etwaige Wertranensfeligfeit 
acradezu gegen mich felbit bewaffnen helfen. Das füblte ich ſofort als 
nächjtes heraus. So vor mir felbjt vom Gegner, dazu in einer Noth— 
tage defielben, befehuldiat, follte ich ferner gegen Seiek und Moral 
den nämlichen Gegner für feine Zengenausiage noch vor den Gerichts— 
verbandlungen Handlanaerdienite than. 

Es folgte nun, wobei bier noch zwei Briefe vom 28. April 1888 
amd 29. April 1889 hinzugenommen erden mußten, tolaende Gore 
reſpondenz: 

Autwort. 
Berlin, den 24. April 1885. 
Hochwürdiger Herr Hoiprediger! 

Ta, wie Ew. Hochwürden Dies auch in Ihrem geehrten Schreiben 
vom 22. April beftätigen, die Möglichkeit vorliegt, daß id) in der 
Grüneberg’schen Augelegenbeit als Zeuge vorgeladen werde, jo erſcheint 
es mir für mid) abfolut unſtatthaft, mich vorber in der Sache privatim 
zu äußern, und bitte ich, es mir um deswillen nicht als Unfreundlichkeit 
auslegen zu wollen, wenn ich es zu meinem Bedauern ablehnen muß, 
Ihrem Wuniche u entiprechen. 

Mit vorzüglicer Hochachtung — ganz ergebenſter 

Piarrer an der St. Golgatha⸗Kirche.“ 
„Berlin, den 26. April 188. 
Licher Herr Bruder! 

Ob Sie von Mundel und Konforten gegen mich als Belaftungs- 

zeuge vorgeladen werden, weiß ich nit. Jedenfalls aber muß ic) Sie 


— 1 — 


in dem etwaigen Verhör als_den einzigen Menſchen, der in dieſer Anges 
legenheit noch als Yebender Zeuguiß ablegen kann, in Anſpruch nehmen. 
Selbilverjtändlich muß es mir deshalb von Werth fein, zu wiſſen, wie 
jene Angelegenheit fich in Ihrer Erinnerung darjtellt. Aus welchem 
(Hrunde Ihnen eine desfalliige Mittbeilung unftatthaft erfcheint, iſt mir 
unvorjtellbar. Ihnen, wie mir, muß es von der größten Wichtigkeit 
sein, daß unfere Angaben ſich decken. — it es Ihnen unlieb, ſchriftlich 
ein Wort darüber zu Außern, fo bin ich mit emer mündlichen Rüd= 
ſprache auch vollkonimen einverjtanden und bitte Sie, falls Sie dazu 
geneigt find, mir eine Stunde zu bejtimmen, in der ich mit Ihnen dat 


über reden kann. . 4 — 
Brüderlich grüßend Ihr Stöcker.“ 


Antwort. 
„Berlin, den 27. April 1879. 
Hochwürdiger Herr Hofprediger ! 

) Soeben empfange ich Ihr zweites geehrtes Schreiben in der leidigen 
Grüneberg’shen Angelegenheit, und beeile mid, Ew. Hodwürden dar⸗ 
auf gany ergebent zu enpidern, daß mir bei einer etwaigen Vernehmung 
in diefer Sache unter den Generalzeugenfragen u. A. auch die Frage 
vorgelegt wird, ob id) mit Jemandem über die Sache Rüdiprache ge: 
nommen, oder ob Jemand den Verſuch gemacht habe, auf mid) einen 
Einfluß auszuüben. Ic glaube deshalb auch, in unjerem beiderjeitigen 
Intexeſſe zu handeln, wenn ich jeden Privatverkehr in diejer Sache, fei 
es fchriftlich, ſei es mündlich, vor dem Termine abfchne, da ich ja fonft 
gezwungen fein würde, um nicht die Wahrheit zu verlegen, dieſes Ber: 
fehrs zu envähnen. Schon der Umſtand, daß ich wei Brieie in dieſer 
Angelegenheit von Ihnen erhalten habe, jeßt mic, einigermaßen in Ber 
legenheit. Daher wiederhole id) meine Bitte, es mir nicht übeldeuten 
au wollen, wenn id) jede private Aeußerung als unjtatthaft bezeichne. 

Mit vorzünlicher Hochachtung 
Km. Hochwürden ıc. ergebenjt 
G. Witte, Piarrer.“ 


„Berlin, den 28. April 1885. 
Lieber Herr Bruder! 

Es iſt ſelbſtverſtändlich, daß ich nicht weiter veriuchen werde, Ihre 
wenig freundliche Stellung in der bewußten Angelegenheit zu ändern. 
Nur um vor Vlihdentungen, die mir erſt aus Ihren Briefe von geftern 
entgegengetreten, geiciigt zu fein, jchreibe ih Ahnen nod) einige Sorte. 
Es iſt mir natürlich nicht in den Zinn gefommen, Ihre Ausfagen zu 
beeinflufien, oder die meinigen durch Ihre Mittheilungen beeinfluſſen zu 
laſſen. Unter anjtändigen Yenten — ic) _fage nit einmal chriſtlichen — 
verjteht es fi) ganz don jelbit, daß fie daran nicht denken. — Ein 
Oberſiaatsanwaͤlt, den a in biefer Sache um Rath fragte, fand es 
übrigens ganz unbebenflid, daß ich mich über die Sache mit Ihnen in 
"oe, Nun gut, es wirb aud) jo gehen. 


Brüderlic) grüßend Ihr 


Verbindung 


Stöcker.“ 








— 22 — 


aing, daß ein jüdiſcher Kommerzienrath den Titel Geheimer Kommerzien⸗ 
tath” erhalten ſollte. Ich habe meine Unterſchrift natürlich abgewieſen. 
— Bräf.: Und in welcher Weife haben Sie etwaige „Geſchenke“ damit 
in Berbindung gebraht? — Zeuge: Wir*) hatten r. 3. einen Bazar 
für das Oberlinhaus. Für denfelben erhielt ic} von jenem Kommerzien« 
tath ein Pianino, ich dankte ihm ſehr dafür, war äber nachher um ſo 
erſtaunter, als mir dann die Bittſchrift für denſelben Herrn überreicht 
wurde. — Bräf.: Wie war der Name des betr. Her? — Zeuge: 
Ih glaube,*) es war Cäſar Wollheim. Auf Vorha ten 
des Vertheidigers, wie das Geſchenk mit dem Namen des Paſtors 
Witte zufammenhinge, erflärt Zeuge, daß dies nicht geichehen fei, daß 
es aber jeiner Meinung nad) Jonderbar von Jemand ſei, der konſervativ 
wirken wolle, wenn er derartige Sachen made, wie für jüdifche Herren 
die Verleihung ven Titeln zu vermitteln. — Auf Befragen erklärt 
Zeuge Grünceberg: Als ich Material für die Serfammlung holen 
wollte, jagte mir Hofprediger Stöder, Paſtor Witte pflege für Geſchenke 
% ee u. f. w. jüdifche Leute zu bevorzugen, ihnen Titel zu ver- 
affen. 


Und wie verhält es ſich thatſächlich mit jener Angelegenheit, mit welcher 
ic nach) dem Auftrag des Herrn Hoi- und Dompredigers Stöcker von 
ieinem vertrauten Freunde, dem Schneidermeifter Grüneberg hatte 
öffentlich befämpft werden jollen? Als Antwort diene meine gericht: 
liche Zeugenansfage, wie fie zu leſen ſteht in der Prozeh: Broschüre auf 
Zeite 12 fi. 


Im Sommer 1878, als id) mid, in Stennewitz bei Yandeberg oe. W. 
sufhielt, wurde ich benachrichtigt, daß ich als konſervativer Reichstags: 
kandidat aufgeitellt werden follte. Da ich zugleich erfuhr, daß jeitens 
der chrüjtlichetogialen Arbeiterpartei Herr Hofprediger Stöcker aufgejtellt 
werde, ſo gab ich die Erklärung ab, daß es ſich für mich nicht zieme 
aegen einen Amtsbruder mid) anfftellen zu laſſen. Außerdem ſei zu be- 
denfen, daß der 6. Neichstagswablfreis ein weientlich mduitrieller ei 
und würde ich dafür fein, in der Perlen des Fabrikbeſitzers Karl Hoppe 
einen £oniervativen Juduſtriellen aufjuitellen. Tie bezügliche 
Wahlverſammlung im der Norddentichen Brauerei iſt von mir Weder eins 
berufen noch beiucht worden, vielmehr babe ich much zur Telben Zeit in 
Rad liter, wohin ih an ein Kranfenbett aeruien worden var, be— 
funden. -- Präi.: Es it von Herrn Hofprediger Ztöder bemerkt 
worden, daß Jemand, der jüdischen Yeuten Auszeichnungen zu verichaffen 
juche, politiih nicht in konſervativem Sinne wirten könne. — Paſtor 
Witte: Niemals babe ic) Derartiges gethan, was mir, wie es ſcheint, 
vorgeworfen iſt; das einzige, um was es ſich handeln kann, ijt dieſes: 
Sm Februar oder März 1878, wenn ich mich reht erinnere, er= 
ichien eines Tages bei mir Herr Alerander v. Wedell, ein konſervativer 





”. Ras heißt „wir"? Etwa Stöder und Witte? 


»Ich glaube es war Gafar Wollbeim . . . Warum: id) „glaube?“ 
In dem Brief vom 2. April 1885 weiß der Herr Dof- und Tomprediger Stöder . 
ia fchr genau, daß es Gälar Wollheim war. Er redet fogar von der „Woll- 
heim'ĩchen Angelegenheit.“ 











- 25 — 


vollen Vertranens in meinen Kreiſen erirente, und Herr Hofprediger 
Stöcker in meiner Gemeinde nicht gar ſo gut bekannt wäre. 

Nichtodeſtoweniger iſt wiederholt die Frage an mich geſtellt (und 
zwar durchaus nicht in böfer Abjicht), ob ich denn wirklich von dem Herrn 
Cäſar Wollheim ein Pianino gejchenft bekommen habe? Bei den all- 
aemeinen Kirchenwahlen des Jahres 1888 Fam die Sache abermals in 
Erinnerung und zwar diesmal fo, daß der Name Cäſar Wollheim auf 
einen Wahlzettel erſchien und ins Wahlprotofoll aufgenommen werden 
mußte. 

Wie tief kränkend und gefährlich derartige Infinuationen gerade 
für einen Geiftlichen find, und welches Zeugniß der Verleumder ſich 
damit ausitellt, wird Feiner näheren Ausführung bedürfen. 

Troß diefer bitteren Kränfung jeitens des Herm Sof: und Doms 
predigers Stöder habe ich nicht uur nicht nad) Außen, ſondern aud) 
ihm jelbjt gegenüber feinerlei noch jo berechtigte Empfindlichkeit fühlbar 
gemacht, habe vielmehr während der Verhandlungen neben der Wahrheit 
nur jein Wohl unter Hintanfegung meines eigenen Wohles mir zum 
Ziele gemacht. Er empfand dies auch und dankte mir dafür. Schon 
vorher hatte ich, indem ich für das etwaige gerichtliche Bedürfniß alle 
Sriginale bei mir führte, ihm unſere Korrefpondeny gezeigt und wies 
num, neben ihm fiend, mit Finger und Wort nochmals befonders hin 
auf einen bejtimmten Saß in jeinem ihm in die Hand gegebenen*) 
Briefe vom April 1885, und zwar mit der Erläuterung, daß Diele 
Stelle doch etwas Thatfächliches enthalte und darum wahrjcheinlich 
doch hätte verlefen werden müllen. Darauf fante Herr Hofprediger 
Stöder zu mir: „Das iſt nicht nöthig denn ih habe genau das 
ausgefagt, was in dem Briefeſteht.“ 

Am Abend erfah ich in den Zeitungen, dat der Herr Hofprediger 
Stöcder nach ihrem Verichte ſehr anders ausgeſagt hatte, als in 
dem Briefe jtand, und zwar das Wichtigſte ausgelaſſen hatte. 


Unter diefen Umſtänden wird meine Ausjage, welche ich am 
weiten Tage freiwillig ablegte, obichen ich nicht wieder geladen war, 
um fo verjtändficher fein. 

Dieielde wurde in Gegemvart des Herrn Hofpredigers Stöder 
abgelegt und lautet nad) dem itenographifchen Bericht in der Brofhüre 
„Prozeß Stöcker-Bäcker“ auf Seite W wie folgt: 


! ) Taranf beziehen ſich in meiner Zeugenansfage, Zeile IR von unten, 
die Worte: „näher bezeichnete". 


* 








6. 


68 li icht Abſicht, 
BEE En 
— en —— 

erfu herworg 


d 
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Be Su — Be m 


einer mir noch un— 
tete näher be= 
t müffen, und bekam 
Baffelbe a a 


—* en a. en, ob re bericht 


n PR 

auch vergeffene Vorleſuug der bezü Mn Er eines von Ho prebige 
Stöder au mid) gerichteten Briejes heute nachzuholen habe. Ich möc 
richt nachträgliche Skrupel — müſſen, etwas verfchiwiegen * 
haben, „was ich, weiß“. ch kann die kurze Stelle um fo_unbefangener 
vorlejen, als id) dies nach Beſprechun 3 und in vollem Einverſtändniß 
mit Herrn Hofprediger Stöder thue. Die Stelle lautete: „Wohl it es 
möglich, daR ich gejagt habe — ich hielt ja damals Grünes 
berg für einen auderläfjigen Menfhen — wenn Sie 
die Kandidatur Hoppe gegen mich ausjpielten, jei 
E in der Lage, Sie mit der Veröffentlidung der 

igen Geſchichte zu befämpfen” — Es bleibt mir nur 
od übrig, in der Sache mich dagegen zu berivahten, daß aus meiner 
Handlungsweife in der Angelegenheit des Kommerzienraths Wollheim 
mich irgendwie dev geringjte 3 orourf treffe und ich um derjelben willen 
das Necht verloren haben follte, einen fonfervativen Mann als Eonfer- 
vativen Reichstagskandidaten zu empfehlen, ! 









Hiernach ift es gany unmöglich, daß das Jahr 1878 in Frage 
fommt. Zur Ablegung meines Zeugniffes am zweiten Berhandlungstage 
machte ich mich jo früh auf, daß id) noch vor Beginn der Verhandlungen 
ein längeres, ſehr ernites Gefpräch mit Herrn Hof: und Domprediger 
Störer haben konnte. Ih fragte ihn mit Bezug auf feine Ausſage 
vom vorigen Tage, ob das der Dank fei für meine Schonung? Diefe 
feine Ausfagen jtimmmten ja nicht mit jenem Briefe und nicht mit der 
Wahrheit und müßten aus der Welt geichafft werben, da ich ſonſt beim 
Konfiftorium oder an einer anderen hohen Stelle Beſchwerde über ihn 
führen müffe. Er erfannte an, daß ich Urſache habe, verlegt zu fein 
A wies ferner ihn darauf hin, daß ich ihn im Sommer 1878 

n Recht als Reichstagsfandibaten bekämpft habe, und gr“ 











= 





— 2 — 


Schwinbel, den wieder einmal bie Bosheit mit der Dummheit treibt und 
deſſen Unverfrorenheit auch ehrliche Leute betrügt, entgegenzutreten und 
auf Thatfachen aufmerkfam zu machen, die durch den beitellten Zeitungs- 
dampf verbumfelt jind. . 

. 1. Wenn das Betragen Witte'$ dem Konfiftorium zu einer Dis⸗ 
ciplinarunterfuhung nicht gemügende Veranlaffung bot, b liegt darin 
noch kein eswegs eingejchloffen, daß P. Witte aüch feinen Zadel*) 
erhalten hat. Died muß offenbar erit Elargejtellt werben, um das Ver⸗ 
fahren des Konfiftoriumg — beurtheilen zu können. 

2. Unzweifelhaft beſitzt P. Witte einen Brief, aber einen ganz 
andern alö Bw AM A des damaligen — — 
den im Erkenntniß des Prozeſſes Bäcker angeführten. Die vielfach auf⸗ 
tretende Behauptung, daß dies derſelbe Brief, nur anders batirt ſei, 
muß als eine dreiſte Unmahrheit bezeichnet werden, bie mit bem vollen 
Bewußtfein der Lüge von der verleumderifchen Btele weiter verbreitet 
wird, weil darin eine brauchbare Handhabe zur Berleumdung liegt. 
Wir laffen zur at Klaritellung Die betr. Stellen beider Briete, 
des Phantajie-Briefes und des wirklichen, im Befik des P. Witte be 
findlichen Briefes nebeneinander lm Vorher fei noch einmal aus- 
drücklich hervorgehoben, daß das Erkenntniß von einem vor den Reichs⸗ 
tagswahlen 1878 getan ebenen Brief redet, während ber wirkliche Brief 
an Witte am 22. April 1885, alfo 7 Jahre fpäter geſchrieben iſt, ein 
Unterſchied, der nicht bloß die Tragweite eines verwechſelten Datums, 
fondern einer völlig andern Beurtheilung der damals vor Gericht bes 
handelten Frage hat. 


Phantafiebrief. 

(Wortlaut des Erkenntniſſes). 

— (nämlich vor einer Wahl: 
verfammlung 1878) ſchrieb Stöcker an 
Bitte einen Prief, in dem er ihm mit- 
theilte, daß er ihn befämpfen und 
fallen lafjen würde, wenn er, Witte, 
bei der Aufitellung des Hoppe verharre.“ 
Der Serihtshof fügt als Urtheil über 
dieſen Brief, der alfo thatſächlich nie ' 
geſchrieben ijt, was Stöder eben bes ; 
hauptet, hinzu: „Nach Lage vorſtehender 
Thatjadyen dat Stöder emen geütlichen ' 
Amtsbruder anzugreifen und in der 
öffentlihen Meinung berabzufegen ver | 
ſucht“ u. j. w. j 


Brief vom 22. April 1858.”*) 

„Dies“ (nämlid, daß 
Stöcker Auftrag gegeben babe, 
die Wollheim'ſche Angelegen: 
heit zu Witte's Bekämpfung 
angzufpreden), „iit natürlich 
unwahr. Aber wohl ilt es 
möglich, daß ich gejagt habe, 
wenn Sie die Nandidatur 
Hoppe gegen mich ausfpielten, 
fei ih ın der Yage, Sie mit 


‚ der Veröffentlichung der obigen 


Geſchichte zu bekämpfen“. 


) Ju der Frage, um welche es ſich handelt, nämlich auf welcher 


Seite die Mahrheit ſei, ob auf Seite des Herrn Stöcker oder auf meiner 
Seite, hat das Konfijtorium volfommen nur für — mich ſich entfcheiden 
Tonnen und fich entichieden. Es handelte ich außerdem nur darum, ob idy 
auch noch den 5. Brief vom 28. April_hätte ſofort mitveröffentlichen jollen, 
und konnte Königl. Koniiitorium, To lange es biefen Brief für einen 
unbeantworteten und abjchließenden irrthimlich bielt, es Teicht für „loyaler“ 
aehalten haben, wenn ich jenen Brief gleichzeitig mitveröffentlicht hätte. 

*e) Sn „Wolf“ mihveritändlich datırt, denn der ächte Brief iſt micht 
pom 22. April 1358, jondern vom 22. April 1885, wird orig meinerfelt® 


weber im Ernit noch im Scherz ale ein Phantajiebriei des „ 


olf” bezeichn 











a 
f 





Een; 


Berechtigung jenen Brief „einen Phantafiebrief” genannt, da er lediglich 
nur in feiner Phantafle eriftirt und ein Produkt derfelben iſt. 

Hiernad wird Jedermann dem Urtheil des betreffenden Gerichts: 
hofes beitreten und finden, daß der Herr Hof- und Domprediger „mit 
der Wahrheit mindeitens ſehr Leichtfertig unıgehe". 

Meinem nachfolgenden Briefe wird man darım das Zeugniß nicht 
verfagen, daß berjelbe milde genug und mit nur leifer Ironie abgefaßt 
ift, fo daß dem Herrn Hofprediger Stöder ein Einlenken in die rechte 
Bahn ohne zu große Beihämung ermöglicht war. 


„Berlin, den 27. Juni 1885. 
Hochgeehrter Herr Hofprediger! 

Ew. Hochwürden verfehle ich nicht, auf das verehrliche Schreiben 
vom 23. d. Mis. and ergebenft zu erividern, daß ich allerdings meiner- 
feits nicht die Adticht habe, in Ihrer Prozeßangelegenheit aus eigener 
Initiative noch mit irgend einer Erklärung in die Deffentlichkeit zu 
treten. Nach meinem ganz ergebenjten Dafürhalten iſt unfer gegen: 
jeitiges — durch uͤnſere gemeinſame Erklärung und durch Die 
Berichtigung in Nr. 134 des „Reichsboten“ für Jedermann zur Genüge 
aufgeklärt, doch unterlafje ich nicht, zu Ihrer Anformation noch gaiiß 
ergebenft hinzuzufügen, daß ich von Ihnen in Bezug auf die betreffende 
Angelegenheit Feine weiteren Briefe erhalten habe und beſitze, als die 
drei vom 22., 26. 28. April_1885, von welchen ich das Schreiben vom 
22. April, welches bier wahrſcheinlich gemeint ift, für den Fall, daß Sie 
ein Konzept von demfelben nicht beftgen follten, in Abſchrift gan er- 
gebenst anjchließe. Ein weiteres auf den Prozeß bezügliches Schreiben 
Ew. Hochwüͤrden beſitze ich nicht. 

Mit ꝛc. 

Ew. Hochwürden ganz ergebenſter 


C. Witte, Piarrer.“ 


Wenn unn Herr Hofprediger Stöcker erſt ſolche Eile hatte, warum 
zögerte er nun mit einer eigenen öffentlichen Erklärung mit eigener 
Namensunterſchrift? Cr bat das damals noch offenbar für zu gewagt 
erachtet. Mit kluger Vorficht wählte er fi Zeit und Meg. Sofort, 
nachdem die Reklamationsfrift von beiden Parteien unbenutzt veritrichen 
war, meldete der „Reihsbote” vom 6. August 1885 unter der Weber: 
ſchrift: 


Zur Stöckerhetze. 

„.. Die inzwiſchen weiter aufgeklärten Thatſachen haben Stöcker 
gegenüber dem gegen ihn geſchleuderteii Vorwurf glänzend — 
und werden es inimerniehr thun. Heute bringt, wie una berichtet wird, 
das „Chriſtlich⸗Soziale Korrejpondenzblatt" die Mittheilung, daB der 
Brief an Paſtor, Witte, der in dem Pro ch gegen 
Stöder eine Rolle fpielte, gar nit erifirt. 














— 0 — 


Conſtellation aus meiner damaligen bewußten Enthaltſamkeit, wenn 
es unr möglich wäre, von der Stöcker-Preſſe noch nachträglich 
ein ſchwerer Stand bereitet werden ſoll. 

Denn was iſt jetzt in den Stöcker-Blättern zu leſen? Alles läuft 
barauf hinaus, daß ich in bolofer Weife darauf ausgegangen jei, die 
Dinge zu verdunkeln und im Widerſpruch mit meiner Eidespflicht deu 
Gerichtshof abſichtlich irregeführt habe, um damals den Herrin Hof und 
Domprediger Stöder zu verderben. So ſchreibt das „Volk“ in Nr. 67 
vom 20. März: 


„Hoffentlich legt Herr Witte dies Zeugnik etwas ſorgfältiger ab, 
als dasjenige im Prozeß Bäder, in welchem er erklärte, er wolle aus 
chriſtlicher Liebe gegen Stöder einen Theil des Briefes, ben er vorlag, 
unterbrücen, während er nad) jeinem Eide nichts verſchweigen und nichts 
hinzujegen durfte. Im Uebrigen halten wir e3 für a ausgemacht, 
daß Paitor Witte von Dberkicchenrath den vom Gonfiftorium ertheilten 
Verweis bejtätigt erhalten wird. Wenn es damit für ihn abgeht, ſo 
verdankt er das der auf unſerer Zeite vorhandenen Gutmüthigkeit, die 
allerdings auch ein Ende nebmen kann, vielleiht bald ein Ende nehmen 
wird.” — Und der „Reichsbote“ bringt am 24. April 1880 in Rr. 99 


einen Artikel, betitelt: 
Ebbe und Fluth. 


„Das Witte’fche Shloroform hat nicht die durchgreiiende Wirkung 
gehabt, die ihm Dis gejtern die Liberalen Apotheker und officiöfen 
(seheimmittelparteiler To zuperfichtlich zufchtieben. Die Mittheilungen, 
welche die „Kreuzzeitung“ „zur Steuer der Wahrheit” brachte . ... haben 
den beiten Iheil feiner Betäubungs » Wirkung zerjtört und jeine Tünſte 
mit einem ſcharfen Luftzuge yertheilt .... 

Eodann wird im „Reihsboten" ein Auszug mitgetheilt aus den 
Aeußerungen eines Berliner Gorreipondenten „al3 eines einzigen weißen 
Naben in der Krähenſchaar“: „ein Mißverftändniß des Gerichts hatte 
nutgewiert das Herrn Stöcker als einen ränkeſüchtigen Prieſter erſcheinen 
VER" 

Der „Neichsbote” Fährt mit eigenen Worten folgendermaßen fort: 
„Das iſt ja eben der Punft, der von Witte zur Unterlage feiner von 
der „Nordd. Allg. Z3tg.“ veröffentlichten Angriffe gemadyt wird und in 
dem Stöcker trog aller nugeheuerlichen (Tntitellungen in der reife - 
der Abgeordirete Meyer giebt im Augenblick in der „Breslauer Zeitung“ 
Beiträge, die weder feinem Herzen noch feinem Berjtande Ehre machen --- 
das unanfehtbare Recht auf feiner Seite hat. Man jcheint denn auch 
auf ftöcerfeindlicher Seite einzujehen, daß man ſich in jeinem blinden 
Haß abermals in eine Sadgafie verlaufen hat.” — 


In gleichem Geleiie bewegt es jich leider, wenn Herr v. Hammer: 
ftein mid) „von Hintermännern aufgejtadelt fein” läßt.*) 
* Der Herr Freiherr von Hammerſtein fucht den Yefern ber Sreuz- 


zeitung am 17. April nämlich außerdem glaubhaft zu machen, von mir jel am 
5. Jannar in einer Unterredung, welche wir ohne Zeugen hatten, anerkannt 


G 











— 2 — 


Der Rüdzug auf's Datum, fo Flug wie er ausfieht, jo thöricht ift 
er, ſchon weil er fo unlauter ift. Der Schein foll erwedt werden, als 
ob es fi) um einen feitftehenden und zu Ungunften Stöder's 
verhängnißvoll gewordenen Irrthum des Gerichtöhofes gehandelt 
babe. Das Gegentheilijt wahr. 

Herr Hof- und Domprediger Stöder würde den Seinen während 
der Gerihtsverhandlungen eine berartige Taktik gewiß nicht geftattet 
haben. Schon als Augen- und Obrenzeuge meines Zeugnifies hätte er 
fi) auch nachträglich hüten follen, aus einem Briefe feiner Phantafie 
Shein-Argumente für fih und angebliche Waffen gegen mich hernehmen 
au lajfen. 


Der Lefer, der bisher meiner Darlegung gefolgt ift, fragt ſich ver— 
muthlich, wie die Dinge fi) jo haben geftalten und zuſpitzen können. 
Die andauernd unfreundliche Gefinnung de3 Herrn Hof- und Dont 
predigers Stöder will eben auf ihre Wurzelfafern geprüft jein. 

Es war in der letzten Woche des Jahres 1877, als eines Tages 
im Auftrage von Hofprediger Stöcker der frühere Socialdemokrat 
Schneider Grüneberg zu mir kam. Der Verein für Socialreform babe, 
iv fagte er, für den 3. Januar eine Verjannnlung im GEiskeller-Etabliſſe— 
ment behufs Gründung einer chrijtlich-focialen Arbeiterpartei geplant. Sch 
perfönlich ſei ſammt unſerm criftlichen Männerpverein „Soncordia” dur) 
ihn von Herrn Hofprediger Stöder al$ den eigentlich Ginladenden einge: 
laden, dort zur erjcheinen, wie denn aus ganz Berlin die Mitglieder ähnlicher 
Vereine eingeladen würden. Es war eben ein Aufgebot von Berfonen, welche 
für Geſinnungsgenoſſen gehalten wurden, im Werke, um den zu erwartenden 
jocialdemokratifchen Gäſten als eine ftärfere Macht gegemüberzuftchen. 5 ch 
lehnte die Einladung höflich und beſtimmt ab. Als Neferent 
für die neue Bartei-Gründung war Herr Schneider Grüneberg beitellt, wie 
denn derfelbe mit Herrn Hofprediger Stöcker ſich als Mitbegründer der 
rijtlich=jocialen Arbeiter: Bartei allerdings anfeben darf. Derartiges aber 
darf man überhaupt nicht gründen und nicht gründen wollen. Der: 
artiges muß unbeabjichtigt entjtchen und erwadhfen. Werden muß 
es, aber niht gemacht werden. Wird etwas, fo fällt es dem, unter 

und um den es wird, ganz wider cigenes Erwarten in den Schoof 








N 





— 6 — 


Es ift leider gefoınmen, wie vorauszufehen war, aber die Stimme 
der Thatjachen wurde durch das Getöfe einer lauten Reclame für die 
hrijtlich-fociale Arbeiter-PBartei und für ihren Führer, Herrn Hofprediger 
Stöcker übertönt. 


Nun erſchien er den Seinen je länger je mehr wie in einem 
prodidentiellen Lichte, während bei feinen vielen Miberfolgen die Bes 
ſcheidenheit Johannes des Täufers cher am Plage gewejen wäre. 


Daß Herr Stöder eine mehr als gewöhnliche Begabung und 
Arbeitskraft beſitzt, habe ich ſtets neidlos anerkannt, doch habe ich mich 
andererjeitd auch niemal3 darüber getäuſcht, daß die Art und Weite, 
wie er feine „hriftlichen” Beftrebungen betreibt, auch abgeſehen von den 
Schatten, die dabei auf feine Perfon gefallen find, eine bedenkliche und 
zweiſchneidige ift. 


Es iſt Fein unbegründeter Vorwurf, daß feine „chriſtlich-ſociale“ 
Thätigkeit je länger deſto mehr den Charakter und gleichzeitig den 
Beigeſchmack einer politiſch einſeitigen Agitation angenommen bat, daß 
er die Poſtulate des Chriſtenthums und einer beſtimmten politiſchen 
Partei mit einander verwechſelt, daß ſich damit der politiſche Partei— 
Gegenſatz zu einem Gegenſatz gegen Ehriſtenthum und Kirche verbreitert 
und vertieft bat, daß deßzhalb auch die „innere Miſſivn“ des Führers der 
hriitlich-jorialen Partei vielfeitig mit Mißtrauen betrachtet wird, und daß 
der Herr Hof: und Tomprediger Stöcker den politiichen Conflict inter 
christlicher ‚yirma auch im Die einzelnen Gemeinden tragt und dort 
Unfrieden füct. 


Zeine nachhaltigen Yeiitungen find deßhalb auch mebr als unbe: 
dentend; ich glaube nicht, daß er deßhalb auch nur ein Tugend Zocial: 
dDemofratenernjtbaft bekehrt hat, während er vielmehr mit 
den Henchlern und Mautelträgern ſelbſt die bedenllichiten Srfahrungen ges 
macht hat. Dabei läßt die Statiſtik feinen Zweifel darüber, daß die Zahl 
der ſocialiſtiſchen Stimmen in ſtetigem Zunehmen, und die Feindſchaft 
gegen Ehriftenthum und Kirche im Wachſen begriffen iſt, was ſich unter 
anderen jeit jener „Eiskellerverſammlung“ i. I. 1878 auch in der ſofortigen 
Steigerung der formellen Austritte aus der Kirche und der unehmenden 
Gleichgültigkeit gegen die kirchlichen Handlungen manifeitirte. 


Außerdem iſt es die nnabweisliche Conſequenz, daß Jemand, der 
im Namen des Chriſtenthums und der Kirche als Agitator eiı 








_- 8 — 


Es war gegen Ende des Jahres 1885, da erjchien eines Tages 
die Brofchüre des Univerſitäts-Profeſſors D. Dr. Hermanı L. Strad, 
betitelt: 


Herr Adolf Stöder, 
Hriftliche Liebe und Wahrhaftigkeit. 


In diefer Broſchüre lefen wir auf S. 96 ff.: 


„Die am 3. Januar 1878 im „Eiskeller“ veranjtaltete Verſamm⸗ 
lung wird jeßt als Geburtstag der dhrijtlich-focialen Partei gefeiert. 
Einige Tage fjpäter jah Hr. P.* den Redakteur Hrn. Paſtor a. D. 
Engel und jagte zu ihm: „Da fteht ja im „Reichsboten“ ein Artikel 
über die „Eisfeller-Berfammlung”. Ben Artifel haben Eie nicht ge 
fchrieben“. „„Doch; ich Habe ihn geichrieben."" „Nein“. „„Doch““. 
„Nein, Sie fünnen ihn nicht geichrieben haben“. „„Ich habe ihn wohl 
—— „Nein. Sie werden ſich nicht ſelber desavouieren. Sie 
haben doch früher im „Reichsboten“ anders geurteilt.“ „„Nun, ich will 
es Ihnen geſtehen: Der Artikel it von Hrn. Hoipred. Stöcker““. Bald 
darauf befuchte Hr. B. Hrn. Stöcker. Da fing diefer an von der Ver— 
fammlung zu veden, wollte Hru. P. belehren, wie es bei ſolchen Wer: 
jammlungen zugehe, und fügte im Verlaufe des Geſprächs: „Ich babe 
den Artikel im „Reihsboten" nicht geichrieben”. Hr. P. ſchwieg dazu, 
weil er zwiſchen Hrn. Engel und Hin. Stöcker feine Veruneiniguug vers 
anlafien wollte.” 


Mit Bezug auf Vorjtehendes gejtebe ic) offen, daß cs mir lieber 
gewejen wäre, wenn Profeſſor Straf ohne Weiteres meinen Namen 
genannt hätte. Doch fage ich dies nicht im Zinne eines Vorwuries, 
indem ich nicht zweifle, daß in bejter, wohlmeinenditer Abficht jo und 
nicht anders verfahren iſt. 


Jutereſſant und lehrreich it es, dal; Herr Angel vom „Reich3s 
boten” und Herr Stöder in diefer fie beide fo sehr angehenden Ange: 
legenheit monatelang nicht mit einander zu reden gewagt haben. Erwägt 
man hierbei, daß Herr Hofprediger Stöcer Diele Angelegenheit für die 
wichtigjte und bedenklichſte erklärt hat ans der ganzen Proieſſor Strack'ſchen 
Broſchüre, jo wird diefe Vermeidung eines Gedanken-Austauſches über 
eine ſolche Sache zwiſchen zwei doch fo eng verbundenen Männern nur 
noch Ichrreicher und führt auf die richtigen Spuren. 


(Sin junger weitfälifcher Geiftlicher hatte ihen etwa im eben 
1886 mit Herrn Hofprediger Stöcker dieſen Vaſſus nicht ı 





N 





— 9—— 


zu erfüllen, und daß ich daher auch keiner Erinnerung bedurft habe. 
Sm Gegentheil hat Ihre Erinnerung und die Form —2 das Be⸗ 
denken in mir angeregt, ob es für mid) räthlich wäre, ohne Zeugen in 
der Sache weiter zu verhandeln. Es wibderipridht Towohl den That- 
fachen wie unferer Beiprehung, daß ic) den Beſuch bei Herrn Paſtor 
Engel in meinem Intereſſe machen jollte und ic) nu daher auch diefen 
Betuh fo lange ſiſtiren, bis Ew. Hochwürden die Güte gehabt haben, 
Sich deutlicher darüber auszuſprechen, was ich eigentlig) nad) Ihrer 
Meinung mit Herrn Paſtor Engel verhandeln und was diefer möglichjt 
objektiv darftellen fol. Ihrer gefülligen Rückäußerung entgegenfehend, 
verharrt hochachtungsvoll ergebenjt 


C. Witte, Pfarrer.” 


Hieran ſchloß ſich nun Folgender Briefwechſel: 


„Berlin, den 8. Juli 1886. 
Poſtſtempel zeigt Partenkirchen 9.77.) 


Ew. Hochwürden 


hatten verſprochen, zu Pi. Engel hinzugeben. Darüber waren 14 Tage 
hingegangen -- für eine ſolche Sache eine recht lange Zeit! -- und Sie 
hatten Ihr Verſprechen noch nit erfüllt. Deshalb die Grinnerung, die 
Sie freundlich aufnehmen wollen. Was ich von Ahnen fordern muß, 
it doch recht Telbitveritändlich. Zie baben durch eine über mich aus: 
gefprochene Unwahrheit dem Profeſſor Strack die Unterlage u einer 
ſchmachvollen und unbearündeten Beleidigung gegeben. Mir periönlich 
iſt die alberne Schrift von Strack völlig gleichgiltig. Aber es Liegt in 
Ihrem Intereffe als Ehriſt und Geiftlicher, eine Ehrenkränkung, die Lie 
verjchuldet haben, qut zu machen. Denn in der ganzen Spreu des 
Etrad’ichen Urkundenſammelſuriums iſt die GSeichichte mit Ihnen das 
Einzige, das, wen es wahr wäre, nuch wirklich vertlagen könnte. 

Sch erwarte denmad von Ihnen, daR, wenn Zie BT. Engel ges 
fragt haben werden, Zie eine Grflärung veröffentlichen, dat es Ihnen 
leid the, aus Irrthum — oder Mißverſtändniß oder wie Zie wollen; 
nehmen Sie das mildejte Wort! —- dem Proieſſor Strack Veraulaſſung 
gegeben zu haben, über nid) eine Unwabrbeit zu berichten. 

Th Eie mit Piarrer Engel ver Zangen oder ohne Zeugen ders 
handelt, ijt mix gleich). 

Indem id) um Schluß Ihnen meinen Schmery ausiprehe, daB 
ein glänbiger Geiftlier, ein Geſinnungsgenoſie und Mitkämpier in dem 
Etreit gegen Saten und fein Heer, Eh dazu bergiebt, Leuten wie Etrad 
Waffen der Unwahrheit aegen mid) in die Hände iu liefern, bin ich in 
anıtsbrüderlicher Hohichägung 


Ihr 
Stöder.* " 


— Bi 
Antwort. 


„Berlin, den 14. Juli 1886. 
Ew. Hochwürden 


verfehle ich nicht, auf die verehrliche Zuſchrift vom 8. Juli, erhalten 
11. Juli, gany ergebenſt zu erwidern, daß cs allerdings mein ernſter 
Wille war, dem Her Paſtor Engel in der fraglichen Angelegenheit 
meinen Befuc zu machen, dat ich aber nach Empfaug Shrer Karte md 
noch mehr Shres legten Schreibens von diefer meiner Abjicht zu meinem 
Bedauern, habe zurücktreten müſſen. Mein Zwed bei jenem Beſuche 
Eonnte fein anderer fein, als eine Ausgleihiung der wideriprechenden 
Erklärungen zwiſchen Ew. Hochwürden und Heren Rajtor Kugel au der: 
indhen, während in Ihrer Behandlung nenerdings die unverkennbare 
Abficht hervortritt, mid) ala den ſchuldigen Theil ericheinen zu laſſen und 
der Sache die Färbung zu geben, al$ wäre ic) cs, der es mit der Wahr: 
beit nicht allzu genau genommen und der deßhalb das Bedürfniß habe, 
feinen Irrthum privatim und öffentlich zu berichtigen. 

Mein Gedächtniß ift mir fehr treu, und ic) weiß genau, was mir 
gefagt worden iſt. Sch Habe deßhalb auch nicht das Bedürfniß, mich 
näher zu informiren, und Feine Veranlaſſung, den, wie ich annehmen 
muß, jetzt ausſichtsloſen Verſuch zu machen, Herrn Paſtor Engel und 
Sie in Einklang zu feßen. 

Ich bin mir bewußt, Ew. Hochwürden gegenüber in der Selbft: 
verleuguung jo weit gegangen zu jein, als es obne Beichädigung meiner 
eigenen Perlönlichkeit möglich tft, und dieſe Grenze gedenfe ich nicht zu 
überfchreiten. x 
Hochachtungsvoll und ergebenjt 


G. Witte, Pfarrer.“ 


Nun trat im Unterfchied von der anfänglichen Cile wieder eine 
Bauje ein, bis als Frucht einer Correipondeny zwiſchen den Herren 
Stöder und Engel noch ein letztes Lebenszeichen an mich einging mittels 
nachfolgenden Schreibens des Herrn Kugel vom Reichsboten: 


„Berlin, den 11. Augujt 1886. 


Sehr geehrter Herr! 


Wie ich aus em an H. Hofprediger Stöder geichriebenen und 
von rd vo Tage ar me aA eilten Briefe 
vom 14. v. M. erfehen babe, gi Sie ber Herr P., weldyer dein Brofelfor 
Strad das Geſchichtchen eraäh t bat, zweien derfelbe auf Eeite 96 ff. feiner 
gegen Stöder gerichteten Schrift mittheilt, welche die in dem Titel Eund- 
gegebene Zenbenz hat, Stöcker (und auch mich) vor der Deffentlichkeit al$ un⸗ 








De Ze u 


nn er 





— 


rühren und namentlich in der weiteren Behandlung meine Perſon dabei 
aus dem Spiele zu laſſen. Leider trat jedoch das Gegentheil ein. Nicht 
allein, daß, wie mir bei verſchiedenen Gelegenheiten und von verſchiedenen 
Seiten glaubhaft mitgetheilt wurde, der Herr Hof- und Domprediger 
Stöcker eifrigſt bemüht blieb, mich hinter meinem Rücken zu verdächtigen 
und herunter zu drücken, meine Beſtrebungen zu ſtören und 
meine Wege zu durchkreuzen, er vermochte auch in ſeinem 
übertriebenen Selbſtgefühl — um mid) des mildeſten Ausdrucks 
zu bedienen — die erlittene Niederlage innerlich nicht zu 
überwinden und der Verſuchung nicht zu widerſtehen, den ihm von 
einem preußifchen Gerichtähof gemachte Borwurf des leidt- 
fertigen Umgehens mit der Wahrheit auf Andere abzu— 
wälzen und meine Perfon dabei in eine Beleuchtung zu jtellen, al$ ob er 
dur) meine Edyuld in den Verdacht der Unwahrhaftigkeit gerathen fei. 


Die Beranlaifung, in diefer Meife auch wieder in die Teffentlichfeit zu 
treten, hatte jene Broschüre des. Herrn Yandtagsabgeordneten Gremer gegeben, 
welche diejer veröffentlicht hatte, um fich mit dem Herrn Hof- und Dom: 
prediger Stöder wegen gewiſſer politischer Tifferenzen auseinanderzuſetzen, 
Tiiferenzen, mit denen ich abſolut nichts zu thun hatte und bei deren öffent: 
licher Tiskuſſion ich völlig unbetbeiligt war. Nichsdejtoweniger hatte Herr 
Hofprediger Stöcker in dem unter feinem Einflniſe ſtehenden Blatte „Volk“ 
jene demmächit auch in Ir. 4 der Kreuzſeitung vom 3. Januar Abends abge: 
druckte Erklärung veröffentlicht. Dieſe Erflärung durfte ich nm ſoweniger 
ignoriren, als ich nicht zweifelbaft Darüber jein konnte, welche Folgerungen 
Herr Hofprediger Stöcker aus meinem Stillſchweigen zieben würde. Außer: 
dem mußte id) mir Die ‚Frage vorlegen, ob nicht der Herr Sof. und 
Domprediger Stöder, als er im Jahre 1885 die „Wahrbeit braudte, 
auch zu feiner Rechtfertigung vor der Obrigkeit", dieſelbe Beweis: 
methode hinter meinem Nüden wahrgenommen habe, weiche er jekt nor 
der Oeffentlichkeit wagte. 


Hat durch Zurückweiſung der Beiywerde des Herrn Hof: und 
Tompredigers Stöder des Confiſtorium feftgeftellt, daß in dem Wider: 
ftreit unierer Behauptungen die Unwahrheit auf Zeiten des Herrn Hof: 
vredigers liege, To glaube ich Für mic auch hieraus die Folgerung her: 
Leiten zu dürfen, meine (Slanbiwürdigkeit über die des Herrn Stöcker zu 
ſtellen. 


Ein Eutlaſtungsmoment war im Briefe vom 28. April durchaus 
nicht zu finden, wie ich Königliddem Conſiſtorium auch gehorfamft 





— 56 — 


handeln fie, als ob das himmliſche Verheißungswort für die 

babin wandele: „Alles, was ihr gethan Habt einem dieſer He 
das habt ihr Mir gethan !“ 
IH halte an der Ueberzeugung feit, daß Hoher Gvangelifcher 
' Dperkirchenratb, wenn er nur alle Provocationen gegen mich Ange— 
() griffenen gekannt hätte, mich nicht mit einem Verweiſe beftraft haben 
L tofirbe, In diefer Meberzeugung liegt etwas Linderndes, zumal ich das 
4 





reſpectvolle Vertrauen habe, daß alle Mitglieder der Behörde Mann für 
j Mann in gleicher Lage nicht anders gehandelt hätten, als ich ger 
handelt habe. 
{ Es iſt nichts Ideales, fi für Phantome zu opfern, Diejenigen, 
' bie das wiünfchen, überfehen, in welchem Lande und unter welchen 
1 Behörden wir leben. In welche Zuftände würden wir Bineintteiben, 
wenn’ ein in jeiner Ehre angegriffener, dabei ſchutzlos gelajfener Beijt- 
licher unter dem Deckmantel des Ehriftentbums, des chriftlichen Glaubens 
und des chrijtlichen Gehorfams, feige genug wäre, nicht öffentlich zu ſagen: 
„Habe ich recht geredet, warum ſchlägſt Du mich.“ Dem Herrn Hof: und 
Domprediger Stöcker werbe ich Angriffe gegen meine Wahrhaftigkeit umb 
Ehre keineswegs mehr paffiren laffen, und hoffe ich, ebenfowenig hiermit 
gegen die Sntenkionen der hohen Behörben zu handeln. 


Daß die Behörden in diefem fingulairen Falle mir nicht haben 
Schub und Genugthuung in ausreihendem Maße gewähren können, 
babe ih ja an mir erfahren Für Merwirrung und Täuſchung 
ber Gemüther ijt in der Gtöderfreundlichen Preffe und zwar zum Theil ! 
bona fide geforgt. Dem wirkſam entgegenzutreten, liegt nur in ber 
Hand des angegriffenen Mannes jelbft. Mir ift die Frage, 
um bie es fich zwifchen Hofprebiger Stöder und mir handelt, eine 
Macht frage, infofern Wahrheit Macht ift und die ſe Macht fich auf 
meiner Seite befindet, wie ja and) durch die behörblichen Ausſprüche 
beclarirt if. Sch wünſche, daß man in weiten, weiten Kreifen, in 
welchen man über ben Werth einer nur pfeuboorthodoren und pfeubo- 
eonfervativen Bewegung jeit einem Jahrzehnt dupirt worden ift, dahin 
gelangen möge, endlich Elar zu jehen. 


Die Doctor-Frage, ob Hofprediger oder Agitator ober beibes, iſt 
mir gleichgültig und Tiegt ihre Beantwortung außerhalb meines Berufs; 
ſolche Frage wird aber überhaupt nicht prineipiell gelöft werben Lünnen, 
muß vielmehr immer ihre theil$ individuelle theils fubjective 
ſcheidung finden. 














Mir kommt es darauf an, in meiner Konflict-Angelegenheit, welche 
ja zugleid) ein Sympton ift, vor dem Gewiffen offenbar zu werben. 


In dreißig Jahren meines Amtes ijt von Sadduzäern und Phariſäern 
viel gegen mich gehegt worden, und mag Derartiges jet wicdernm gegen 
mich im Werke fein. Meine Art ijt eine friedliche; muß indeſſen ge— 
fämpft fein, jo laſſe ich mir's angelegen fein, in jedem Falle einen guten 
Kanıpf zu fämpfen, mit guten Waffen und für ein gutes Ziel. Daß ich 
gegen einen „großen Zorn“ zu ringen habe, war mir im Voraus wohl 
bewußt. Im die Austragung meines jegigen Conflicts habe ich nur 
vermöge guten Gewifjens eintreten können. Wenn ih den Herrn Hofe 
und Domprediger Stöder nad) jeiner befonderen Amtoſtellung in ſchul⸗ 
diger Weife bezeichnet habe, fo habe ic) ed demnach nicht ſowohl ınit dem 
Hofjprediger als folhem, fondern nit dem Menſcheuund Paſtor 
Stöder zu thun. So appellire ic) ihm gegenüber in unferer Eonflict-Sache 
auch meinerfeits also Menſch und Paſtor hierdurch an das öffent: 
lihe Gewiſſen undandie Gefammtheitder Baftoren des 
Deutſchen Reiches, als an zwei Senate Einer ehren— 
gerichtlichen Inſtanz. 








ET TE — — 


IN 











Schneider RERREEER | 


Dofpredige Stöcer 


Der san rief 


Carl Witte 
Pfarrer 








Inhalts Derzeichnitz. 


Hofprediger Gtöder greift mid) von neuem an . - - - - - 
Ein „gefülihter Brief 22er. 1 


Hofprediger Stöder’s Auftrag an Schneider Grüneberg . 
Der Prozeß Bädr— Stödr -. . . . 2 2 0. > —XF 
Der bekannte Schneider Grüneberg 


Die Grũneberg'ſchen Brieiifeee. 2 0020. . 
Sie Angelegenheit — und Stöcker vor den geiſtlichen 
Behördzeeee ne ee 6 5 





BRESBRoa 





AN 





Gerichtähof 1885 erlittene Niederlage nicht zu verwinden und 


der Berfuhung zu widerftehen, ben ihm von einem Preußiſchen 
Gerichtshof amtlid) gemachten Vorwurf des leichtfertigen Umgehens 
mit der Wahrheit auf Andere abzulenken oder abzumwälzen und 
grade meine Perfon dabei in eine Beleuchtung zu jtellen, ala ob 
er durh meine Schuld in den Verdacht der Unwahrhaftigkeit 
geraten jei. 

Auch ih war nämlich Zeuge gewejen. Seit biefem Prozeß 
hat er in verftärkten Maße öffentlich wie hinter meinem Rücken 
mic zu verdächtigen und herunterzudrüden, meine Beftrebungen 
zu ftören und meine Wege zu durchkreuzen verjudt.*) 

Im Oftober 1895 griff Stöder in feiner „Deutihen Evans 
gelifhen Kirchenzeitung“ mich plöglich aufd Neue ſchwer an. Dadurch 
war ich gezwungen, mic diefer Angriffe zu erwehren mit folgender 
in den Zeitungen veröffentlihten Erklärung: 

„Als notwendige Abwehr gegen die Daritellung, 
welche. „der Fall Witte“ jeitens des Herrn Hofpredigers 
Stöder im Leitartikel jeiner Kirhen- Zeitung Nr. 43 vom 
26. Oftober 1595 unter der Ueberſchrift: „Die raliche 
Kartellpolitik Deutihlands Verhängniß“ gefunden bat, 
mögen nachſtehende Ausführungen geitattet ein. 

Herr GStöder jchreibt: „Bei jener Iinterredung“ 
(mit dem Geheimen Kabinetsrat Wirklichen Geh. Rat 
Dr. v. Lucanus Ere. C. W.) „Fam noch eine Angelegen: 
beit zur Sprade, die damals viel Lärın verurſachte und 
noch heute nicht abgejchloffen ift, der gal Wirte. Paſtor 
Mitte glaubte fich damals ohne Grund von mir beleidigt 
Ich hatte im einer öffentlichen Erklärung von einem mi * 
klaſſiſchen Zeugen geſprochen, und als ich erfuhr, daß er 
dies — jeder Möglichkeit entgegen — auf ſich bezog, 
ausdrüdlich erklärt, daß ich nicht ibn, Tondern einen 
Anderen gemeint babe.” 

Hierzu bemerfe ich: In der Stöderichen öffentlichen 
„Erklärung“ vom 3. Januar 1559 war nicht nur von 
Bine Zeigen, Sondern auch von einen Briefe die Mede. 

Dieter Brief war ein Brief Zröder vs on mid. Ich 
war der einzi ge Zeuge fin dieſen Brief, ſodaß, da von 
Stöcker Der ERBEN nicht genannt war, jeder weniger genau 
unterrichtete Yefer nicht auders konnte, als die Bes 
zeichnung „untiaiſiicher Yeuge aui mich zu beziehen. Erft 
am 11. Januar IS» lietz Zröder, nachdem er mid 


Im permeide ed, irüher Geſagtes zu wiederholen. und darf in Diefer 
Bezirnung auf meine in dev Vorrede auigeiunrten Broichüren hinweiſen. 


— a | 

















— DB — 


ſervativer Seite konnte Niemand die Mitverantwortlichkeit für 
Stöcker'ſche Ziele übernehmen. 

Zu Gunſten der Kandidatur Hoppe war eine Volksver⸗ 
jammlung berufen. Leider fonnte ich nicht zugegen jein, denn ich 
hatte zum Befuche einer Kranken nach Bad Elſter reifen müfjen. 
Zur Bekämpfung der Kandidatur Hoppe war von GStöder ala 
Hauptvertreter feiner eigenen Standidatur der Schneider Grüne: 
berg in die Verſammlung gejchiet worben. 

Grüneberg hatte den Auftrag, um Hoppe zu fällen, 
nic zu befämpfen als einen Mann, der den Juden gegen 
Geld und Geſchenke Titel verfhaffe Es kam jedoch nicht 
zur Ausführung diefes Auftrages, weil bie Berjammlung 
aufgelöjt wurde. ern von Berlin mic, befindend, ahnte 
ih von dieſem allem nichts. 

Neben Grüneberg hatte Stüder noch einen anderen Ber: 
trauten, nämlich einen Herrn Küjter, Redakteur der chriſtlich⸗ 
jozialen „Deutſchen Volkswacht.“ 

Stöcker hielt es für ſehr ſchädlich, dieſen Herrn Küſter 
„gehen zu laſſen“, aber trotzdem ließ er ihn „gehen“ und zwar 
Grünebergs wegen! So wichtig war ihm Grüneberg. um joll 
am Tage nad) der Wählerverfammlung, in welcher Grüneberg 
nicht nah Wunjd von Stöder gegen mid) reufjirt hatte, der 
nämliche Küfter bei Stöder gewejen fein ımd will Grüneberg von 
Stöder daraufhin in einem Briefe unter anderen einen neuen 
Auftrag mittels folgender Worte befonmen haben: 

— „Ueber den Verlauf der geſtrigen Verſammlung 
habe ich bereits von Küjter gehört, der heute morgen bet 
mir war. Ich erjuche Sie daher, bei der nädjjten öffent: 
lichen Verſammlung nicht zu verjäumen, die Angelegens 
heit Witte zu erörtern, damit Elar werde, wie die Juden 
zu Titeln gelangen.“ 

Tas Borhandenfein eines derartigen Briefe kann nad) 
Lage der Dinge und allen inneren Gründen nur für jehr wahr: 
icheinlich gelten. Bon ber Eriftenz eben diejes Briefes habe ich 
erit am 28. Januar 1899 erfahren. 

Ic hielt es jufort für unmöglid, daß Schneider Brüneberg, 
von allem anderen abgejehen, die geiftige Fähigkeit haben ſollte, 
einen —— Brief aus dem Jahre 1878 noch nach etwa elf 



















































Am nämlichen Tage, an weldem vorftehende X 
18, Februar erging, erichien für den 19, Februar 1888 
nachitehender Artikel, 












Witte gegen Stöder. 

Die Sahe wird immer netter, Die Mitt 
denen man den Kampf gegen Stöder aufnimmt, 
immer jchmußiger. eitern (Sonntag) Mi 
erhielt Hofprediger Stöcker folgenden Robrpoftbrief, 
Schreiber feinen Namen nur durch zwei Anfan 
ftaben bezeichnet. Der Brief lautet wörtlih und 
ftäblid, wie folgt: 

„Geehrter Herr Hofprediger! Soeben komme id 
„von Grüneberg und hatte Gelegenheit genommien, dike 
„die Wittefhe Angelegenheit zu |prechen. Der Mann 
„in Wahrheit wirklich durd die Sadıe in Not g 
„er fagte, hätte man ihn 500 Mark Entjchädiguug 
„landt, jo wäre für ben Hofprediger Stöder ein großen 
„Sieg erfolgt, welcher aber auch jetzt noch im 
„Stunde möglid wäre; er hätte Ahnen ein Schreiben 
„zugeltellt, in welchem die Sade zum großen Nachteil 
„Wittes aufgefallen wäre. Bis jest hat Grüneberg noch 
„nichts aus den Händen gegeben, da aber eine überaus 
„große Not vorhanden ijt, jo ſcheint aber die Sahe am 
„oder zum Dienſtag in jehr gewiegte Hände gelegt zu 
„erden, wenn ich merke, in den Händen der Norbdeutjchen 
„Bejellichaft. Als hoher Verehrer Ihrer Perjon bin id 
„der feften MWeberzeugung, dag Sie, Herr Hofprebiger, 
„noch rechtzeitig eingreifen und diefe Eleine Entihädigun 
„leiften Eönnen. Vielleicht macht's Grüneberg auch ol 
„billiger. Sie befommen merthvolles dafür, ohne es zu 
„verlangen; e3 wird Ihre Ehre auf großer Weije gerettet, 
„und dies geichieht ohne Ahr zuthun; darum noch jchrell 
„der Wink in legter Stunde.” 

Man fieht, der Plan ift nicht ſchlecht ausgedacht 
So ein Eleiner PBriefhandel, 500 ME. dag Gtüd, wäre 
nicht übel. Es fieht beinahe aus, als hätte ein geſchäfts— 
fundiger Jude bereits feine Finger dazwiſchen. Ob mie 
der „Norddeutfchen Geſellſchaft“ etwa die „Norddeutſche 
Allgemeine Zeitung” gemeint jein fol? . „22,2 
Sollte man übrigens in diefer gemeinen Art und RB 
der Androhung von „Enthällungen“ u. ſ. mw. Don 
wiſſer Seite fortfahren, jo wilden jchlieplid) am 
ftändige Leute nicht länger an fid haltend 
über die Urheber, Helfer und Helfershelfer m 
Sadhe Enthüllungen zu ınaden, bie ® 
geringes Erftaunen hervorrufen würben 





























































































Hermes. 


An 
d €. Witte, 
— itte 





hier. * 

Bald darauf ſah ich mic; durch fortwährende Angriffe 
dem Stöderjhen Lager genöthigt, eine Broſchüre „Mein F 
mit Hof- und Domprediger Stöder” zu ſchreiben, Wegen 
Flugſchrift wurde das Disziplinarverfahren gegen mid) 
Bei meinen Vernehmungen gab ich in der Angelegenheit © 
Grüneberg u. U. Folgendes zu Protokoll: 

BVerhandelt am 19. Juni 1889. 
h „Ih habe diefe Broſchüre im Laufe weniger Tage 
gejchrieben, nachdem der Evangel. Oberkirdhenrat 
durch eine in den lekten Tagen des April cr. mir bes 
händigte Berfügung es abgelehnt hatte, meinem Anz 
trage auf Bernehmung des Schneiders Grüneberg 


| zu entfpreden. ...... 
Berhandelt am 22. Juni 1889. 
h „Wenn ich Seite 11 Zeile 7 ff. behauptet babe, 


dab der Schneider Grüneberg mir ſelbſt Abſchrift eines 
an ihn gerichteten Briefes des Hofprediger® Stöcker 
aus dem Dahre 78 vorgezeigt hat, jo beruht dies 
j auf Wahrheit. Sch berufe mich hierüber auf das 
| Zeugnis des Scneidermeifterd Grüneberg, NW. Luifen- 
5 jtraße 62. Ach hätte die Abſchrift diefes Briefes nicht 
) in meine Broſchüre gebradht, wenn ih nidt aus den 
verjchiedeniten Gründen recht von feinem wirklichen 
Borhandenjein und feiner Echtheit überzeugt geweſen 
wäre. Abgejehen von inneren Momenten war mir) 
nämlid) dur; den Bereinshelfer Streugberg, Auguſt— 
) itraße 83 (?) mitgeteilt worden, daß Herr von Hammerz 
4 ftein und Hofprediger Stöder im Januar und 
Februar diefes Jahres mit Grüneberg in Bezug 
auf das Vorhandenſein des Briefes verhandelt 
bezw. zu verhandeln verfuht haben, aber ber: 
geblih. Auch glaubte ic gegen jede Mißdeutung — 
durch gedeckt zu jein, daß ic; bie Angelegenheit 
Evangelifhen Oberkirchenrat zur Interfudung unke 
breitet hatte. - 














— 4 —* — 
. 
— niße {m Me Beer nr, wen 
verjchiedenften Gründen von deſſen wirflihem Borh, 
gewejen wäre Denn, abgejehen von inneren Diomenien, 
nämlich durch den Bereinshelfer Kreutzberg mitgeteilt 
Herr dv. Hammerftein und Hofprediger Stöder im 
Februar 1889 mit Brüneberg in Bezug auf das Borhan 
Diejes Briefe zu verhandeln bergeblidh berjudht 
Uebrigens habe er geglaubt, gegen jede Mißdeutung dadurch 
au fein, daß ec Die Angelegenheit dem Evangeliihen Oberk 
zue Unterfuchung unterbreitet gehabt. 
„Der Schneidermeifter Grüneberg hat jur Sade nicht ber» 
nommen werden fönnen. Er erflärte, aus innern Gründen, 
welche er fich nicht näher auslaffe, zu verweigern, irgend oeldes 9 
abzulegen. Es jei ihm befannt, daß und welche Noangemittel ya 
erfuchte orbentliche Gericht haben würde, um feine j 
erjieingen. Er fei gern bereit, dieſe Maßregel über ſich ergehen 7 
laffen, werbe aber deſſenungeachtet ſchweigen. Bei diefen Erflärungen 
iſt Grüneberg auch ſtehen geblieben, als ihm eröffnet wurde, daB «@ 
fih nur um Ausfunft darüber handle, ob ſich der ©. 11 der Broſchüte 
auszugsweife mitgeteilte Brief des Hofprediger Stöder aus dem Jahre 
1878 thatfädhlich in feinen Händen befinde, und ob im Januar ober 
Februar desf. Jahres der Redakteur von Hammerftein und Hofprebiger 
Stöder mit ihm jenes Briefes wegen verhandelt. — lieber biejen 
Punkt find alsdann der Vereinshelfer Kreugberg und ber Miffionsr 
direftor D. Wangemann als Yeugen eiblid vernommen worden. 
Kreugberg bekundet: Eines Tages im Febr. 1889 habe ihm 
der ihm ſeit deſſen eriten öffentlichen Auftreten perſönlich befanmte 
Schneider Grüneberg erzählt, wie unangenehm und nadteilig e8 ihm 
gewejen, dab im Folge eines neuerlichen Zeitungsfonfliftes zwiſchen 
Stöder und Witte fein Name in unliebfamer Weije in die Deffentlidje 
feit gebradit worden fe. Grüneberg habe ibm, dem Deugen, 
dabei mitgeteilt, daß fich in feinem Befige ein Brief bes 
Hofpredigers Stöder aus dem Jahre 1878 befänbe, im 
weldem ihn Stöder bireft beauftrage, den Pfarrer Bitte 
wegen feiner Verwendung für die Charaftererhöhung bes 
jüdifhen Konmmergienrat3 Wollheim in öffentlider Ver 
jammlung anzugreifen. Nach dem, was ihm Grüneberg ib 
den Inhalt jenes angeblidyen Briefes mitgeteilt, müfje er ammebhmen 
daß derfelbe identifh jei mit dem ©, 11 ber Witte ſche I 
Brojhüre abgedrudten Grüneberg habe weiter erzähle 
vor kurzer Zeit Hofpredbiger Stöder ihn in jeiner I 
aufgeludht, daß er fih jedoh von demfelben m 
ſprechen laſſen. Einige Tage darauf ſei der Ü 
Sreugeeitung Frei. dv. Hammerftein, bei ihm g 
mit ihm wegen Herausgabe bed Briefes berhanbeit. = 
babe es jedoch enifhieden abgelehnt, ben im 







































= A 


zeitung vom 11. April 1896 ftellt Stöder neu die Behauptung 
auf, „der Brief jei in der unterfuchenden (!) Behörde jofort (!) als 
eine Fälſchung erkannt“! Hiernach hat Stöder hier lauter 
unrichtige Behauptungen aufgejtelft! 

Gegen da3 mid) verurteilende Sonfiftorial = Erkenntnis vom 
6. März 1890 legte ich rechtzeitig im S$uni 1890 Berufung ein und 
erhielt zur Rechtfertigung dieſer Berufung eine Friſt bis zum 1. Sep- 
tember einjchließlih. Anm Abend des 1. September reichte id) 
meine umfangreiche Rechtfertigungsſchrift ein, indem ich fie einem 
vereideten Unterbeamten des Konſiſtoriums übergab. 

Im Anſchluß daran richtete ih am 2+. September 1890 an 
den Evangelichen Oberkirchenrat eine weitere Eingabe, die aus: 
Ichließlicd, die Angelegenheit Stöder-Grüneberg zum Gegenftande 
hatte, nachdem ich jie mit Anderen ſchon am 1. September er: 
Örtert. 

Am 16. Februar 1891 erhielt ic) eine voberficchenratliche 
Entfheidung von 21. Januar 1891, durch welche meine Berufung 
zurüdgewiejen wurde. Es heißt darin: 

„Die jehr umfangreihe Rechtfertigungsſchrift des 
Angeſchuldigten ging aber bei dem Konſiſtorium erft am 
2. Geptember, aijo verjpätet, ein und bleibt ſonach 
in diefem Berfahren als jolhe außer Betracht, ebenjo 
wie die meiteren nachträglichen Eingaben an den 
Evangeliihen Oberfirchenrat, eine vom 17. September 
1890, zwei vom 24. September v. %., eine vom 6. No⸗ 
vember v. J. und vom 14. Dezember v. J. Es war, 
wie geſchehen, zu entſcheiden.“ 

Zwar konnte ich jederzeit beweiſen, daß ich eine Nedıt- 
fertigungsichrift am 1. September 1890 rechtzeitig eingereicht hatte. 

Meine Berufungsihrift trägt aber in den Akten des 
Konfijtoriums das PBräjentatum des 2. September 1590 und ijt 
von Bräjidenten Hegel am 2. September dem Konſiſtorialrat 
Arnold, den Vertreter der Anklage wider mich, überwielen. Die 
Arnold'ſche Empfangsbejheinigung datiert vom 3. Ceptenber. 
In dem Berichte, mittel dejjen jie dem Evangeliſchen Ober: 
firchenrat eingereicht ijt, wird gleichfalls ald Tag des Eingangs 
der 2. September angegeben. Dagegen findet jid auf dem 
eriten DBlatte der Berufungsjchrift eine Angabe ber 
Megiftratur, wonach die Nedtfertigungsfchrift bereits 

' 1. September 1890 eingegangen ift: 
Witte, or 4